Zeitgeschichte

Hobbyraum hält Erinnerung wach

Ernst Jeide hört und liest sich in die Vergangenheit mit Musik vom Schellack-Plattenspieler und einem „Stern“ vom 19. Mai 1956. Das Magazin gab es damals für 50 Pfennig.

Foto: Oliver Bergmann

Ernst Jeide hört und liest sich in die Vergangenheit mit Musik vom Schellack-Plattenspieler und einem „Stern“ vom 19. Mai 1956. Das Magazin gab es damals für 50 Pfennig. Foto: Oliver Bergmann

Oestrich.   In Ernst Jeides 50er-Jahre-Zimmer wird ein Stück Zeitgeschichte lebendig.

„Ich bin halt in dieser Zeit aufgewachsen und habe mit 13, 14 Jahren Konzerte ohne Ende besucht.“ Ernst Jeide fällt es nicht schwer, sich an seine Jugend in den 50er und 60er Jahren zu erinnern. Mit seiner Ehefrau Bärbel lebt der Pensionär seit 1975 in einer Hochhauswohnung in der Nähe des Autobahnzubringers – anfangs noch mit der gemeinsamen Tochter Bärbel.

Das Tefifon in Aktion

Ernst Jeide führt ein Stück Technik-Geschichte vor: Das Tefifon ist nur etwa 15 Jahre lang hergestellt worden.
Das Tefifon in Aktion

Als sie 1984, gerade volljährig, von zu Hause auszog, hatte Jeide eine Idee: Er richtete sich das frühere Kinderzimmer im Stil jener Zeit ein, die ihn bis heute fasziniert. Für die Heimatzeitung hat er die Tür in die Vergangenheit geöffnet. Zeitgenössisches Mobiliar, vom Nierentisch bis zum Musikschrank, der selbstverständlich über eine Minibar verfügt, ist alles dabei, was man erwarten darf. Aber eben noch viel mehr.

30 Jahre lang die großen Stars hautnah erlebt

Da wäre der transportable Schellack-Schallplattenspieler, der nicht ans Stromnetz angeschlossen, sondern wie eine Spieluhr aufgezogen wird. Einen Lautstärkeregler? Braucht das Koffergerät nicht. Über lauter oder leiser entscheidet die Nadel. Auf dem massiven Schrank an der einen Wand steht Jeides Blumenvasen-Sammlung. Er besitzt rund 200 Stück, wobei in jedes Exemplar nur ein paar Stiele passen. Daneben ein paar Modellautos: Die Isetta ist dabei, natürlich auch der legendäre Kabinenroller von Messerschmitt. Gegenüber hängen die Autogrammkarten der Stars jener Tage: Elvis, Little Richard, Roy Orbison, Jimmy Dean, oder Fats Domino. „Ihn habe ich bestimmt zehnmal live gesehen.“ Am häufigsten in der Westfalenhalle, wie so viele unzählige weiterer Weltstars. „Meine Frau und ich haben von 1979 bis 2009 den Ausschank und die Kantine betrieben.“ Was beiden großen Spaß gemacht hat, wie Bärbel Jeide betont. „Musik interessiert uns eben. Na ja, bis auf wenige Ausnahmen.“ „Die Mayday“, sagt Ernst Jeide entschlossen, „war das Schlimmste“.

Für zeitgenössischen Musikgenuss sorgen keine CDs oder mp3-Dateien. Viele Schätze stecken in den Rillen seiner Schallplatten – oder in denen des Schallbandes, die er mit einem nun wirklich längst in Vergessenheit geratenen Gerät zu klingen bringt: dem Tefifon. Das ist eine Kombination aus Schallplatte und Kassette. Auf einem breiten Band befinden sich eingravierte Rillen, die von einer Nadel abgetastet werden. Mitte der 60er Jahre wurde die Produktion der Geräte eingestellt.

Einmal noch den Fernseher einschalten – das wär’ was

Viele Technik-Schätze haben die Jeides auf Flohmärkten erworben – so auch ein altes Radio aus dem Hause Graetz. „Das wurde in Altena gebaut“, weiß der Sammler. Es ist nicht nur funktionstüchtig, es muss sich auch klanglich nicht vor den Geräten der heutigen Zeit verstecken. Der alte Philips-Fernseher, geschätztes Produktionsjahr 1952, würde bei diesem Vergleich sicher den Kürzeren ziehen – wenn er denn funktionstüchtig wäre. „Ich würde ihn gerne reparieren lassen. Aber wo?“, sagt Jeide. Seine Sammlung, zu der unter anderem noch die Philips-Tonbandmaschine des ab 1969 gebauten Typs 4407 gehört, bezeichnet er als komplett. „Wir suchen nichts mehr, das haben wir beschlossen.“ Es wächst nicht einmal mehr die Musiksammlung, obwohl zum Beispiel fabrikneue Spulentonbänder weiterhin erhältlich sind. „Ach“, winkt Ernst Jeide ab, „auf den Bändern, die ich hier stehen habe, ist alles drauf, was ich haben wollte.“

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