Kiliansdom

Operation am offenen Kirchturm

Maik Lölfing (37) zeigt auf der höchsten Etage des Kiliansdoms einen der alten Stahlhaken, die das Gewicht der Glocken über Jahrzehnte getragen haben.

Maik Lölfing (37) zeigt auf der höchsten Etage des Kiliansdoms einen der alten Stahlhaken, die das Gewicht der Glocken über Jahrzehnte getragen haben.

Foto: Michael May

Letmathe.  Monteure einer Fachfirma renovieren den Glockenstuhl im Kiliansdom – ein Besuch in schwindelerregender Höhe.

Wenn Maik Lölfing den Aufzug zu seinem Arbeitsplatz nimmt, rappelt es ordentlich. Statt sanfter Musik rauscht ihm der Wind in den Ohren. In 54 Metern Höhe, am Nordwestturm des Kiliansdoms, kommt der Stahlkorb mit einem heftigen Satz zum Stehen. Unten liegt Letmathe: Die Baustelle des R-Cafés erscheint von hier fast so winzig wie die Autos und Bürger, die durch die Straßen wimmeln. Ungewohnt groß hingegen erscheint die Spitze des nächst kleineren Turms, von der Baustellenbrüstung scheint es, als könne man die Kugel mit der Hand berühren.

Maik Lölfing, 37 Jahre, ist von Beruf Glockenmonteur. Wie sein Kollege Lukas Drewniak (33) ist er es gewohnt, in für Normalsterbliche schwindelerregenden Höhen zu arbeiten. „Den ganzen Tag in einer Halle zu sitzen, könnte ich mir nicht vorstellen“, sagt er mit Nachdruck. Die Vorstellung, „Kaffee zu trinken, während ich der CNC-Maschine zugucke“, scheint ihn mit leisem Grauen zu füllen. Das sei ja schon fast so schlimm wie im Büro, ergänzt er und lacht.

Wind und Wetter lassen erfahrene Monteure kalt

Das Thermometer schafft es heute nur mit Mühe über den Nullpunkt, die Luft ist feucht, der Wind schneidet. Hier oben haben die Böen eine andere Qualität als auf dem Boden, was die Handwerker aber nicht bekümmert. Wetter? Für Maik Lölfing ein Fremdwort: „Das gibt es nicht. Letzte Woche hat es hier reingeschneit, da haben wir Platten vor den Eingang geschraubt, damit uns das nicht behindert, und ganz normal weiter gemacht.“

Heute ist keine solche Abschirmung nötig, der Blick ist frei auf den Zwischenboden des Turms. Ordentlich im Quartett nebeneinander stehen die Glocken, deren Klang den Letmathern so vertraut ist. Seit der Glockenturm renoviert wird, steht die Zeit still – zumindest auf dem Ziffernblatt der großen Turmuhr, wo die Zeiger die verharren, seit der Kiliansdom zum letzten Mal in seiner alten Form die Mittagsstunde geschlagen hat.

Das alte Skelett tragen die Monteure heute zu Grabe: verbogene Stahlträger aus dem Jahr 1948, die mit dem Baustellenaufzug nach unten gelangen und dort auf Autos verladen werden. Eine Woche hat es gedauert, bis das Innenleben herausgerissen war. Bevor sie damit anfangen konnten, mussten die Glockenspezialisten die wertvollen Tongeber sicher abhängen – keine einfache Aufgabe, erklärt Maik Lölfing: „Wir mussten Hütchen spielen, um das zu schaffen. Die Glocken hingen nämlich zum Teil übereinander, und es war wenig Platz. An einer Stelle haben wir die Fachwand aufgeschnitten, um eine Glocke da durchzukriegen.“

Hütchen, das verharmlost die Sache: Fünf Tonnen wiegt die größte Glocke, genau 5020 Kilogramm, sagt der Fachmann berührt seinen Schützling behutsam mit der Hand. Die drei Geschwister bringen jeweils deutlich weniger auf die Waage, mit 1895 Kilogramm ist die kleinste aber noch immer ein massiver Brocken. Mit solchen Gewichten zu hantieren ist kein Kinderspiel, das gibt auch der routinierte Maik Lölfing zu: „Man muss sich zwei, dreimal überlegen, was man tut und wie man es tut, sonst kann das ganz schnell in die Hose gehen.“ Bei der Sicherheit werden hier oben keine Abstriche gemacht, beruhigt auch Schreiner und Chefrenovator Volker Bellebaum: „Die Glocken stehen nicht auf dem alten Boden, wir haben zusätzliche Stahlträger dafür eingezogen.“

Alte Handwerkskunst hat sieben Jahrzehnte überdauert

Die neuen Materialien entsprechen modernen Standards: Verzinkte Stahlträger, dreimal so stark wie die ursprüngliche Konstruktion, sollen künftig für Stabilität sorgen, Holz- statt Stahljoche die Glocken besser klingen lassen. Geringschätzung verdient die Arbeit der alten Handwerker keineswegs, findet Bellebaum: „Das hat schließlich 70 Jahre so gehalten!“

Ein Schwingungsgutachten sei dem Beginn der Arbeiten vorangegangen. Das Resultat: Der Glockenturm des Kiliansdoms steht wie eine Eins. Das kann Maik Lölfing nur bestätigen: „In Köln und Düsseldorf haben wir schon auf Türmen gearbeitet, die waren richtig am wackeln. Da denkste, du sitzt auf einer Schaukel.“ Der 37-Jährige stammt aus der „Glockenstadt“ Gescher im westlichen Münsterland und hat dort eigentlich eine Ausbildung zum Schreiner gemacht. Anschließend habe er Schwierigkeiten gehabt, in dem Beruf Fuß zu fassen, und „hier und dort gearbeitet“, bis es ihn zu den Glockenspezialisten verschlug und er sich dort umschulen ließ. Die sind überaus gefragt: „Plötzlich hatte ich die Auswahl und bekam Zusagen, ohne mich zu bewerben“, erinnert er sich.

Man kommt raus und lernt interessante Kirchen kennen

An seinem Beruf weiß er besonders die Abwechslung zu schätzen. Jedes Gebäude habe nicht nur seinen eigenen Charme und biete ein anderes Panorama, auch die technischen Voraussetzungen seien unterschiedlich. „Jede Kirche ist anders“, betont er und freut sich schon auf die nächste.

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