Burnout

Mit kleinen Schritten gerät man nicht ins Stolpern

Die kleine Familie wirkt ausgelastet, aber glücklich. Christian und Sandra Waleczek haben sich in der Reha kennengelernt.

Die kleine Familie wirkt ausgelastet, aber glücklich. Christian und Sandra Waleczek haben sich in der Reha kennengelernt.

Foto: Alexander Barth / IKZ

Lasbeck.  Wir haben nachgefragt, wie es „Boxenstopp“-Chef Christian Waleczek heute nach seinem Outing als Burnout-Patient und dem Medienrummel geht.

Christian Waleczek ist noch da. In seinem neuen Leben in Lasbeck, mit Ehefrau Sandra, Töchterchen Livy und dem „Boxenstopp“. Für dieses Startup-Unternehmen, eine Idee des 48-jährigen Ex-Managers, hatte die kleine Familie finanziell und kräftemäßig im Frühjahr alles in die Waagschale geworfen, um den Imbiss an der B 236 zu eröffnen. Ob das gut gehen würde, darüber haben viele Sorge und Zweifel geäußert, denn Christian Waleczek hatte im ersten Gespräch mit der Heimatzeitung offen über seine psychische Erkrankung gesprochen, die seiner früheren Karriere ein Ende setzte. Mit seinen ambitionierten Plänen sei der nächste Burnout vorprogrammiert, gab manch’ einer zu bedenken. Wir haben noch einmal vorbeigeschaut.

Familienzeit muss mehr sein als Pausen zwischen der Arbeit

Es ist ein sonniger Spätvormittag mitten in der Woche. Der Schotterplatz an der Altenaer Straße vor dem alten Aluminiumwerk hat sich ein wenig verändert: Statt Bauzäunen findet sich neben dem Imbisswagen jetzt ein Pavillon mit Bierzeltgarnitur. Gerade ist Sandra Waleczek (42) im Einsatz und bedient einen Kunden, die Ablösung ist aber schon unterwegs. Hinter der Theke wechseln sich die beiden ab, ebenso bei der Betreuung der zweieinhalb Jahre alten Livy, die offiziell Liv-Summer heißt.

Eine Aushilfe haben die „Boxenstopp“-Betreiber bislang nicht eingestellt. „Wir haben aber auch noch nicht intensiv gesucht“, sagt Christian Waleczek. Das gehe zulasten der gemeinsamen Zeit, räumt er ein, denn tagsüber sehen sich die beiden oft nur beim Schichtwechsel. „Es läuft aber so gut, dass wir uns manche Wochenenden frei nehmen. Neulich sind wir nach Holland gefahren und waren mit Livy am Meer“, berichtet der 48-Jährige. Den Betrieb an sieben Tagen in der Woche hat die Familie insgesamt zurückgefahren, sonntags ist jetzt immer frei. Außerdem haben die beiden eine Tagesmutter für Livy in Aussicht und hoffen damit bald auf eine weitere Erleichterung.

Persönlicher Bezug zur Arbeit ist heilsam

Das Paar wirkt ausgelastet, aber entspannt. Mit Blick auf seine Vorgeschichte winkt Christian Waleczek ab: „Es geht mir gut. Der ,Boxenstopp’ ist wie eine Therapie, keine neue Belastung.“ Dazu führt der 48-Jährige zwei Gründe an: Erstens sei sein Alltag planbarer geworden, zweitens der persönliche Bezug zur Arbeit ein anderer: „Früher wusste ich morgens oft nicht, wie mein Tag aussehen würde und saß stundenlang in Besprechungen, die mit meinen eigenen Aufgaben überhaupt nichts zu tun hatten.“

Nachdem sich der gebürtige Gelsenkirchener im April öffentlich über sein Burnout geäußert hatte, folgten weitere Interviewanfragen, im Juni war er in der WDR-Sendung „Hier und heute“ zu sehen. Zu dieser Entscheidung steht Christian Waleczek noch immer, auch wenn er rückblickend gesteht: „Das ist immer auch ein Risiko.“ Gerade im geschäftlichen Bereich werde ein solches Eingeständnis oft als Schwäche betrachtet. Die Reaktionen, die ihn persönlich erreicht haben, seien ganz im Gegenteil überwältigend positiv ausgefallen: „Die Akzeptanz ist bombastisch. Ich komme mit vielen Menschen ins Gespräch, die überraschend offen auch über ihre eigenen Erfahrungen sprechen.“

Das erlebt auch Ehefrau Sandra so: „Ich bin in Lasbeck geboren, aber hier habe ich Geschichten gehört, die mir völlig neu waren.“ Besonders rührend findet sie es, wenn unterschiedlichste Gruppen am Stand zusammenfinden. Etwa ein junger Mann, der sich zunächst aus Mangel an Alternativen zu einem Seniorenpärchen an den Tisch gestellt und woraus sich nach kurzer Zeit eine angeregte Unterhaltung ergeben habe. Auch die Fahrer von Lkw und Sportwagen würden hier harmonisch miteinander plauschen, ergänzt Christian Waleczek.

Nicht zu viele Schritte auf einmal nehmen

Der „Boxenstopp“ steuere inzwischen auf das Ende der Findungsphase hin, aber man müsse immer bereit sein, nachzukorrigieren, betont der Ex-Manager: „Die gute Idee reicht nicht, es muss auch funktionieren. Unsere durchaus nachgefragten Sandwiches zum Beispiel haben wir aus dem Sortiment genommen, die Vorbereitung war zu aufwendig.“ Der neue Versuch sind jetzt Empanadas, für die nur die Füllung vor Ort zubereitet wird. Vernachlässigen dürfe man auf keinen Fall das Kerngeschäft, merkt Christian Waleczek an, denn: „Trends gehen vorbei.“

Vorerst sei bei allen Ideen und guter wirtschaftlicher Entwicklung keine Expansion geplant: „Wir konzentrieren uns erst mal weiter auf den Standort hier. Über einen Lieferservice denken wir nach, vor dem nächsten Jahr wird das nichts. Und wenn, dann nur für Firmen, die regelmäßig Sammelbestellungen aufgeben.“ Die Waleczeks wollen nicht riskieren, bald vor den Scherben ihrer Geschäftsidee zu stehen. Geplant sind in den nächsten Monaten fest installierte Sitzplätze und eine Schallschutzwand zur Straße hin – ein Schritt nach dem anderen, wie bei einer Therapie.

Anteilnahme und Selbstschutz: Suche nach dem Gleichgewicht

Christian Waleczek fühlt sich manchmal fast, als würden seine Kunden bei ihm auf der Couch Platz nehmen. Das könne sehr emotional werden: „Ein älterer Herr kam regelmäßig und erzählte von seiner Frau im Hospiz. Der hat selbst immer weniger gegessen und wurde dünner, das war schwer mit anzusehen.“ Zu sehr dürfe man sich die Thekengespräche nicht zu Herzen nehmen, ruft sich Christian Waleczek selbst zur Ordnung und man merkt ihm an, dass genau das ihm schwer fällt.

Vielleicht noch ein Grund, warum er als Manager nicht glücklich geworden ist. Seine Frau scheint daran keinen Anstoß zu nehmen: Zwischen Essensausgabe und Kassieren wirft sie ihrem Mann, der am Stehtisch ins Gespräch vertieft ist und von Tochter Livy umturnt wird, liebevolle Blicke zu. Den nächsten Kunden muss sie enttäuschen – die Frikadellen sind jetzt ausverkauft. Der Trucker nimmt mit Pommes vorlieb, dazu eine Prise der Zutat, die als Motto auf der Rückwand verewigt ist. „Smile“ steht dort in bunten Druckbuchstaben: „Lächeln“.

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