Corona

„Schlachthöfe und Paketdienste haben höheren Stellenwert“

Wenn systematisch getestet würde und Angehörige einen negativen Test vorweisen könnten, könnten auch die Besuche wie hier von Nina Gelver bei ihrer Mutter Emilia Sachno im Seniorenzentrum Letmathe in einem anderen Rahmen stattfinden.

Wenn systematisch getestet würde und Angehörige einen negativen Test vorweisen könnten, könnten auch die Besuche wie hier von Nina Gelver bei ihrer Mutter Emilia Sachno im Seniorenzentrum Letmathe in einem anderen Rahmen stattfinden.

Foto: Torsten Lehmann / IKZ

Letmathe.  Die Letmather Altenheim-Leitungen wundern sich, dass auch nach fast zehn Wochen die Mitarbeiter nicht systematisch getestet werden.

„Mein Eindruck ist, dass Schlachthöfe und Paketdienste einen höheren Stellenwert haben als Alten- und Pflegeheime“, sagt Wolfgang Eberz mit Blick auf die Tatsache, dass es auch fast zehn Wochen nach Beginn der Corona-Krise weiterhin keine systematischen Tests in den Einrichtungen gibt. Und das obwohl die Kapazitäten in den Laboren inzwischen selbst bei Berücksichtigung anderer akuter Notwendigkeiten auch dafür noch ausreichend wären.

Dass der Leiter des Altenzen­trums St. Kilian gelinde gesagt „ein wenig verstimmt“ ist, liegt auch an der E-Mail der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, die er am Montagmorgen in seinem elektronischen Postfach fand: Ab sofort sollen Alten- und Pflegeheime bei Neuaufnahmen, die von zuhause kommen, die Kosten der vorgeschriebenen Covid-19-Tests tragen. „Dabei kostet uns das 150 Euro, während den Kassen für die von einem Arzt beauftragten Tests nur 60 bis 70 Euro berechnet werden.“ Nur bei neuen Bewohnern, die direkt aus einem Krankenhaus ins Altenzentrum kommen und dort vor der Entlassung noch mal stets getestet werden, würden die Kosten weiterhin von den Krankenkassen übernommen. Und wenn Bewohner entsprechende Symptome zeigen, was glücklicherweise erst einmal in St. Kilian der Fall gewesen sei – mit negativem Testergebnis, auch bei dem betreuenden Mitarbeiter.

Fröndenberger Tragödie kann sich in anderen Einrichtungen wiederholen

Die in keiner Weise vom Altenzen­trum selbst zu finanzierenden Kosten -- 21.450 Euro für einmalige Tests aller 143 Bewohner sowie weiterer 24.000 Euro für die 160 Mitarbeiter -- seien dann auch der Grund, warum das noch nicht vom Träger des Hauses selbst veranlasst wurde, auch wenn es äußerst sinnvoll wäre. „Denn wir bewegen uns auf ganz dünnem Eis“, macht Eberz deutlich. Dass das Virus bislang um St. Kilian einen großen Bogen gemacht habe, sei reines Glück. „Was im Schmallenbach-Haus in Fröndenberg Schreckliches passiert ist, kann sich in jeder Einrichtung wiederholen.“ Deswegen würde es Eberz „sehr begrüßen, wenn unsere Mitarbeiter und Bewohner regelmäßig getestet würden. Da würde uns auch ein Stück Sicherheit geben.“ Denn: „Wir haben alle Angst, auch die Mitarbeiter.“ Die seien letztlich bei allen Sicherheits- und Schutzmaßnahmen in der Einrichtung die Schwachstelle. „Denn die gehen natürlich nach ihrem Dienst nach Hause, und da haben wir alle keinen Einfluss drauf, welche Kontakte es auf dem Weg und im privaten Umfeld gibt.“

Die Mitarbeiter, wie überhaupt alles medizinische und pflegerische Personal regelmäßig zu testen – „das wäre wirklich sinnvoll“, betont auch Ilona Gornischeff vom Seniorenzentrum Letmathe. „Das habe ich schon vor neun Wochen gesagt.“ Denn da die Bewohner ja im Haus blieben, könnten sie sich nur bei Mitarbeitern anstecken. „Deswegen tragen auch nur wir die Schutzmasken, die eine mögliche Ansteckung des anderen verhindern, und nicht die Bewohner.“ Zum Glück sei das Seniorenzentrum bislang ebenfalls komplett vom Virus verschont geblieben. „Und wir tun alles, damit das auch so bleibt.“ Auch wenn das in den vergangenen Wochen schon sehr erschwerte Bedingungen gewesen seien, alles hätte neu geregelt werden müssen. Nicht alle Bewohner könnten beispielsweise unbegleitet ohne Personal auf der Terrasse sitzen, weil die kognitiv Beeinträchtigten unter ihnen eben nicht verstehen würden, dass sie Abstände einhalten müssten.

Negativ-Test für Angehörige könnten Besuche verlängern

Wenn ab dem Zeitpunkt, als genügend Kapazitäten zur Verfügung standen, auch die Bewohner zumindest einmal getestet worden wären, hätte man viel weniger Aufwand machen müssen. Oder auch jetzt bei den streng reglementierten Besuchen: „Warum müssen Angehörige, die in die Einrichtung kommen, nicht einen Negativ-Test vorlegen?“ Dann könnte man sich die personalaufwendigen Maßnahmen mit der Erfassung und dem separaten Besucherraum sparen und vor allem müsste dann die Besuchszeit nicht auf 20 Minuten begrenzt sein. „Dann würden die einen Kittel, Mundschutz und Handschuhe bekommen, würden direkt zum jeweiligen Bewohnerzimmer geschleust und könnten dann dort miteinander Zeit verbringen.“

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