Konzert

Im Schoß der Erde auf das Wesentliche konzentrieren

Mit traumwandlerischer Sicherheit bedient Günter Müller seine Instrumente im Dunklen – das einzige Licht ist hier der Blitz des Fotografen.

Mit traumwandlerischer Sicherheit bedient Günter Müller seine Instrumente im Dunklen – das einzige Licht ist hier der Blitz des Fotografen.

Foto: Max Winkler

Letmathe.   Exotische Instrumente bei Konzert in völliger Dunkelheit in der Dechenhöhle. Erfahrungsbericht mit Innenperspektive

Warnhinweise vor einem Konzert? „Sollten Sie Beklemmungen oder sonstiges Unwohlsein verspüren, dann wenden Sie sich bitte an unsere freundlichen Mitarbeiterinnen“, weist Dr. Stefan Niggemann, Leiter der Dechenhöhle, die Besucher ein. Kennt man sonst nur vom Flugzeug, doch jetzt geht es nicht hoch in die Luft, sondern tief in den Schoß der Erde.

Dort wird Klangkünstler Günter Müller die Besucher mit seinen seltenen Instrumenten auf eine Reise um die Welt nehmen. Das ist an sich keine Besonderheit, denn Müller und die Dechenhöhle sind durch viele Konzerte ein eingespieltes musikalisches Team geworden, aber etwas ist diesmal anders: Es ist ein Konzert in Finsternis. Plötzlich erlöschen alle Lichter, Dunkelheit umschließt mich, ein Didgeridoo surrt, schnurrt – und hinter mir tropft es vom Stein. Ich frage mich, Augen auf oder Augen zu? Eigentlich ist es egal, aber irgendwie ist es mir unangenehm ins Nichts, in die Leere zu starren. Ein völlig unbekanntes Gefühl. Denn auch die Dunkelheit ist heute nicht mehr das, was sie einmal war: Von irgendwoher kommt immer ein fader Lichtschein – light pollution, Lichtverschmutzung, genannt. Jetzt kommt es mir so vor, als würden meine Augen ständig versuchen, scharf zu stellen – aber ohne Erfolg.

Applaus würde während dieses Konzerts nur stören

Also dann: Augen zu, alle Sinne auf die fremdartigen Klänge. Nach dem ersten Musikstück bleibt die Stille – Gut so, denn Applaus würde nur stören. Applaus gehört nicht in diese dunkle Welt. Dann das nächste Instrument: Wie macht Günter Müller das nur? Denn auch er kann sich nicht auf seine Augen verlassen und greift trotzdem mit traumwandlerischer Sicherheit nie daneben. Der 70-Jährige kennt sich hier aus: Müller hat 1996 die Höhlenkonzerte ins Leben gerufen und als Bauingenieur das Deutsche Höhlenmuseum umgebaut. Seine Naturklangmusik setzt den Kontrapunkt zum hektischen Alltag: Sie erdet, entspannt – manchen übermüdeten Besucher vielleicht etwas zu sehr? Kippgefahr vom Stuhl inbegriffen . . . aber an diesem Abend geht alles gut.

Das Finsterniskonzert zeigt mir, wie sehr ich mich als Konzertbesucher auf die Person des Musikers auf der Bühne, seine äußere Erscheinung, seine Bewegungen fokussiere – und wie sehr ich mich dadurch ablenken lasse. Die Aufnahmefähigkeit der menschlichen Sinne ist groß, aber doch begrenzt und wenn ich dem Sehnerv die Aufgaben abnehme – so meine laienhaften Erklärungsversuche in der dunklen Dechenhöhle – vielleicht habe ich dann Kapazitäten fürs „Besser-Hören“ frei? Ich bleibe also dran – und lausche. Zugegeben: Manchmal muss ich doch schummeln, dann beuge ich mich in der hintersten Höhlenecke über mein Handy und mache beim schwachen Schein des Handy-Displays meine Notizen – das Mädchen mit den digitalen Schwefelhölzern.

Als das Deckenlicht schlagartig angeht, bin ich erleichtert. Für mich ist ein Konzert auch immer ein Stück Gemeinschaft, wenn auch mit Fremden, und besonders gesellig ist so ein Konzert im Dunklen wirklich nicht. Dankbar folge ich Günter Müllers Erklärungen zu den Instrumenten, die im Konzert erklungen sind. Darunter Raritäten wie der chinesische Gong, Kalimba oder eine japanische Zen-Flöte – und vielleicht hätte ich diese auch gerne beim Musizieren betrachtet.

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