Soziales Engagement

Letmatherin Gabriele Schiebel erhält Bundesverdienstmedaille

Landrat Thomas Gemke überreicht den Verdienstorden an Gabriele Schiebel.

Landrat Thomas Gemke überreicht den Verdienstorden an Gabriele Schiebel.

Foto: Michael May / IKZ

Letmathe.  Für ihr langjähriges Engagement als Seelsorgerin ist Gabriele Schiebel mit der Verdienstmedaille des Bundesverdienstordens ausgezeichnet worden.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Als sie davon erfuhr, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ihr die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verleihen möchte, war Gabriele Schiebel ein wenig „verdattert“, wie sie gesteht. „Ich habe gesagt: ,Aber ich doch nicht, ich bekomme doch schon so viel.’“ Grund für die Auszeichnung ist die Tatsache, dass sich die ehemalige Berufsschullehrerin seit 1986 bei der Telefonseelsorge engagiert.

„Es war der 17. April, als eine meiner Schülerinnen Suizid begangen hat. Ich habe bei der Telefonseelsorge angerufen, aber nicht, weil ich getröstet werden wollte, sondern weil ich lernen wollte, die richtigen Worte zu finden und zu helfen, dass so etwas nicht wieder passiert“, erinnert sich die heute 73-Jährige. Während sie die aus ihrer Sicht „sehr gute“ Ausbildung zur ehrenamtlichen Mitarbeiterin der Telefonseelsorgerin absolvierte, habe sie sehr viel über sich selbst erfahren – und gelernt, dass sie ihrer Schülerin nicht hätte helfen können. Mehr als 1000 Dienste am Telefon leistete sie in all den Jahren und konnte so manches Mal durch Zuhören helfen.

Am Sorgentelefon hat sie sich selbst neu kennengelernt

Seit dem Jahr 2000 bietet die Telefonseelsorge ihre Hilfe auch per E-Mail und Chat an. „Viele der Anrufer wollten eigentlich noch nicht einmal ihre Stimme zeigen“, sagt Gabriele Schiebel, die dann in die elektronische Beratung wechselte. „Auch per Mail kann sich eine ganz intensive Beziehung entwickeln“, erklärt sie. Und mit einem Lächeln unterstreicht sie, dass sie nicht nur unzählige schreckliche Geschichten gehört hat: „Ich lese auch ganz viel Schönes, daraus ziehe ich meine Kraft. Ich sehe, dass ich mein Leben immer wieder hinkriege.“ Mehr als 600 Menschen hat sie mittlerweile auf dem elektronischen Weg geholfen. „Wenn ich die Ehrenamtlichen von der Telefonseelsorge nicht hätte, wäre mein Leben anders verlaufen“, sagt die Diplom-Sozialarbeiterin.

Die Hilfe per Chat oder E-Mail ist nicht die einzige Aufgabe, der sich die Rentnerin widmet. „Angefangen hat alles 2014 auf einer Reise, als wir es uns in den Kopf gesetzt hatten, durch eine sechswöchige ehrenamtliche Tätigkeit im Kindergarten Noluthando und einer Schule in Hout Bay (Kapstadt) Land und Bevölkerung näher kennen zu lernen“, blickt Gabriele Schiebel zurück. Mit „wir“ meint sie sich und ihre Partnerin Angelika Ippendorf, ehemalige Altenpflegerin. Was sie in den riesigen Townships erlebt hatten, erschütterte die Frauen derart, dass sie insbesondere für die Allerjüngsten dort etwas tun wollten. „Sie sind die Ärmsten, haben aber die allergrößten Chancen“, erzählt Gabriele Schiebel, die 2015 zusammen mit Angelika Ippendorf den Verein „Noluthando“ gründete. „Wir hatten keine Ahnung, aber eine Menge Mühe. Ein Hohenlimburger Anwalt hat uns zum Glück ehrenamtlich unterstützt“, verrät die Gründerin.

Das Ziel: Erzieher aus den Townships weiterbilden und ihnen vor allem für Schützlinge zwischen sechs Monaten und drei Jahren grundlegendes pädagogisches Wissen zu vermittelt. „Wir haben viel Werbung in unserem Umfeld gemacht, um die ersten Gelder zu sammeln. Nach einem Jahr hatten wir die Kosten für die erste Erzieherin zusammen, inzwischen sind es fünf Zusatzkräfte, die in der Frühförderung eingesetzt werden. Erst ab dem vierten Lebensjahr passiert dort etwas mit den Kindern, es wird mit ihnen gelernt. Zuvor werden sie nur verwahrt“, erklärt Angelika Ippendorf.

Betreuung und warme Mahlzeiten für Straßenkinder

Das erste Projekt „Curious Kids – in nappies“ betreut inzwischen 115 Kinder. Da sich viele Eltern in Südafrika keinen Kindergartenplatz leisten können, riefen die beiden Frauen gleich das nächste Projekt ins Leben: „Chreche Babies – no street Babies“. Zunächst für sechs Kinder übernahm der Verein die Kosten für den Ganztagskindergartenplatz, sie bekommen nun regelmäßig zwei Mahlzeiten, leben nicht mehr auf der Straße und werden gefördert. Inzwischen werden 30 Mädchen und Jungen die Kindergartenplätze gesponsert. „Die Kinder probieren sich aus, erleben ihre Fähigkeiten und verlangen mehr, wenn sie gefördert werden“, sagt Angelika Ippendorf. In einem Mutter-Kind-Programm werden die Teilnehmerinnen neben der Frühförderung in Hygiene, Ernährung, Unfallverhütung und vielem mehr ausgebildet. Englischunterricht und Schwimmkurse wurden und werden bereits finanziert. Als nächstes Projekt planen die Letmatherinnen, der kleinen „Tania“ den Besuch einer Privatschule zu finanzieren. Sie ist das erste Kind, dass das Programm erfolgreich durchlaufen hat. Dafür muss ein großer Geldbetrag über Jahre gestemmt werden.

Zwei Mal pro Jahr fliegen die beiden Frauen nach Südafrika, bleiben dort jeweils drei Monate. „Das wollen wir aber künftig reduzieren, wir haben inzwischen ein gutes Netzwerk vor Ort“, erklärt Gabriele Schiebel. Sie und Angelika Ippendorf mussten bei ihren bisherigen Besuchen vor allem eins lernen: „Geduld, den Dingen ihren Lauf lassen.“ Und, dass Bildung in Südafrika nicht im Vordergrund steht – Hunger, Gewalt die Mühendes täglichen Lebens bewegt die Menschen dort. „Benachteiligung ist ein großes Thema“, weiß Gabriele Schiebel. Die zweifache Mutter und dreifache Oma hat gestern im Restaurant Schlesierland in Hagen von Landrat Thomas Gemke und dem stellvertretenden Bürgermeister Michael Scheffler die Auszeichnung erhalten. Etwa 35 Freunde, Verwandte und Kollegen von der Telefonseelsorge und dem Verein Noluthando waren dabei.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben