Kirche

Glockenbegrüßung ohne Glocken

Das spitze Türmchen links neben dem Glockenturm ist der Dachreiter des Kiliansdoms.

Foto: Michael May

Das spitze Türmchen links neben dem Glockenturm ist der Dachreiter des Kiliansdoms. Foto: Michael May

Letmathe.   Fehler beim Herstellungsprozess sorgt für Verzögerungen am Kiliansdom. Jetzt werden die Glocken am Freitag erwartet.

Gut eine Stunde lang sangen die Mitglieder des Oratorienchores am späten Sonntagnachmittag im Kiliansdom. Stücke von Wolfgang Amadeus Mozart, Antonín Dvořák, Joseph Haydn, oder Joseph Gabriel Rheinberger waren dabei, ebenso Auszüge aus Carl Orffs „Carmina Burana“. Die abschließende Zugabe nach langanhaltendem Applaus war der Beweis, dass es den Zuhörern außerordentlich gut gefallen hat. Auch Dirigent Paul Breidenstein machte nach dem kleinen Konzert einen zufriedenen Eindruck. Zumindest bei ihm und seinen Sängern schien drei Wochen vor dem großen Jahreskonzert an gleicher Stätte alles nach Plan gelaufen zu sein.

Seine Gastgeber, vor allem Diakon Peter Trotier und Pastor Frank D. Niemeier, waren allerdings darum bemüht, sich ihre Nervosität nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Denn ursprünglich sollte die Veranstaltung nicht ausschließlich den Auftritt des Oratorienchors zum Inhalt haben. Die Gemeinde sollte zwei neue Glocken für den Dachreiter begrüßen können, deren Weihe für den kommenden Sonntag geplant ist. Aber: Die Glocken waren gar nicht da.

Glocken sollen jetzt am Freitag ankommen

Während des Herstellungsprozesses ist es zu einem Fehler gekommen, wie Peter Trotier zu Beginn der Veranstaltung in der Begrüßungsansprache erklärte. Rechtzeitig zur Glockenweihe sollen sie aber in Letmathe eingetroffen sein. Als neuen Liefertermin nannte er den kommenden Freitag – und faltete die Hände zum Gebet. „Eigentlich sollten die Glocken heute hier gezeigt und am Mittwoch im Altenzentrum angeschlagen werden.“

Dieser Vorfall zeigt: Der Stahlguss ist auch 176 Jahre nach dem ersten in Deutschland geglückten Versuch eine hochsensible Angelegenheit, und das Gießen von Kirchenglocken gilt weiterhin als Königsdisziplin. Der große Alfred Krupp hielt dieses Verfahren einst sogar für völlig unmöglich. Er war der Meinung, Stahl könne nur geschmiedet werden. Es war Indus-trie-Pionier Jacob Mayer, der spätere Gründer des Bochumer Vereins für Gussstahlfabrikation, der es seinem Essener Rivalen vorgemacht hat. Vor allem Kirchenglocken wurden zum Aushängeschild des Konzerns. Gemeinden, die Exemplare besitzen, sind heute noch stolz darauf. St. Kilian bildet keine Ausnahme: „Zwischen 1851 und 1970 wurden dort 38 000 Glocken gegossen, davon 18 000 Kirchenglocken“, sagte Trotier. Vier davon hängen seit 1948 im großen Kirchturm. Auch das ist keine Selbstverständlichkeit. „Zu Kriegszeiten wurden immer wieder Kirchenglocken eingeschmolzen, zweimal ist das auch bei uns der Fall gewesen. Wir hoffen natürlich alle, dass das nie wieder passiert.“

Selbst der kleinste Fehler darf nicht passieren

Auch Volker Bellebaum, der Mitglied des Kirchenvorstandes ist und sich maßgeblich um die Instandhaltung der 100 Jahre alten Kirche kümmert, macht dem Herstellerunternehmen keinen Vorwurf. Die Toleranzbereiche, in dem kleine Fehler passieren dürfen, sind bei den oft tonnenschweren Gussstahlprodukten verschwindend gering. Bei Kirchenglocken gibt es sie praktisch überhaupt nicht. Und bei den neuen Glocken für St. Kilian gelten noch strengere Vorgaben: Sie sollen nicht einfach nur irgendwie schön klingen, sondern sich im Klang nicht wesentlich von den bereits existierenden Glocken unterscheiden.

Laut Trotier sind sogar die Glocken der Friedenskirche an die großen Glocken von St. Kilian angepasst. Volker Bellebaum erklärte, dass die neuen Glocken die Töne B2 und B3 von sich geben werden, während die alten Glocken B0 erklingen lassen. „Damit haben wir bald wieder ein Vollgeläut“, freut sich Bellebaum. Und er weiß: Bei der Herstellung der Glocken für die Dresdner Frauenkirche hat es auch Probleme gegeben.

Die neuen Glocken werden etwa 75 und 100 Kilogramm bei einem Durchmesser von maximal 42 und 48 Zentimetern wiegen. Ihre Höhe beträgt etwa 50 Zentimeter. Erstmals läuten sollen sie in der Adventszeit. Dazu müssen sie jedoch in den kleinen Turm gelangen. Das soll laut Bellebaum mit einem Seilzug gelingen.

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