Berufswelt

Schafe hüten in der Hauptstadt

Ronja Golz half Schäfermeister Knut Kucznik bei dessen Arbeit auf dem Tempelhofer Feld.

Ronja Golz half Schäfermeister Knut Kucznik bei dessen Arbeit auf dem Tempelhofer Feld.

Foto: Privat

Oestrich/Berlin.   Die Oestricherin Ronja Golz hat während der Ferien ihren Traumberuf ausgeübt.

Auf dem politisch umkämpften Tempelhofer Feld in Berlin wird gerade Schäfergeschichte geschrieben. Und mittendrin ist die 13-jährige Schäfertochter Ronja Golz aus Oestrich. Während der Schäfermeister Knut Kucznik aus Altlandsberg, östlich von Berlin, 100 großgewachsene Schwarzkopfschafe über das Feld treibt, ist die Achtklässlerin Ronja an seiner Seite.

Acht Tage lang lässt Kucznik seine Tiere auf der 300 Hektar großen Wiesenfläche des ehemaligen Flughafens grasen. Viel Platz, den sich die Schafe bei der Ankunft am Sonntag vor acht Tagen bei spätsommerlichen Temperaturen mit mindestens 20 000 Berlinern teilen mussten. Vom Viehtransporter ließ Kucznik die Schafe zunächst in ein Gatter laufen – zum Schutz vor den vielen Menschen. Seither machen Skater, Kiter und Surfer Platz, wenn Knut Kucznik und Ronja mit der Hilfe von zwei Altdeutschen Hütehunden die Schafe übers Feld treiben.

Werbung für den Beruf und das Tempelhofer Feld

Der achttägige Einsatz soll Werbung für eine natürliche Beweidung der Wiesen machen. Heute wird das von Maschinen erledigt. Doch nur die Schafe würden die Biodiversität der Wieser erhalten, sagt Kucznik. Der populäre Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld hat Kucznik zu der Schafs-Demonstration eingeladen. Denn die Begeisterung der Berliner für die Schafe soll auch zum Erhalt des freien Feldes beitragen. Zwar stimmten sie in einem Volksentscheid vor viereinhalb Jahren gegen jegliche Bebauung. Die Politik will an dieser Entscheidung seither jedoch immer wieder rütteln. Knut Kucznik, der auch Chef des Schafzuchtverbandes Berlin-Brandenburg ist, nutzt die Gelegenheit außerdem, um für seinen bedrohten Beruf zu werben. Mit Fleisch und Wolle verdienen Deutschlands Schäfereien zu wenig. Für die wertvolle Landschaftspflege erhalten sie nicht genügend Geld, sagt Kucznik. Viele Schäfereien würden den trockenen Sommer, in dem sie zufüttern mussten, nicht überleben.

Auch ihre Eltern wüssten nicht, wie lange sie den Betrieb überhaupt erhalten könnten, sagt Ronja Golz. Dabei würde sie gern Schäferin werden. „Meine Mutter unterstützt mich.“ 500 Schafe hat der Betrieb von Thomas Golz und Christine Büttner.

Ronja ist in den Ferien und an Wochenenden oft dabei, wenn die Schafe über die Wiesen getrieben werden. „Von Hagen bis zum Möhnesee sind wir unterwegs“, erzählt Ronja.

„Die Schafe sind ein Teil von mir.“ Der gestandene Schäfermeister Knut Kucznik ist begeistert, wenn er solche Sätze hört. Immer wieder versucht er, das riesige Interessen der Hauptstadtmedien an ihm und seinen Schafen auch auf Ronja zu lenken. Er selbst hat keine Kinder. In Ronja sieht er die Zukunft seines Berufsstandes.

Mit Schäfern aus ganz Deutschland ein Fest gefeiert

Ronja erzählt vom Vertrauen der Schafe, dass sie ihrem Schäfer zeigen. Sie wüssten, dass der Hirte sie zum Futter führt. „Dann zeigen sie dir Liebe“, sagt Ronja, die auch gerne mal mit den Wollschafen knuddelt. Das schönste am Schäferberuf sei aber die Naturverbundenheit. „Man ist den ganzen Tag draußen.“

Auf dem Tempelhofer Feld gehört zum Schafehüten auch der Besuch von Schulklassen und Kindergärten. Bis zu 20 Kita-Gruppen kommen pro Tag. Die Mädchen und Jungen stellen neugierig viele Fragen. „Einige Kinder haben noch nie Schafe gesehen“, sagt Ronja und ist erstaunt über die Unwissenheit der Großstädter. Gleichzeitig freut sie sich, dass sie mit den Schafen auch Wissen vermitteln kann.

Bevor Ronja am Montag wieder nach Hause gefahren ist, hat sie am Sonntag mit Schäfern aus ganz Deutschland ein Schäferfest im Allmende-Kontor gefeiert. Knut Kucznik sagt: „Diese Ferien wird sie ihr ganzes Leben lang nicht vergessen.“

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