175 Jahre IKZ

Marc Löhr erinnert sich: „Polizei Letmathe, ist Ihr Sohn da?“

Sayonara, Tante Clara! Wenn Marc Löhr – wie hier bei den „Tischgesprächen“ im Hotel Neuhaus – höchst informativ und amüsasant die Unterschiede zwischen seinem Leben in der deutschen Heimat und seiner heutigen Lebensmitte in Japan herausarbeitet, dann ist es im Saal mucksmäuschen still.

Foto: Manuela Schwerte

Sayonara, Tante Clara! Wenn Marc Löhr – wie hier bei den „Tischgesprächen“ im Hotel Neuhaus – höchst informativ und amüsasant die Unterschiede zwischen seinem Leben in der deutschen Heimat und seiner heutigen Lebensmitte in Japan herausarbeitet, dann ist es im Saal mucksmäuschen still. Foto: Manuela Schwerte

Yamaguchi/Letmathe.   Vom „Letmather Hilfs-Stift“in der IKZ-Redaktion zur universitären Führungspersönlichkeit in Japan. Der Lebensweg des Marc Löhr darf getrost als außergewöhnlich bezeichnet werden. Ein Grußwort zum IKZ-Jubiläum.

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Mit 16 ist man ja noch etwas übermütig – und genau das war auch ich, als ich an einem Donnerstagnachmittag 1980 in die Letmather Lokalredaktion des IKZ trat, um mich als freier Mitarbeiter zu bewerben. Ein bereits dort arbeitender, älterer Schulkollege hatte mich darauf hingewiesen, dass ein weiterer Mitarbeiter gesucht würde. Er hatte mich angesprochen, da ich neben einem Grundinteresse für Journalismus noch etwas viel wichtigeres, ja für diesen Job unerlässliches besaß – eine Spiegelreflex-Kamera.

So stand ich also vor dem Leiter der Lokalredaktion, doch die Ernüchterung folgte auf dem Fuß, in Form einer einfachen Frage: „Können Sie Schwarzweiß-Filme entwickeln?” Auf meine prompte Verneinung und das Erstaunen, was man bei einer Lokalzeitung so alles können muss, folgte noch ein „Na, dann kommen Sie wieder, wenn Sie es können“, und im Nu war ich zurück auf der Straße vor der Redaktion.

Und plötzlich konnte er sogar richtige Filme entwicklen

Mein Weg führte mich aber nicht nach Hause, sondern schnurstracks einige Häuser weiter in ein Fotogeschäft, wo ich mich mit einer Entwicklungstrommel, den nötigen Chemikalien und einigen grundlegenden Tipps zum Entwickeln von Filmen ausrüsten ließ. Zu Hause fand sich in einer alten Kamera ein fast vergessener, belichteter Schwarzweiß-Film, der nun als dankbares Lernobjekt diente.

Das Ergebnis meines ersten Entwicklungsversuchs fand ich gar nicht so übel, und so stand ich am darauffolgenden Tag schon wieder vor dem Leiter der Letmather Redaktion. Ich hielt die Negative hoch und erklärte: „Ich kann jetzt entwickeln.“ Zu meiner großen Überraschung bekam ich stante pede noch für diesen Nachmittag meinen ersten Termin, ich sollte über ein kleines Kinderfest im Volksgarten berichten.

Noch heute erinnere ich mich gut daran, wie ich damals dem Veranstalter des Fests meine Fragen stellte – mit butterweichen Knieen und pochendem Herzen, denn gerade erst hatte ich realisiert, dass ich nicht mehr der „Marc vom Gymnasium“ sondern der „Löhr vom IKZ” war.

In den folgenden Jahren wurde ich auf unzählige Termine geschickt, lernte jeden Verein in Letmathe und Umgebung kennen, wurde Spezialist im Umschreiben eingereichter Texte, im Ablichten unzähliger Nikoläuse wie auch im Frittenholen auf dem Weg zur Polizei. Nach Schulende ging es direkt in die Redaktion, und auch wenn es mal nichts für mich zu tun gab – was eher selten der Fall war – erfreute ich mich an der Stimmung, den Gesprächen und den zahlreichen Gästen, die tagein tagaus hereinschauten.

Ich weiß nicht, ob ich der Letmather bin, dessen Lebensweg der IKZ am nachhaltigsten beeinflusst hat, aber die Erfahrungen in der Letmather Redaktion haben mich so eingehend geprägt, dass ich die Anekdoten aus meiner Arbeit dort nun seit fast 25 Jahren als Lehrer in meine medienwissenschaftlichen Kurse an der Yamaguchi Universität in Japan einfliessen lasse. Das hätte ich mir sicher nicht einmal im Traum vorgestellt, als ich damals mit den Negativen in der Hand in der Redaktion vorsprach. Wer weiß, ob ohne die zahllosen Berichte über Vereinsveranstaltungen am Wochenende, ohne das Redigieren eingereichter Texte und ohne die Suche nach neuen, interessanten Themen, über die es sich zu berichten lohnen könnte, mein Wunsch, hauptberuflich als Journalist zu arbeiten geweckt worden wäre. Von der Idee, Journalist zu werden, war es dann nur noch ein kleiner Schritt zum nächsten Ziel, als Auslandskorrespondent zu arbeiten, und der Suche nach einer „fremden“ Sprache, die mir bei der Verwirklichung dieses Ziels zum Vorteil gereichen würde. Dass es mich dabei letztendlich nach Japan und auf die andere Seite des Journalismus, nicht mehr als Beteiligter sondern als Beobachter, verschlagen hat, ist da nur eine Fußnote.

Das gemeinsame Bier am Tresen kann wichtiger sein

Gelernt habe ich in der Letmather IKZ-Redaktion wahrlich viel, seitdem ich in jungen Jahren nicht mehr nur Leser sondern auch Beteiligter war. Einige dieser Dinge, die ich aus meiner Zeit dort inhaliert habe, kann ich nun glücklicherweise meinen Studenten in Japan vermitteln. Was ich gelernt habe, möchte ich folgend zusammenfassen, auch wenn es in Wirklichkeit nur einen Bruchteil darstellt.

Gelernt habe ich nicht nur, wie man Artikel schreibt, redigiert oder mit Überschriften versieht, sondern vielmehr auch, was hinter den Artikeln im Lokalteil einer Zeitung steht. Die Artikel, die wir täglich in der Heimatzeitung lesen, stellen nur die Spitze des Eisbergs dar. Sie sind der zusammengekochte Sud weitreichender Bemühungen, wobei das gemeiname Bier am Tresen oftmals wichtiger ist als die offiziösen Fragen an den Pressesprecher.

Gelernt habe ich auch, dass eine Dartsscheibe ein wichtiger Kommunikationsfaktor sein kann. Zu meinen Zeiten als freier Mitarbeiter hing eine solche Scheibe in der Letmather Lokalredaktion und sie entpuppte sich als Dorfbrunnen, an dem man sich auf ein Schwätzchen versammelt. Die Besucher der Redaktion, die zumeist Informationen über Veranstaltungen ihrer Vereine mitteilen wollten, blieben gerne auf ein Match. Da wurde natürlich viel palavert und so manche Hintergrund-Info– zumeist zum Gut beider Seiten – preisgegeben.

Gelernt haben meine Eltern und ich, dass nicht jeder Anruf von der Polizei ein Problem sein muss. Es ergab sich zu einer Zeit, dass die beiden hauptamtlichen Redakteure der Letmather Lokalredaktion nicht im Ort wohnten und Polizei sowie Feuerwehr die Telefonnummer meiner Eltern als Kontakt im Notfall angegeben wurde. Der IKZ stellte natürlich die bei Unfällen oder Bränden geschossenen Fotos den offiziellen Stellen zur Verfügung und so wollten diese, dass jemand zum Ort des Geschehens kommt. So konnte es passieren, dass bei Löhrs spät am Abend das Telefon klingelte und es auf der anderen Seite hieß, “ Polizei Letmathe, guten Abend, ist Ihr Sohn da?”. Anfangs waren meine Eltern etwas irritiert, aber als sie realisierten, worum es ging hieß es auch spat in der Nacht ganz trocken: “ Is’ mal wieder für Dich”

Gelernt habe ich zudem, wie wichtig Neutralität in der lokalen Berichterstattung ist. Man mag argumentieren, was Neutralität bedeutet, ich meine hier die Abwendung von Interessenskonflikten. In einigen Ländern ist die lokale Presse aktiv – teilweise mit Investitionen in medienfremde Industrien - in die regionale Gesellschaft involviert. In Japan, etwa spielen sich die Zeitungen zuweilen zu stark als Wohltäter auf, sind sie zu aktiv. Sie sponsern fast alle lokalen Ereignisse, berichten aber dann auch nur über die, die sie gesponsert haben, und schweigen zum übrigen Geschehen.

„Und wehe, wir hatten auch nur einen Termin weniger“

Meinen Studenten erzähle ich als Vergleich zu dieser Haltung gerne, wie wir uns oftmals Samstagsmorgens in der Letmather Lokalredaktion des IKZ getroffen haben, um die in der Morgenausgabe aufgelisteten Veranstaltungstermine mit denen der Konkurrenz zu vergleichen. Und wehe, wir hatten einen Termin weniger aufgelistet als diese. Aber genau das ist es, was die Heimatzeitung ausmacht. Neutral über alles, was in der Region passiert, berichten zu können, erfordert, dass man selber neutral ist.

Im Kontext der Neutralität habe ich noch etwas weiteres gelernt. Die Lokalzeitung darf nicht selbstgerecht sein, sich nicht als Retter aufspielen auch wenn sie retten kann. Das kann immer nur das Resultat sein, aber nicht die Aufgabe. Die wohl wichtigste Erfahrung, die ich persönlich beim IKZ machen konnte, ist die des Guts der inneren Pressefreiheit im deutschen Journalismus – das Recht des Journalisten auf seine eigene Meinung innerhalb des Mediums.

Ich sollte über ein Fußballturnier berichten und fand dort angekommen, dass die Spieler betrunkener waren als die Zuschauer...und so durfte ich das auch im IKZ in einem Kommentar kundtun. Der Sportverein ließ nicht lange auf sich warten, sprach in Iserlohn vor dem IKZ-Chefredakteur vor und forderte, mich in die Wüste zu schicken. Der Chefredakteur wiederum pochte – wohlbemerkt bei einem kleinen freien Mitarbeiter – auf die innere Pressefreiheit der Journalisten, die selbst ein solcher freier Mitarbeiter genieße, und gab dem Sportverein gleichzeitig in der Zeitung Platz, sich zu der Materie zu äußern, aber ich war aus dem Schneider. Natürlich hat mir der Chefredakteur nachher noch seine Meinung gesagt, aber die war eher freundlich gesinnt.

All diese vielen Erfahrungen haben mich in meinem Leben entscheidend geprägt und ich bin froh darum. Zum Jubiläum ein „Kanpai” (Prost) aus Japan.

Yamaguchi University Faculty of Global and Science Studies

Prof. Dr. Marc Löhr

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