Denkmäler

Kriegsgräber in Letmathe – Spurensuche nach 75 Jahren

Mehr als 30 Kriegstote wurden auf dem Friedhof Dümpelacker beigesetzt, zu dem Peter Trotier recherchiert. Einige sind umgebettet worden, einer (re.) nach Jahrzehnten in die Letmather Heimat geholt.

Mehr als 30 Kriegstote wurden auf dem Friedhof Dümpelacker beigesetzt, zu dem Peter Trotier recherchiert. Einige sind umgebettet worden, einer (re.) nach Jahrzehnten in die Letmather Heimat geholt.

Foto: Alexander Barth / IKZ

Letmathe.  Heimatforscher Peter Trotier recherchiert zu Kriegsgräbern am Dümpelacker und sucht dazu nach Zeitzeugen und Dokumenten.

Eine Gräberreihe auf dem Friedhof Dümpelacker steht etwas abseits. Hecken und eine weiße Mauer teilen einen schmalen Streifen ab, den Baumkronen wie ein Baldachin leicht beschatten. Die Maisonne fällt durch die Lücken und lässt Lichtflecken auf den grob behauenen Steinkreuzen tanzen. Alle sind mit männlichen Namen graviert, gestorben sind ihre Träger laut Inschrift in den letzten Kriegsjahren, eine auffällig große Gruppe im April 1945 – der Monat, in dem ein Fliegerangriff vor 75 Jahren noch kurz vor Kriegsende zahlreiche Opfer gefordert hat.

Blumen oder Kränze findet man hier nicht, nur vor der kleinen Mauer stehen ein paar Grableuchten. Wildwachsende Pflanzen sprießen zwischen Steinen hervor, auf den Kreuzen am linken Ende – der Anfang der Reihe – beginnt Moos zu wachsen. Zum vermutlich überschaubaren Kreis der Besucher zählt Peter Trotier, der als Diakon im Pastoralverbund und engagierter Heimatforscher ein Anliegen hat. „Ich möchte den Toten ein Gesicht geben, zumindest einen Teil ihrer Geschichte ergründen, für ein würdiges Gedenken.“

Über die Anlage ist wenig bekannt, auch nicht, wer die Kreuze in Auftrag gegeben und die Steinmetzarbeiten bezahlt hat. Eine diesbezügliche Recherche in den Kirchenbüchern sei ergebnislos verlaufen, berichtet Trotier – ursprünglich handelt es sich bei dem Gräberfeld um den „Neuen Friedhof“, nämlich den neuen katholischen. Das städtische Friedhofsamt habe auf Anfrage ebenfalls keine Erkenntnisse beisteuern können. Klar sei nur, dass die Wehrmacht als Auftraggeber ausscheidet, dafür seien die Kreuze zu spät aufgestellt worden.

Zu den Toten gibt es Eintragungen in den Sterbebüchern im Kirchenarchiv, die zum Teil Aufschluss über deren Identität geben oder zumindest Ansätze für weitere Recherchen. Die meisten Gestorbenen sind keine Letmather und nicht alle waren Soldaten. Unter denen, die in der Fremde gestorben sind und dort begraben wurden, sind auch Zwangsarbeiter. Peter Trotier betont, dass deren Schicksal nicht weniger Aufmerksamkeit verdiene als der Tod von Armeeangehörigen: „Als Todesursache ist bei einem Tuberkulose vermerkt, das wirkt alltäglich. Aber der Mann war ja nicht freiwillig in Letmathe, er ist verschleppt worden und wäre zu Hause vermutlich nicht krank geworden und daran gestorben.“

Die Kriegsopfer stammen nicht nur aus dem damaligen Reichsgebiet, sondern teilweise auch aus dem Ausland. Bis nach Frankreich und Italien hat Peter Trotier Anfragen verschickt, um mehr über die Toten herauszufinden. Ungenauigkeiten und Widersprüche zwischen Unterlagen und Inschriften erschweren diese Recherchen: „Zum Teil stimmt die Liste nicht mit den Grabsteinen überein, manche Familiennamen sind falsch geschrieben. Es gibt einen Hinweis auf eine zweite Reihe, die offenkundig nicht mehr existiert und die Reihenfolge der Sterbedaten ist teilweise nicht chronologisch, das deutet auf spätere Veränderungen hin“, erklärt der Heimatforscher.

„Flieger“: Kurze Notiz lässt tragisches Schicksal vermuten

Peter Trotier hofft auf weitere Ergebnisse durch Recherche im Stadtarchiv, das mit Voranmeldung inzwischen wieder genutzt werden kann – und auf Ältere, die sich erinnern. Wer etwas über die Kriegsgräber oder die dort Begrabenen weiß oder Hinweise auf noch lebende Zeitzeugen oder Unterlagen geben kann, wird gebeten, sich beim Heimatverein zu melden. Wie wertvoll Erinnerungen sein können, zeigt der Fall von Gerd Feller, der dem Geschichtskreis kürzlich biografische Notizen und Fotos zur Verfügung gestellt hat (wir berichteten).

Peter Trotier vermutet sogar, dass Feller darin einen der Gestorbenen beschreibt: Der Toteneintrag eines gewissen Johann Seiffert vom 17. April 1945 enthält den Vermerk „Flieger“. Gerd Feller berichtet von einem über Letmathe abgeschossenen Piloten, der sich mit einem Fallschirm retten konnte, dem im Marienhospital jedoch Arme und Beine amputiert worden sind – den Orden, der auf seinem Nachttisch liegt, kann er sich nicht einmal umhängen. Als der hilflose Patient die Ärzte fragt, warum sie ihn nicht hätten sterben lassen, ergreift der schockierte Junge die Flucht. „Vielleicht hat er hier Frieden gefunden“, hofft Peter Trotier.

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