Pandemie

„Melange“ bei Pollmeier – trotz Krise neues Programm geplant

Dr. Thomas Eicher ist der Kopf des „Melange“-Vereins.

Dr. Thomas Eicher ist der Kopf des „Melange“-Vereins.

Foto: Alexander Barth / IKZ

Letmathe.  Dr. Thomas Eicher will ein „Melange“-Programm für das nächste Halbjahr vorlegen – gibt sich aber keinen Illusionen hin.

Seit vielen Jahren bilden die Veranstaltungen des „Melange“-Vereins von Dr. Thomas Eicher eine feste Größe nicht nur im Iserlohner Kulturangebot, die Termine in der Gennaer Gaststätte Pollmeier sind regelmäßig ausgebucht. Am Freitag hätte eine Hommage an den Liedermacher Reinhard Mey das Publikum erfreuen sollen, doch im Kalender findet sich nur der Corona-Rotstift. Nichtsdestotrotz hat der Literaturwissenschaftler, Dozent, Moderator, Rezitator und Kulturmanager angekündigt, in Kürze ein neues Halbjahresprogramm für „Melange“ vorzustellen.

„Als der Shutdown kam, hatten wir schon fast alle Termine beisammen“, erklärt Eicher diese überraschende Wendung. Letztlich, räumt er ein, wisse natürlich niemand, wo es hingeht: „Es ist ja nicht nur unklar, ob solche Veranstaltungen im Herbst erlaubt sein werden. Es drohen auch Ausfälle bei den Gastronomien“, skizziert er die Problemfelder. Im Fall einer Dortmunder Kneipe, die der Kaffeehauskultur bislang Obdach geboten hat, sei das Ende bereits besiegelt. „Die retten sich mit der Soforthilfe noch über den Mai, aber dann wird Schluss sein“, so die nüchterne Prognose.

Dr. Thomas Eicher erklärt mit dem für ihn typischen vergnügten Sarkasmus, ihm bleibe derzeit gar nichts anderes übrig, als Optimismus zu verbreiten. Trotzdem lässt er keinen Zweifel daran, dass er mit seinem „Melange“- Verein ebenfalls mit dem Rücken zur Wand steht. Derzeit würden Bemühungen laufen, im Rahmen des noch oder wieder Erlaubten Events auszurichten, das sei aber nicht ganz einfach. „Wir wollen starten mit einer Outdoor-Veranstaltung im Dortmunder Rombergpark. Das dortige Kulturbüro und die Betreiberin des Cafés sind dafür, die Verwaltung hat für so etwas noch keine speziellen Richtlinien erarbeitet. In der Verordnung des Landes heißt es, dass sich bis zu 100 Personen im Freien versammeln dürfen, wenn der Mindestabstand eingehalten wird.“

Das führe dazu, dass man „wahnsinnig viel“ Platz benötigt, um annähernd wirtschaftlich planen zu können. Außerdem gebe es viele Detailfragen, über die man stolpern könne – für Blechbläser etwa gelte ein Sicherheitsabstand von sage und schreibe zwölf Metern, der sich nur durch den Einsatz von Plexiglaswänden umgehen ließe. Und überhaupt müsse bei Musik unter freiem Himmel auch eine Genehmigung für die Beschallung erwirkt werden – ohne Umdenken und Mehraufwand lässt sich gar nichts erreichen.

Für Kulturschaffende ist Online kein Allheilmittel

Auf Digitalisierung zu setzen berge seine eigenen Fallstricke: „Zunächst einmal stellt sich die Frage, wie man so etwas ohne finanzielle Mittel umsetzen soll. Wer jetzt in der Krise ohnehin schon kein Geld hat, kann ja nicht noch zusätzlich welches in die Hand nehmen.“ Als Dozent mache er an der Uni gerade die Erfahrung, dass die Vorbereitung eines Onlinekurses mindestens den dreifachen Zeitaufwand einer herkömmlichen Präsenzveranstaltung erfordert.

Zudem zieht Eicher den positiven Nutzen von Online-Konzerten und -ausstellungen, die gratis eingestellt werden, in Zweifel: „Anders als für Pay-TV zahlt dafür niemand etwas. Wenn Künstler nur noch ihrem Impetus folgen, um jeden Preis Präsenz zu zeigen, wirkt sich das kulturpolitisch langfristig katastrophal aus.“ Weil derzeit alle die Hand aufhielten, sei weder vom Staat noch von privater Seite viel zu erwarten: „Es ist ja schwer genug, Gelder einzutreiben, wenn man dafür ein gutes Angebot auf die Beine stellt. Wenn wir noch nicht einmal mehr etwas vorzuweisen haben, weil nichts stattfinden darf, wird das so gut wie unmöglich.“

Mit der Soforthilfe habe er immerhin den Künstlern für die abgesagten „Melange“-Termine eine Entschädigung zahlen können. Vor zu großem Vertrauen, dass die Kunst die Krise schon überstehen werde, warnt er: „Die 20er Jahre werden wegen der damals verheerenden Epidemien derzeit ja oft zitiert. Da mögen großartige Kunstwerke entstanden sein, aber zu welchen Bedingungen? Das ist auf die heutige Situation, in der wir die Kunst als Profession ernster nehmen als jemals zuvor, nicht anwendbar. Auch Künstler haben heute das Recht, ein gutes Leben zu führen.“

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