Rückblick

Im Corona-Jahr wird in Letmathe ein Mammutprojekt vollendet

Die aufwendige Innen- und Außensanierung des Letmather Saalbaus verzögert sich im Jahr 2020 teilweise coronabedingt - wovon andererseits keine Großveranstaltungen betroffen sind, die ohnehin nicht stattfinden dürfen.

Die aufwendige Innen- und Außensanierung des Letmather Saalbaus verzögert sich im Jahr 2020 teilweise coronabedingt - wovon andererseits keine Großveranstaltungen betroffen sind, die ohnehin nicht stattfinden dürfen.

Foto: Alexander Barth / IKZ

Letmathe  Der Städtische Saalbau wird 2020 wieder ein repräsentativer Sitzungsort – den auch der Stadtrat gern nutzt.

Mit der letzten Phase der Sanierung des Städtischen Saalbaus findet ein millionenschweres Projekt im Corona-Jahr 2020 seinen Abschluss. Im Februar treffen sich Vertreter von Saalbau-Verein und FDP und lassen sich von Architekt Frank Göcking die aktuellen Pläne für die Arbeiten erläutern, die im April starten. Die Umgestaltung des großen Saals und des Außenbereichs soll mit Blick auf die Kilianskirmes und andere Veranstaltungen bis Ende August abgeschlossen sein – dass die Pandemie bald völlig andere Rahmenbedingungen schaffen wird, ahnt zu diesem Zeitpunkt niemand.

Ein Statik-Gutachten hat sich als Glücksfall für das altehrwürdige Gebäude erwiesen: Das ursprüngliche Vorhaben, aus Kostengründen unter die wenig attraktive Zwischendecke aus den 1970er Jahren eine zweite einzuziehen, ist nicht umsetzbar beziehungsweise kaum günstiger als die bessere Alternative: Die Zwischendecke zu entfernen und damit die historische Stuckdecke von 1896 freizulegen, deren Zustand eine Restauration möglich und sinnvoll erscheinen lässt. Eine Computergrafik zeigt die Vision des Architekten, der die dann ebenfalls freigelegten Rundbogenfenster nutzen will, um den Saal heller und gefühlt noch geräumiger zu machen. Historische Bausubstanz, neue Lüftungsrohre im Industriekultur-Stil und auffällige Designerlampen sollen sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen, das die Veranstaltungshalle modernisiert und gleichzeitig an das prunkvolle Äußere anknüpft, mit dem die Gastwirtsfamilie Schmale seinerzeit unter dem Titel „Kaisersaal“ Zeitgenossen beeindruckte.

Als die Arbeiten im April beginnen, ist der erste Corona-Lockdown in Kraft, was das Sanierungsprojekt zunächst allerdings kaum beeinträchtigt. Den Anfang machen die Gerüstbauer, die Zwischendecke wird Stück für Stück abgetragen und entsorgt. Dicht unter dem Gewölbe entsteht ein provisorischer Boden, von dem aus opulente Stuckrosetten über Lüftungsöffnungen und die – durch die Anbringung der alten Zwischendecke teilweise in Mitleidenschaft gezogene – Stuckdecke zu sehen sind. Der darüber gelegene Dachstuhl, eine mit Stahlträgern verstärkte Holzkonstruktion, ist trotz ihres Alters von 124 Jahren erfreulich gut erhalten.

Ende Mai sind die Arbeiten in vollem Gange und teilweise deutliche Fortschritte zu erkennen: Die Aufhängung der historischen Decke wird verstärkt, die teilweise zugemauerten Bogenfenster werden frei gestemmt, zerstörte Teile des Deckenstucks rekonstruiert. Im Juli wird der Außenbereich zur Baustelle, Arbeiter reißen den Boden auf und tragen das alte Pflaster ab. Ende Juli ist die Stuckdecke wiederhergestellt und neu gestrichen, der Arbeitsboden kann bald wieder zurückgebaut werden. In die Fenster sollen in der darauf folgenden Woche neue Scheiben eingesetzt werden, außerdem sind die Arbeiten an der neuen Lüftungsanlage vorangekommen.

Ende August ist weder die Außen- noch die Innensanierung komplett abgeschlossen – es gibt aber coronabedingt auch keine Kirmes oder andere Veranstaltungen mehr, auf die Rücksicht genommen werden müsste. Teilweise machen sich inzwischen auch beim Saalbau Lieferschwierigkeiten bemerkbar, wegen fehlender maßgefertigter Pflastersteine kommt die Neugestaltung des Umfelds wochenlang nicht voran. Mitte September zeigt sich der große Saal bei einem Besuch nahezu fertig in seinem neuen Gewand. Die Lüftungsrohre und Deckenlampen, vormals nur in Entwürfen zu sehen, sind jetzt eingebaut. Letzte Hand wird unter anderem noch bei der neuen Bühnentechnik angelegt. Tische und Stühle stehen für die Einrichtung bereit, denn schon für den nächsten Abend hat die Märkische Bank den Saal gebucht und weiht ihn damit ein – wann eine offizielle Eröffnung nachgeholt wird, bleibt bis zum Jahresende unklar.

Im Oktober werden endlich die neuen Pflastersteine geliefert und können verlegt werden. Bereits installiert sind Schranken, die es zukünftig ermöglichen sollen, den Parkplatz bei Bedarf für bestimmte Veranstaltungen für den öffentlichen Parkbetrieb zu sperren. Auch wenn die Sorge der Bürger diesbezüglich groß ist: Pläne, den Parkraum zu bewirtschaften, gibt es nicht. Im November wird Kritik an den vor dem Haupteingang aufgestellten Sichtschutzelementen aus Cortenstahl laut, die längst nicht jedem gefallen. Manchen ist der neue Außenbereich außerdem zu steril. Architekt Frank Göcking verteidigt sein gestalterisches Konzept, außerdem sollen immerhin noch einige Bäume gepflanzt und Beete angelegt werden.

Im November können Autofahrer auf dem wiedereröffneten Parkplatz endlich wieder ihr Auto abstellen, es sind nur einige Stellplätze weniger als vor der Sanierung. Das kommt keinen Tag zu früh, denn der Rat der Stadt Iserlohn und städtische Ausschüsse beginnen im „neuen“ Letmather Saalbau zu tagen. Der Ratssaal am Schillerplatz reicht durch die hygienebedingt gestiegenen Platzerfordernisse, kombiniert mit einem wegen zusätzlichen Ausgleichsmandaten seit der Kommunalwahl größeren Rat, nicht mehr aus. In Ermangelung praktikabler Alternativen soll der Saalbau auf nicht absehbare Zeit weiter als Behelfs-Ratssaal dienen.

Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn eigentlich hat sich für den kleineren Raum im Anbau die Bezeichnung „Ratssaal“ eingebürgert, da hier von 1965 bis 1975 der Rat der ehemaligen Stadt Letmathe tagte. Diese Bezeichnung will die CDU offiziell machen und beantragt im Dezember außerdem, dem „Großen Saal“ in Anlehnung an die Namensgebung in wilhelminischer Zeit wieder den Titel „Kaisersaal“ zu verleihen. Zum Jahreswechsel wird durch einen ersten Widerspruch vonseiten der Grünen klar: Diese Frage könnte noch eine längere Debatte nach sich ziehen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben