Geschichte

Lösseler nahmen lange Wege zur Arbeit auf sich

Mechthild Pfeil referierte in der Geschichtswerkstatt über die früheren Arbeitgeber und Arbeitsplätze vieler Lösseler. Ihre Ausführungen wurden von den anderen Mitgliedern dann noch um eigenes Wissen ergänzt.

Mechthild Pfeil referierte in der Geschichtswerkstatt über die früheren Arbeitgeber und Arbeitsplätze vieler Lösseler. Ihre Ausführungen wurden von den anderen Mitgliedern dann noch um eigenes Wissen ergänzt.

Foto: Michael May

Lössel.   Die Lösseler Geschichtswerkstatt beschäftigte sich mit den Firmen, bei denen die Menschen aus dem Dorf in Lohn und Brot standen.

„Wo die Lösseler ihr Geld verdienten“ stand im Mittelpunkt des jüngsten Treffens der Geschichtswerkstatt in der Begegnungsstätte.

Eine der in der Region ansässigen Firmen war Michels und Breuker. Referentin Mechthild Pfeil erinnerte an die Gründung im Jahr 1902 an der Untergrüner Straße, wo das Unternehmen später Eisenguss- und Metallgussteile für die Auto-, Leuchten und Möbelindustrie produzierte. 1980 erfolgte der Umzug in das ehemalige Schlieper-Gebäude an der Untergrüner Straße 208. Sie berichtete von Höhen und Tiefen, von Entlassungen, Abfindungen und Wiedereinstellungen bis hin zum Konkurs. Die Hälfte der Belegschaft sei bei anderen Unternehmen untergekommen.

„Die meisten Lösseler arbeiteten bei Phoenix in Nachrodt“, berichtete Mechthild Pfeil und beleuchtete die wirtschaftshistorischen Hintergründe der Situation im Lennetal. Ab dem 14. Jahrhundert wurde Wasserkraft in den Tälern genutzt. Sie erinnerte an den Riedemeister Stephan Johann Holtzbrinck aus Altena, der mit dem Helbecker Hammer Osemundeisen an der Lenne produzierte und am Stauwehr ein Grabensystem errichtete, um die Unregelmäßigkeit der Lenne-Wasserkraft auszugleichen.

Schauermühle war Ursprung für Phoenix in Nachrodt

Eine 1809 gegründete Nadel-, Schauer- und Schleifmühle bildete den Anfang von Phoenix. 1816/17 wurde die Schauermühle von Johann Heinrich Schmidt aus Iserlohn erworben. Er errichtete das erste Puddelwerk, das von seinem Sohn Eduard und später von Robert und Emma Löbbecke weitergeführt wurde. Rund 500 Arbeiter waren in dem Werk beschäftigt, das Walzdraht und Bandeisen, Schwarz- und Weißbleche sowie Maschinenteile und Tombakplatten herstellte.

Mechthild Pfeil ging auch auf die Verkehrsentwicklung ein, den Straßenbau und die Anfänge der Ruhr-Siegbahn zwischen Hagen und Letmathe sowie Letmathe und Altena ab 1859, die Strecke Iserlohn-Letmathe ab 1864. 1886 wurde die Strecke zweigleisig, 1965 elektrifiziert. 1873 wurde das Werk in die neue Westfälische Union AG für Bergbau-, Eisen- und Drahtindustrie mit Sitz in Hamm eingebracht, 1897 fusionierte dieses Werk mit der Phoenix AG für Bergbau- und Hüttenbetrieb in Laer. Um 1900 errichtete das Unternehmen Werkswohnungen und ein Ledigenheim in Werdohl. Dazu zeigte Mechthild Pfeil historische Fotos. 1913 hatte das Werk 1250 Arbeiter. 1918 wurde die Drahtzieherei stillgelegt, 1923 der Puddelbetrieb, 1926 gehörte Phoenix zum Verbund der Vereinigten Stahlwerke AG und wurde zwischen 1931 und 1934 stillgelegt. In dieser Zeit waren 90 Prozent der männlichen Einwohner von Nachrodt arbeitslos, viele auch in Lössel. 1934 folgte die Fusion mit den Hüttenwerken Siegerland, 1939 wurden einige Blechwalzstraßen stillgelegt. 1941 wurde die gesamte Firma, die immer wieder für die Frauenhilfe Lössel Geld gespendet hat, geschlossen. Sie wurde an die IG Farben verkauft und in Westfälische Leichtmetallwerke Nachrodt umbenannt. Von 1943 bis ‘45 war die Firma geschlossen. Ab 1964 gehörte der Betrieb dem amerikanischen Reynolds-Konzern, 2000 erfolgte die Übernahme durch Alcoa. 2002 habe die Zweigniederlassung der Gruppe vor Ort noch 95 Mitarbeiter beschäftigt, 2007 folgte die Umbenennung in Kawneer Alcoa. Zehn Jahre später kam das Aus am Stenglingser Weg, 40 Beschäftigte verloren damals ihren Job.

Nach Zwölf-Stunden-Schicht noch den Garten bestellt

„Mein Schwiegervater ist über 50 Jahre zu Phoenix gegangen“, berichtete eine Teilnehmerin von einem Fußweg von einer halben Stunde, den auch die Frauen auf sich nahmen, um ihren Männern das warme Essen in Henkelmännern zu bringen. Nach Zwölf-Stunden-Tagen seien die Männer noch in den Garten gegangen. „Die Kinder machten sie nachts um vier“, scherzte ein Lösseler angesichts der langen Tage. „Früher sind die Arbeiter zu Fuß zur Arbeit gegangen, da wurden die Wege rund um Lössel noch gemacht, heute wächst alles zu. Mein Vater hat in drei Schichten gearbeitet und hat dann noch unseren Garten bestellt“, erzählte Hertha Eckstein, mit 93 Jahren eine der ältesten im Geschichtskreis. „Wir hatten Landwirtschaft und brauchten während des Krieges nicht zu hungern. Wir haben selber unser Korn gedroschen. Vorm Krieg haben wir einen Motor gekriegt, da brauchten die Pferde nicht mehr laufen. Im Krieg haben wir den in die Mühle gebracht.“ Wie die Teilnehmer der Geschichtswerkstatt, die insgesamt 24 Mitglieder hat (Durchschnittsalter 82,4 Jahre), berichteten, arbeiteten Lösseler in der Vergangenheit außerdem bei der früheren Iserlohner Kreisbahn (heute Märkische Verkehrsgesellschaft, MVG), den Kettenwerken Schlieper, bei Heuer Hammer, Serafini und Röttgers.

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