„Tischgespräche“

Ralph Morgenstern – entwaffnend aufrichtig und unaufgeregt

Ralph Morgenstern wechselte nicht nur Pointen mit Thomas Reunert, er antwortete auch offen auf persönliche Fragen und reflektierte moralische und gesellschaftliche Probleme.

Ralph Morgenstern wechselte nicht nur Pointen mit Thomas Reunert, er antwortete auch offen auf persönliche Fragen und reflektierte moralische und gesellschaftliche Probleme.

Foto: Michael May / IKZ

Lössel.  Beim „Tischgespräch“ im Hotel Neuhaus in Lössel haben Ralph Morgenstern und Thomas Reunert das Publikum mit Humor und Ernst gefesselt.

Von dem Grundverdacht, als Ersatzmann eine zweitklassige Performance abzuliefern, hat sich Ralph Morgenstern am Wochenende im Hotel Neuhaus in Lössel an gleich zwei Abenden vollumfänglich befreit. Als Vertretung für den erkrankten Michael Schanze leistete der aus Mühlheim an der Ruhr stammende Moderator, Musiker und Schauspieler bei den „Tischgesprächen“ gemeinsam mit dem als Dialogpartner fungierenden IKZ-Chefredakteur Thomas Reunert mehr als seichte Unterhaltung.

Wer mit dem 63-jährigen Künstler nicht vertraut ist oder ihn nur aus Rollen kennt, dürfte damit eine Überraschung erlebt haben. In seiner Anmoderation pries Thomas Reunert Morgensterns Qualitäten als unerschöpfliche Quelle für Klatsch und Tratsch aus der Welt des Showbusiness, der Promis und nicht zuletzt verschiedener europäischer Königshäuser an. Ralph Morgenstern hatte dazu zweifellos Anekdoten auf Lager, die beim Publikum zwischen den Gängen für erhebliche Lachausbrüche sorgten, die in besonderem Maße von guter Chemie zwischen dem Duo auf der Bühne profitierten. Vielleicht kein Zufall, denn immerhin war es nicht die erste Begegnung: Die beiden erinnerten sich noch an den ersten gemeinsamen Auftritt im Kühlschiff der Brauerei, bei dem Ralph Morgenstern nicht nur lernte, dass es sich dabei nicht um ein Wasserfahrzeug auf der „Iser“ handelt und er den „Auftakt für eine lange, lange Bekanntschaft“ (Reunert) bildete.

Die Pointen saßen, die Überleitungen funktionierten und Pluspunkte sammelte das Duo sicherlich auch mit der Bereitschaft, sich selbst ebenso zum Ziel flapsiger Sprüche zu machen wie abgehalfterte Promis, die ihr Heil im „Dschungelcamp“ suchen. „Wenn ich gewusst hätte, dass ich so nah am Publikum sitze, hätte ich mir die Nasenhaare geschnitten“, stellte Morgenstern zum allgemeinen Vergnügen fest. Reunert verriet mit Blick auf einen damals sportlichen Interviewpartner, wie er sich eine Dreiviertelstunde lang um Turnfotos am Kirschbaum bemüht habe – um erst hinterher zu bemerken, dass er vergessen hatte, einen Film einzulegen.

Insider aus verschiedeneneuropäischen Königshäusern

Nachhaltig in die Erinnerung der Zuhörer eingehen werden, abgesehen von Einblicken etwa in die Familie Windsor („Lisbeth lässt Bettwäsche secondhand kaufen“) oder die Fürsten von Hannover und Morgensterns Einschätzung von Prominenten wie Heidi Klum („selbstbestimmte Frau“) und Boris Becker („früh von der Schule abgegangen“) die ernsten Themen, die das Publikum bei aller Heiterkeit in aufmerksame Stille versetzten. „Das war mir gar nicht so wichtig, ehrlich gesagt“, kommentierte Morgenstern, angesprochen auf seine Erfahrungen als bekennender Homosexueller. Geoutet habe er sich in erster Linie, um „nicht erpressbar zu sein, so wie es vielen anderen ergangen ist“.

Als Person und Künstler, so ließ er durchblicken, definiert er sich nicht primär über seine sexuelle Orientierung. Das sollten sich andere zum Vorbild nehmen, denn Homophobie präge auch heute noch viele Entscheidungen in der Werbebranche. Ein deutscher Likörhersteller zum Beispiel habe ihn in der Zeit vor seinem Outing „rausgeworfen“ und den Werbedreh abgeblasen, als die in den Augen der Inhaber für die Marke bedrohliche Information durchsickerte. Dasselbe gelte im Sport: „Dann heißt es nämlich im Stadion: ‘Ey, du trägst schwule Turnschuhe’“, illustrierte Morgenstern die Angst der PR-Firmen.

Entwaffnend aufrichtig und unaufgeregt reflektierte der 63-Jährige nicht nur die Situation von Prominenten zwischen dem Wunsch nach Privatsphäre und der für kommerziellen Erfolg nötigen Bekanntheit, sondern auch Themen wie die Überalterung der Gesellschaft („Wer kann denn 4000 Euro im Monat für die Pflege der Eltern bezahlen?“) und den Klimawandel. Gerade zurück von einer Reise zum Südpol berichtete er von dem Gefühl, „zum ersten Mal in meinem Leben frische Luft zu atmen“ und dem neuen Bewusstsein, „wie einzigartig und schützenswert“ die Antarktis als Naturraum sei.

Bis zur nächsten Auflage der Tischgespräche müssen sich Liebhaber des Formats bis November gedulden – die Heimatzeitung informiert, sobald der Vorverkauf startet.

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