Jugend

Handwerker auf Nachwuchssuche

Bührmann-Mitarbeiterin Dorit Sobbek erklärt Karim (re.) und Ilyas, worauf es in einer Fleischerei ankommt.

Bührmann-Mitarbeiterin Dorit Sobbek erklärt Karim (re.) und Ilyas, worauf es in einer Fleischerei ankommt.

Foto: Katz

Letmathe.   Nur vier Firmen und das bbz folgen der Einladung der Hauptschule.

Mit Fragebögen und Stiften in den Händen, mit wachem Blick und großen Augen strömen die Jugendlichen an diesem sonnigen Donnerstagmorgen in verschiedene Räume der Hauptschule Letmathe. Dort erwarten sie nicht nur jede Menge Informationen über verschiedene Berufe, sondern auch die Praktiker, die in diesen Jobs arbeiten.

Schulleiter Ulrich Bödingmeier weiß: „Die Jungs sind dem Handwerk gegenüber meist total aufgeschlossen, es ist die erste Wahl. Bei den Mädchen eher weniger, maximal das Friseurhandwerk interessiert sie.“ Ziel des zweiten „Handwerkertages“ nach der sehr erfolgreichen Premiere vor zwei Jahren sei es, den Schülern die Betriebe näher zu bringen. „Praktika öffnen Türen. Aus meiner Klasse haben vier Schüler anschließend eine Ausbildungsstelle in ihren Praktikumsbetrieben bekommen“, freut sich Konrektorin Magdalena Paul.

Dorit Sobbek ist eine derjenigen, die den „Handwerkertag“ nutzt, um Nachwuchs zu finden. Sie ist die Nichte von Ulrike Bührmann, die die gleichnamige Fleischerei betreibt und möchte das traditionsreiche Unternehmen in absehbarer Zeit weiterführen. „Ich selbst habe eine ganz normale Fleischerlehre gemacht, ab 2017 die Meisterschule besucht“, erzählt Dorit Sobbek. „Vor allem für die Produktion suchen wir dringend Auszubildende, aber das wird immer schwieriger“, sagt sie. Und: „Leider bekommen die Jugendlichen von ihren Eltern und Mitschülern immer wieder eingeredet, dass man heute unbedingt studieren muss.“ Sie selbst schätzt an ihrem Beruf „das Wissen, dass man die Menschen zum Teil miternähren kann“.

Den Jugendlichen beantwortet sie Fragen zu Arbeitszeiten, Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten. Bei einer Fleischerei kommen beispielsweise auch noch Informationen zu Arbeitsbekleidung hinzu. Die beiden 15-Jährigen Karim und Ilyas hören ihr aufmerksam zu. „Ich möchte eher Schornsteinfeger oder Elektroniker werden“, sagt Karim. Ilyas dagegen zieht es in Richtung Automobilkaufmann. „Trotzdem ist der Tag heute sehr interessant“, sagt Karim, sein Mitschüler nickt bestätigend.

Arbeitszeiten und Gehaltschrecken manche ab

Im Nebenraum stellt sich das Berufsbildungszentrum der Kreishandwerkerschaft vor. Bei Frank Dieter Röder, Ausbildungsmeister im Bereich Sanitär, Heizung, Klima, erfahren die Schüler, was sich hinter dem Berufsbild des Anlagenmechanikers verbirgt. „Das Interesse ist deutlich größer als erwartet“, berichtet Röder, während er immer wieder Fragen beantwortet. „Pünktlichkeit ist wichtig“, wirft er einem Teenager zu. Und einem anderen: „Die Arbeitszeiten sind unterschiedlich, aber nicht immer starr. Wenn jetzt diese Frau hier um 16 Uhr anruft, weil ihre Heizung kaputt ist, lassen wir sie ja nicht bis morgen frieren.“ Im Gespräch mit der Heimatzeitung erklärt Frank Dieter Röder: „Und genau das ist einer der Gründe, warum es in unserer Branche so schwer ist, Nachwuchs zu finden.“ Ungeregelte Arbeitszeiten und die Bezahlung sorgten nicht unbedingt für ein Spitzen-Image. „Eltern versuchen natürlich, das Beste für ihre Kinder rauszuholen“, weiß er.

Udo Petruschkat, ebenfalls vom bbz, hat „InKraFT“ mitgebracht. Dahinter verbirgt sich Inklusion in der beruflichen Bildung am Beispiel der Kfz-Mechatronik. Mit einer Virtual-Reality-Brille können die Schüler sich in einer Werkstatt bewegen. „So können auch diejenigen, die grundsätzlich nicht ganz für eine Ausbildung geeignet sind, Unterstützung bekommen“, sagt Petruschkat.

Sein bbz-Kollege Hermann-Josef Fox, zuständig für CNC- sowie Steuerungstechnik-Ausbildung, erklärt gegenüber gerade Achtklässlern, dass es auch ausbildungsbegleitende Hilfen gebe, wenn ein Lehrling nicht topfit ist. Auch er klagt, wie schwer es ist, junge Leute für die Branche zu begeistern.

Beim Feindrahtwerk Heinrich Stamm ist Mike Jabor für die Azubis zuständig. „Der Beruf des Drahtziehers ist leider viel zu unbekannt, deshalb nutzen wir diesen Tag sehr gern“, sagt er. Zumeist sei der Elektrobereich die erste Wahl bei den potenziellen Lehrlingen. „Wir stellen jedes Jahr zwei Auszubildende ein, haben also immer vier gleichzeitig“, erklärt Mike Jabor, der sich mehr Präsentationsmöglichkeiten für Handwerksbetriebe wie sein eigenes Unternehmen, das 100 Mitarbeiter beschäftigt, wünscht. „Hört sich cool an, bisher kannte ich Drahtzieher nicht“, flüstert ein Jugendlicher seinem Nachbarn zu.

Verwunderung über geringe Resonanz der Firmen

Sascha Zörner, Betriebsleiter beim Bosch Service Wydra, wundert sich, warum nur vier Betriebe und das bbz an einem solchen Tag an der Hauptschule Letmathe vertreten sind. „Ich war gestern beim Handwerkerfrühstück. Als dort geklagt wurde, dass Nachwuchs fehlt, habe ich gefragt, warum die Betriebe den Tag nicht nutzen. Ich habe zu hören bekommen, dass die einen nichts davon wussten, und dass die anderen keine Zeit haben.“ Letzteres Argument lässt er nicht gelten. „Zeit muss man sich nehmen, wenn man gute Leute, wobei ich da nicht auf Abschluss oder Noten schaue, haben will. Die Ausbildungsmöglichkeiten sind heute so vielfältig.“

Dass die Arbeitsagentur, mit der die Schule den Tag gemeinsam vorbereitet hatte, durch das mangelnde Interesse von Seiten der Betriebe kurzfristig Bödingmeier und seinem Team die Entscheidung über eine Absage überlassen hatte und „nur“ mit dem Berufsinformationszentrum und nicht auch mit dem Arbeitgeberservice vertreten ist, kann er nicht nachvollziehen.

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