Heimatforschung

Karl Heimann machte den Letmathern 1950 ein großes Geschenk

Diese Aufnahme von Karl Heimann entstand bei seinem Priesterjubiläum: Ein halbes Jahrhundert hatte er im Dienst der katholischen Kirche gestanden.

Diese Aufnahme von Karl Heimann entstand bei seinem Priesterjubiläum: Ein halbes Jahrhundert hatte er im Dienst der katholischen Kirche gestanden.

Foto: Pfarrarchiv St. Kilian / IKZ

Letmathe.  Dechant Karl Heimann war ein Pionier der Letmather Heimatforschung. Sein Werk wird heute fortgeführt – unter wissenschaftlicher Leitung.

Heimatverbundenheit hat in Letmathe Tradition. Auch Bemühungen, die lokale Geschichte zu erforschen und zu überliefern sind keineswegs neu. Bereits vor 70 Jahren erschien das „Heimatbuch Letmathe“ mit dem Untertitel „Ein Beitrag zur westfälischen Ortsgeschichte“. Der Verfasser war der katholische Pfarrer Karl Heimann. Zwar ging dieser spätestens aus heutiger Sicht nicht mit wissenschaftlicher Methodik vor, aber sein Werk gilt zusammen mit einem wenig später veröffentlichten Buch des Heimatvereins, das jetzt nach mehr als 50 Jahren überarbeitet und neu aufgelegt werden soll, als eins der Standardwerke für die Letmather Geschichte. Wer war dieser Pionier unter den Letmather Heimatforschern?

Als Zugezogener in die Letmather Geschichte verliebt

Karl Heimann erblickte 1873 in Hamm das Licht der Welt. Als junger Mann entschied er sich für eine geistliche Laufbahn in der katholischen Kirche und wurde 1896 in Paderborn zum Priester geweiht. Nach einer längeren Zeit im Schuldienst übernahm Karl Heimann 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, die Diaspora-Pfarrei Keppel im Siegerland. Nach Letmathe wechselte er im Jahr 1928. Bis zu seinem Ruhestand im Sommer 1945 musste Heimann sein Priesteramt im Schatten des Nationalsozialismus ausüben. Obwohl der Westfale nicht in Letmathe aufgewachsen war, entwickelte der Zugezogene bald ein großes Interesse an der Geschichte seiner neuen Heimat und veröffentlichte immer wieder Artikel zu lokalen Themen. Bei seinen Recherchen diente ihm nicht zuletzt das Pfarrarchiv als wichtige Quelle.

Den Ruhestand nutzte Karl Heimann, um seine Forschungen zusammenzuführen und zu erweitern. Aus diesen Bemühungen ging 1950 das „Heimatbuch Letmathe“ hervor, darüber hinaus verfasste der frühere Pfarrer Aufsätze zu geistlichen Themen. Karl Heimann zählte zu den Kirchenangehörigen, die im Dritten Reich das Risiko eingegangen waren, mit dem Einstehen für ihre Ideale selbst ins Visier der Diktatur zu geraten. Wegen seines mutigen Einsatzes in der NS-Zeit, aber wohl auch als Anerkennung für das „Heimatbuch“ verlieh die Stadt Letmathe Karl Heimann 1953 das Ehrenbürgerrecht. Nach seinem Tod zwei Jahre später benannte die Verwaltung außerdem die damalige Schulstraße zu seinen Ehren um – noch heute heißt die Straße zwischen Kiliansdom und Kolpinghaus Dechant-Heimann-Straße.

Die besondere Bedeutung des „Heimatbuchs“ macht erst der weitere historische Blickwinkel deutlich: Sie stellt die erste zusammenfassende Geschichte Letmathes dar. Karl Heimann konnte bei seinen Recherchen auf existierende wissenschaftliche Studien über die Region zurückgreifen, in denen Informationen zur Letmather Geschichte zuvor nur verstreut über viele Einzelpublikationen zu finden waren.

Heimann brachte als erster dievielen Einzeltexte zusammen

Als unverzichtbar für das Heimannsche Projekt erwiesen sich außerdem Vorarbeiten einer rührigen Lehrerschaft, allen voran Rektor Hermann Esser in Hohenlimburg, dann die Letmather Lehrer Heinrich Brinkmann, Engelbert Hoppe, Otto Lentmann, Matthias Merzenich, Emil Seuster und der Betreuer des Stadtarchivs, Walter Ewig. Ein Schwerpunkt des „Heimatbuchs“, wie der fachliche Hintergrund des Autors schon vermuten lässt, liegt auf der Geschichte der katholischen Gemeinde St. Kilian.

Karl Heimann würdigt in seinem Werk aber auch die Reformation in der Grafschaft Limburg sowie die Entstehung der evangelischen Gemeinde Letmathes im 19. Jahrhundert. Mit seinem „Heimatbuch“ wollte der Geistliche nicht nur Fachkreise erreichen: Ganz bewusst setzte er auf leicht verständliche Sprache und Erzählstil, um ein breites Publikum anzusprechen.

Dieser Ansatz zieht aus heutiger Sicht auch Nachteile nach sich – Heimann verzichtete auf konkrete Nachweise seiner Quellen, was den wissenschaftlichen Umgang mit seiner Publikation erschwert. Teilweise unterliefen dem Autor auch sachliche Fehler, etwa im Zusammenhang mit dem Letmather Ablassbrief von 1322. Deren Richtigstellung ist eine Aufgabe für spätere Heimatforscher – Licht in diesen konkreten Fall brachte Diakon Peter Trotier mit einem Aufsatz im Jahr 2001. Heimann hatte sich demnach beim Studium von Schriftquellen wohl schlichtweg verlesen und unter anderem einen der beteiligten Bischöfe falsch identifiziert. Die Leistung seines Vorgängers schmälere das nicht, betont Trotier: „Karl Heimann hat einen Anfang gemacht und mit viel Fleiß und Einfühlungsvermögen den Letmathern eine gut lesbare Ortsgeschichte geschenkt.“

Neue Ortsgeschichte entstehtunter professioneller Ägide

Der Vorgänger des heutigen Heimatvereins, der „Heimat- und Verkehrsverein“, stellte 1951 einen eigenen Band mit dem Titel „Letmathe. Heimatkunde für Schule und Haus“ zusammen. Diesem Werk folgte 1961 „Letmathe – eine aufstrebende westfälische Stadt im Sauerland“, das 1971 in erweiterter Neuauflage erschienen und als erste wissenschaftlich fundierte Darstellung der Letmather Geschichte gelten kann. Die Überarbeitung und Fortführung dieser Schrift ist heute keine Aufgabe mehr, die noch von einem Einzelnen bewältigt werden könnte. Karl Heimann hatte sein „Heimatbuch“ 1950 noch im Alleingang ausgearbeitet. Mit Blick auf die Komplexität lokalhistorischer Recherchen gebühre seinem Vorgänger auch heute noch Respekt, meint Peter Trotier.

Das Projekt einer umfassenden Letmather Ortsgeschichte liegt sei Sommer 2020 federführend in den Händen von Professor Dr. Hiram Kümper von der Universität Mannheim und wird zu jeweils 50 Prozent aus Fördermitteln des Landes und Spendengeldern finanziert, insgesamt werden rund 120.000 Euro investiert. Die zweite Auflage hatte 1961 nur ein weiteres Kapitel erhalten und ist seitdem nicht mehr ergänzt worden.

Neben einer Überarbeitung der Aufmachung und Bebilderung sollen Teile der früheren Geschichte wie die Ära des Nationalsozialismus auf der Basis heutiger Erkenntnisse komplett überarbeitet werden – eine Mammutaufgabe, an der sowohl weitere Mitarbeiter der Hochschule als auch Letmather Heimatforscher mitwirken. Wann die neue Auflage erscheint, steht aktuell noch nicht fest.

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