Gericht

Krankheit durch Cannabiskonsum bekämpft

Eine solche Plantage hatte der Angeklagte in seinem Keller angelegt.

Eine solche Plantage hatte der Angeklagte in seinem Keller angelegt.

Foto: Abir Sultan

Iserlohn/Oestrich.   27-Jähriger wird wegen des unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln zu neun Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

Einen Fall, wie er am Mittwoch vor dem Iserlohner Amtsgericht verhandelt wurde, hatte auch ein „alter Juristen-Hase“ wie Rechtsanwalt Dr. Frank Nobis während seiner Karriere noch nicht zu betreuen. Die Anklage gegen einen 27-Jährigen aus Oestrich liest sich zunächst nicht spektakulär: Nachbarn hatten einen „komischen Geruch“ ausgemacht, die Polizei gerufen, und bei der Durchsuchung der Einliegerwohnung des jungen Mannes im März 2017 Haschisch und Marihuana in großen Mengen und dazu 67 erntereife Pflanzen gefunden. Angeklagt wurde er wegen des Besitzes einer nicht geringfügigen Menge und wegen unerlaubten Handels mit Betäubungsmitteln.

Der Angeklagte hat den Besitz sofort eingeräumt, und zugleich hat er erklärt, weshalb er im Keller eine so genannte Indoor-Plantage angelegt und auch große Mengen gebrauchsfertigen Marihuanas zu Hause hatte. Seit etwa seinem achten Lebensjahr leide er an Akne inversa (siehe Kasten rechts), einer sehr schmerzhaften und nicht therapierbaren Erkrankung. 1994 habe er sich erstmals wegen der Beschwerden in ein Krankenhaus begeben, eine Diagnose aber erst 2003 bekommen. Kortison, Antibiotika und andere Medikamente hätten keine Besserung gebracht. Nachdem der Angeklagte mit 16 oder 17 Jahren zum ersten Mal Haschisch konsumiert und eine Linderung seiner Beschwerden verspürt habe, habe er um das Jahr 2013 wieder mit dem Kiffen begonnen.

Zwei Ärzte lehnen die Cannabis-Therapie ab

Ein Allgemeinmediziner habe seine Bitte, Cannabis als Medikament verschrieben zu bekommen, strikt abgelehnt. Ähnlich habe es sich bei einem weiteren Mediziner verhalten. „Mit Drogen will ich nichts zu haben“, habe sinngemäß die Absage gelautet. So recherchierte der junge Mann im Internet und stieß auf Dr. Franjo Grotenhermen, einen in Rüthen ansässigen Naturheilkunde-Spezialisten, der unter anderem der „Arbeitsgemeinschaft als Medizin“ vorsteht. Der ist jedoch so gefragt, dass ein Termin erst knapp zwei Jahre später angeboten werden konnte. In der Zwischenzeit gab es die Wohnungsdurchsuchung und die Sicherstellung der Drogen, die der Angeklagte sowohl geraucht als auch zum Sud für Verbände und Bäder aufgekocht hat. Und damit haben die Qualen wieder begonnen: Vier Not-Operationen innerhalb von acht Wochen musste sich der Angeklagte unterziehen, teils musste er liegend in die Klinik transportiert werden.

Im September gab es den Termin bei Dr. Grotenhermen, der seinem Patienten die derzeit maximale Menge von 100 Gramm Cannabis pro Monat verschrieben hat. Mit einem Rezept bekommt der Betroffene die Cannabisblüten in der Apotheke. „Zu wenig“, sagt der Angeklagte, denn für ein Bad benötige er allein 800 Gramm.

Staatsanwaltschaft fordertein Jahr und sechs Monate

Nach der Aussage des Angeklagten hielt der Staatsanwalt ihm zwar seine gesundheitlichen Schwierigkeiten zugute und schloss den Handel mit Betäubungsmitteln aus. Er warf dem jungen Mann aber auch vor, sich nicht genug um ärztliche Hilfe bemüht zu haben. Wegen der mit fast vier Kilogramm erheblichen Menge forderte der Staatsanwalt eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung. Verteidiger Dr. Frank Nobis dagegen plädierte auf Freispruch, da nach seiner Ansicht Paragraf 34 des Strafgesetzbuches greifen würden. Zwei von drei Voraussetzungen des darin beschriebenen „Rechtfertigenden Notstands“ seien erfüllt. Nobis verwies auf ein Urteil des Amtsgerichts Grimma, das Ende 2017 in einem ähnlichen Verfahren einen Angeklagten freigesprochen hatte.

Richter Günter Giesecke von Bergh und die beiden Schöffen dagegen haben ein anderes Urteil gefällt: neun Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung. Begründet wurde dies in der enormen Menge der Betäubungsmittel. „Exorbitante Mengen, das 47-fache des Erlaubten“, so Giesecke von Bergh. Auch die Tatsache, dass der Angeklagte bereits einmal wegen Drogenbesitzes verurteilt worden war und dass er die Plantage bewusst versteckt habe, habe eine Rolle gespielt. Dennoch, so der Richter, sei das Strafmaß der „Ausnahmesituation“ angepasst worden. Mit einem Rückfall sei nicht zu rechnen, da der Angeklagte das Cannabis nun vom Arzt verordnet bekomme.

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