Bildung

Regelschulen verlieren ihre Sonderpädagogen

Das Hauptschulgebäude scheint sommerliche Ferienruhe auszustrahlen. Doch hinter der Fassade herrscht Aufregung wegen des bevorstehenden Abzugs der Sonderpädagogen.

Foto: Oliver Bergmann

Das Hauptschulgebäude scheint sommerliche Ferienruhe auszustrahlen. Doch hinter der Fassade herrscht Aufregung wegen des bevorstehenden Abzugs der Sonderpädagogen.

Letmathe.   Die für die Inklusion entscheidenden Fachkräfte werden zum Ende des Schuljahres von Haupt- und Realschule abgezogen. Schulleiter sehen Schwarz.

Die seit Jahren anhaltenden und durchaus erfolgreichen Bemühungen, Schüler mit besonderem Förderbedarf in Regelschulen zu integrieren, werden mit Beginn des neuen Schuljahres auf eine harte Probe gestellt. Grund ist der bevorstehende Abzug der Sonderschulpädagogen von den Regelschulen. Betroffen sind in Letmathe die Real- und in besonders großem Ausmaß die Hauptschule.

Dessen Leiter Ulrich Bödingmeier wirkte im Gespräch mit der Heimatzeitung am Donnerstag konsterniert. „Ich weiß es seit zwei Wochen, habe aber noch keine Idee, wie es weitergehen soll. 280 Schüler werden von ihm und seinen Lehrerkollegen unterrichtet, darunter sind 40 Schüler mit Förderbedarf. Würden sie demnächst eine andere Schule besuchen, sieht Bödingmeier sogar den Bestand des Hauptschul-Standortes Letmathe gefährdet. „Genügend Personal, um die Klassen mit Lehrkräften doppelt zu besetzen, haben wir nicht und ohne Förderkinder bekomme ich erst gar keine Klassen zusammen.“

Ulrich Bödingmeier sieht Fehler im System

Mit vier Sonderschulpädagogen ist die Hauptschule ins Schuljahr 2017/18 gestartet, im Februar verlor sie zwei, nun müssen sich auch die verbleibenden Kräfte ganz auf ihre sogenannte Stammschule konzentrieren. „Die Förderschulen können ja ihren eigenen Bedarf nicht mehr decken“, erklärt Bödingmeier. Die Aufgabe dieser Pädagogen ist es, sich um Schüler zu kümmern, die Defizite im sozial-emotionalen Bereich, beim Hören aufweisen oder einfach schwächer im Lernen sind. Warum gibt es nicht genügend solcher Lehrkräfte? Ulrich Bödingmeier hat eine Vermutung: Dadurch, dass die entsprechenden Studienfächer mit einem Numerus Clausus belegt seien, würden die Leute mit einem Zweier- oder Dreier-Abi rausfallen. „Es haperte doch schon von anfang an an der Umsetzung des Inklusionsgedankens, weil nie für eine adäquate Ausstattung der Schulen gesorgt wurde.“

Auch Realschul-Leiterin Anja Swoboda steht vor einem Rätsel. „Stand jetzt, habe ich im neuen Schuljahr nicht eine einzige Stunde Unterstützung. Bei uns lernen die Schüler mit Förderbedarf nach dem Stundenplan der Hauptschule. Es wird schwierig, das bei unserer sowieso nicht guten personellen Ausstattung demnächst zu gewährleisten. Aber die Schüler bleiben bei uns“, sagt sie und begründet das mit der guten Integration in der Klassengemeinschaft. Doch insgesamt sieht sie für viele Betroffene Schwarz.

Mutter befürchtet schlechte Perspektive für ihren Sohn

Und damit spricht sie den Betroffenen aus der Seele. Eine Mutter, deren Sohn als Inklusionsschüler die neunte Klasse der Hauptschule besucht, bestätigt Swobodas Worte. „Die Kinder schafften durch die besondere Förderung bislang den Weg in eine Ausbildung und jetzt kommt diese Bruchlandung. Dabei ist mein Sohn auf der Zielgeraden.“ Besonders beunruhigt ist sie wegen des Langzeitpraktikums, das die förderbedürftigen Zehntklässler in ihrem letzten Schuljahr absolvieren und dadurch überhaupt erst Perspektiven auf dem Ausbildungsmarkt haben. „An den zwei Wochentagen, die die Schüler in den Betrieben verbringen, ist normalerweise auch ein Pädagoge dabei.“ Sie fragt sich nun, welche Förderschule überhaupt in der Lage wäre, ihn aufzunehmen?“ Die personelle Situation ist auch dort alles andere als rosig. Deshalb hat sich die Bezirksregierung Arnsberg auch zu dem drastischen Schritt entschlossen, dass sich die von den Förderschulen verliehenen Sonderschulpädagogen wieder ganz ihrer Stammschule widmen sollen. Der Auskunft eines Sprechers werde derzeit in Arnsberg überlegt, wie das Beratungsangebot der Regelschulen für diese „temporäre Situation“ aufrecht erhalten kann. Der Schilderung zufolge seien in der Lehrerausbildung an den Universitäten gewisse Zyklen erkennbar, in denen es mal mehr, mal weniger Studierende gibt, die sich für einen Lehrerberuf entscheiden, womit indirekt Ulrich Bödingmeiers Annahme bestätigt wird. „Diesen Zyklen ist natürlich auch der Bereich der Sonderpädagogen unterworfen. Derzeit befinden wir uns leider in einem temporären Tal. Abgeleitet aus den Erfahrungen der Vergangenheit wird sich diese Situation aber auch wieder mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wieder ändern.“

Rudi Müllenbach kritisiert die alte Landesregierung

Rudi Müllenbach, momentan noch Leiter der Brabeckschule mit 200 Schülern an drei Standorten, wahrte die Fassung nur mit Mühe, als er von diesen Zyklen hörte. „Wo sollen die Sonderpädagogen denn auch herkommen? Unsere vorherige Landesregierung hat doch dafür gesorgt, dass niemand mehr in diese Richtung studiert, weil man ja angeblich keine Förderschulen mehr brauchte.“ Dass der Brabeckschule demnächst wieder ihre Sonderpädagogen zu 100 Prozent zur Verfügung stehen, beruhigte ihn kaum, denn die personelle Situation bleibt äußerst angespannt. Vier seiner Lehrkräfte, er gehört dazu, gehen zum Schuljahresende in Pension. Eine Kollegin verließ die Schule bereits Ende Mai. „Die Stelle des Schulleiters wurde ausgeschrieben, aber es ist nicht eine einzige Bewerbung eingegangen.“

Er denkt über eine Kooperation mit den betroffenen Schulen nach, für Montag ist ein erster gemeinsamer Austausch über diese Option vorgesehen. „Letztendlich geht es nur um die Kinder, die den Förderbedarf und den Anspruch darauf haben.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik