Heimische Wirtschaft

Landwirte aus Leidenschaft – ganz nebenbei

30 Jahre früher: Das Ehepaar mit Arno (re.) und seiner großen Schwester Elena, die wie Arnos kleiner Bruder Gregor heute in Berlin lebt.Privat

30 Jahre früher: Das Ehepaar mit Arno (re.) und seiner großen Schwester Elena, die wie Arnos kleiner Bruder Gregor heute in Berlin lebt.Privat

Foto: Privat

Oestrich.  Generationswechsel auf Hof Geitmann: Arno übernimmt. Wie Dénise Zimmer unverhofft Bäuerin geworden ist.

Von Natur aus ist Arno Geitmann kein Frühaufsteher. Müsste der 31-Jährige für seinen Hauptjob als Maschinenbauingenieur die Autostunde nach Velbert nicht einplanen, würde er manchmal gern noch liegen bleiben. Seine Verlobte Dénise Zimmer (29) hat Fotografie und Filmwissenschaften studiert und bekennt: „Ich habe nie daran gedacht, Jungbäuerin zu werden.“ Trotzdem ist Arno seit Anfang Juli offiziell Betreiber des kleinen Biohofs an der Kirchstraße, mit tatkräftiger Unterstützung von Dénise. „Ich packe bei allem mit an, nur beim Mähen weigere ich mich“, erklärt diese mit neckischem Seitenblick zu Arno, der wissend lächelt.

Dem jungen Paar gegenüber sitzen Arnos Eltern, Friedhelm (64) und Eleonore „Lore“ Geitmann (59), die ebenfalls weiter auf dem Hof helfen, auch wenn die beiden nach mehr als 30 Jahren die Staffel an die nächste Generation weitergegeben haben. Schon 1986, lange bevor die Deutschen unter „Bio“ etwas anderes verstanden als ein Schulfach, reifte bei den Geitmanns die Idee, auf eine möglichst natürliche und umweltverträgliche Produktionsweise umzusatteln. „Das musst du erzählen“, delegiert Friedhelm Geitmann die Beantwortung der Warum-Frage an seine Frau, die sich gedanklich in eine Zeit der großen Ereignisse zurückversetzt.

Tschernobyl-Katastrophe ändert die Sichtweise

Eleonore ist 28 Jahre alt und seit fünf Jahren glücklich mit ihrem Friedhelm verheiratet. Die beiden blicken mit Vorfreude in die Zukunft, denn Eleonore ist schwanger. Sie vertraut darauf, dass ihr Kind in einer lebenswerten Welt aufwachsen kann – bis in der Nacht zum 26. April der Reaktorblock 4 im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl explodiert. Die Katastrophe hat auch im 1600 Kilometer entfernten Oestrich spürbare Auswirkungen. „Es war Frühling, alles blühte“, erinnert sich die heute 59-Jährige. „Aber wegen der Gefahr von radioaktivem Niederschlag durften die Tiere nicht raus, die Milch mussten wir vernichten. Schrecklich war das.“

Verunsicherung und Zweifel münden schließlich in eine Entscheidung, die das Paar gemeinsam trifft: Auf ihrem kleinen Flecken Land wollen die beiden tun, was sie können, um die natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten. Eleonore erinnert sich an ein Praktikum, das sie auf dem Hof der Familie Deckert in Hennen absolviert hat, die zu den Vorreitern in NRW zählen und bereits mit dem Verein zusammenarbeiten, der 1978 seine damals noch wenig bekannte Marke „Bioland“ hat eintragen lassen. Geitmanns nehmen Kontakt auf, lassen sich beraten und passen ihre Produktion innerhalb weniger Monate an die ökologischen Prinzipien an.

Friedhelm ist eigentlich gelernter Maschinenschlosser, Eleonore Erzieherin. Den Hof haben die beiden von Friedhelms Mutter Irmgard übernommen, nachdem sein Vater – der Kaufmann Gustav Heinrich Geitmann – 1976 mit 52 Jahren gestorben ist. „Wir haben das anfangs im Nebenerwerb gemacht und dann immer weiter ausgebaut“, berichtet Friedhelm Geitmann. Von Anfang an ist beiden klar, dass Überzeugungsarbeit dazugehört: „Um schonend zu vermitteln, dass die Eier in Zukunft etwas mehr kosten werden, haben wir die Kunden zu einem Frühstück eingeladen und das Ganze in Ruhe erklärt.“

In den ersten Jahren machen die Geitmanns damit gute Erfahrungen, doch als die grüne Bewegung abflaut, müssen sie den Gürtel enger schnallen. „Es reichte hinten und vorne nicht, deshalb bin ich streckenweise als Kraftfahrer arbeiten gegangen“, erinnert sich der 64-Jährige. Öffentliche Debatten fallen nicht immer zugunsten der Biolandwirtschaft aus: Als etwa Rohmilch in Verdacht gerät, Infektionen auszulösen, hören die Geitmanns auf, zu melken und schaffen stattdessen Mutterkühe für die Fleischproduktion an. Seit sie Mitte der 90er-Jahre mit den Erlösen aus dem Milchverkauf eine Wurstmaschine angeschafft haben, können sie vor Ort eigene Metzgereiware herstellen. Das Schlachten übernimmt ein Fachbetrieb in Unna, der über eine Bio-Zertifizierung verfügt.

Konflikte mit militanten Tierschützern gibt es nicht

Fleisch steht bei den Geitmanns ganz selbstverständlich auf dem Speiseplan. „Ich war selbst mal Vegetarierin. Das sind aber so wenige unserer Kunden, eine extra Ecke würde ich dafür in unserem Hofladen nicht einrichten“, bekundet Dénise. Ihr sei vor allem Aufrichtigkeit wichtig: „Kinder sollten lernen, dass für ihre Wurst Schweine geschlachtet werden. Entscheiden muss das jeder für sich selbst.“ Auf die Frage nach Auseinandersetzungen überlegt die Familie kurz, dann schüttelt Friedhelm Geitmann den Kopf: „Konflikte mit militanten Tierschützern hatten wir noch nie.“

Auch mit den herkömmlichen Landwirten pflegen die Geitmanns nach eigener Aussage harmonische Beziehungen, auf Missionierung legt die Familie keinen großen Wert. Das Bild der qualvollen Massentierhaltung würde auf die Bauern hier in der Region ohnehin nicht passen, meint Dénise. Das eigene Geschäft floriere durch den Bioboom der letzten Jahre, auch die Konkurrenz durch Biomärkte und die Bio-Produktlinien der Discounter sei auf dem Hof nicht zu spüren – ihre Stammkunden, eine überschaubare Gruppe, beschreiben die Geitmanns als sehr treu und am persönlichen Kontakt interessiert. „Viele bestellen vor. Es gibt sogar welche, die sich abmelden, wenn sie in den Urlaub fahren. Wir wirtschaften hier in kleinen Dimensionen und produzieren nur so viel, wie wir vor Ort auch verkaufen“, erklärt Arno.

Offen geht die Familie mit der Tatsache um, dass keiner von ihnen gelernter Fachmann ist. Mit privatem Engagement versuchen sie, stetig dazuzulernen. Mit jeder Entwicklung können sie dabei nicht Schritt halten, etwa mit dem BBQ-Trend aus den USA: „Die Leute geben manchmal Bestellungen auf, da müssen wir erst mal die englischen Fachbegriffe nachschlagen“, berichtet Dénise leicht amüsiert – natürlich sei der Kunde König, aber auf jeden Zug müsse man deswegen nicht aufspringen, gibt sie zu verstehen.

Eleonore Geitmanns Entschluss, ein Stück heile Welt zu bewahren, scheint Früchte getragen zu haben. Daran ändert auch die benachbarte Autobahn nichts, die das Bild von Oestrich seit ihrer Kindheit verändert hat. „Wir leben hier unter dem größten Carport der Welt“, flachst Dénise und verzichtet auf naturromantisches Wehklagen: „Wir benutzen die Autobahn selbst, also können wir uns schlecht beschweren.“

Tatsächlich haben sich Arno und die aus Deilinghofen stammende Dénise beim gemeinsamen Hobby Motocross kennengelernt. In ihre Rolle als Jungbäuerin sei sie „hineingerutscht“, als sie für ihre Schwiegermutter in spe einsprang, die mit einem gebrochenen Fuß ausfiel. Bereut hat sie das nie, im Gegenteil: Sie strahlt, wenn sie über den Hof als ihr Zuhause spricht. Auch Arno hat Grund zum Strahlen, als er anmerkt: „Noch sind wir verlobt, aber das wird sich bald ändern.“

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