Porträt

Uli Gottschalk – Rebell aus Leidenschaft, niemals ein Hippie

Uli Gottschalk spielt viele Instrumente, darunter Keyboard, Posaune und Bass. In seinem Keller hortet er Schätze wie diese Fender-Stratocaster E-Gitarre. Mit „LRT“ bzw. „Woodstock“ hat er sechs CDs aufgenommen.

Uli Gottschalk spielt viele Instrumente, darunter Keyboard, Posaune und Bass. In seinem Keller hortet er Schätze wie diese Fender-Stratocaster E-Gitarre. Mit „LRT“ bzw. „Woodstock“ hat er sechs CDs aufgenommen.

Foto: Alexander Barth / IKZ

Letmathe.  Ulrich „Uli“ Gottschalk, Letmather Architekt und Frontmann der Gruppe „Woodstock“, feiert heute 69. Geburtstag. Porträt eines Unangepassten.

Ulrich „Uli“ Gottschalk ist ein Unikat. Wer den Architekten und Musiker persönlich kennt, wird das möglicherweise in jeder Hinsicht bestätigen – objektiv lässt sich dieser Status an der früheren Letmather Kultband „LRT“ (Letmather Rhythmus-Band) festmachen, die heute als Hommage an das legendäre Festival „Woodstock“ heißt und am Wochenende beim Brückenfest 50 Jahre nach ihrer Gründung Rock- und Popklassiker früherer Jahrzehnte aufleben ließ. Denn eigentlich kann nur Uli Gottschalk als einziger noch Aktiver der ersten Stunde das halbe Jahrhundert für sich beanspruchen: Zusammen mit Bruder Erhard und Kumpel Bernfried Henke will er 1969 „das erste Open Air in Letmathe“ bestritten haben; und zwar bei der Premiere von „Musik im Park“.

Mit 69 Jahren noch viel zu jung für den Ruhestand

Vielleicht kein Zufall, denn Paul Gottschalk, Vater von Uli und Erhard, selbst ein Letmather Urgestein, war damals Vorsitzender des Heimatvereins, auf dessen Initiative die Veranstaltung zurückgeht. Als Sponsor für die Ausrüstung seiner musikalischen Söhne setzte er einen „anständigen deutschen Namen“ durch, wie Uli Gottschalk heute schmunzelnd berichtet – das waren die Geburtsumstände von „LRT“.

In der bewegten Geschichte der Gruppe, die eine Auflösung, einen Sterbefall (Volker Stute) und wechselnde Besetzungen überdauert hat, ist Uli Gottschalk die Konstante. Seit drei Jahren gehören Conny Paroth, Carsten Kleinwegener, Rüdiger Micheler und Guido Gitsch zum Team. In seinem Haus mit Studio und Proberaum an der Oeger Straße feiert Uli Gottschalk heute seinen 69. Geburtstag und denkt nicht ans Aufhören. „Ich habe ja noch meinen Betrieb“, winkt der Architekt beim Thema Rente ab.

Bei der Instrumentenwahl ist er Generalist. Gelernt hat er Keyboard, nachdem er für den Kirchenchor fünf Jahre Posaune gespielt hatte, bei „Woodstock“ wiederum spielt er Bass. „Welches Instrument, ist völlig egal. In der Band macht es immer Spaß“, betont er. Die Musik begleitet ihn schon länger als 50 Jahre, er hat sie mit der Muttermilch aufgesogen: „Ich habe immer Musik gemacht, mal besser, mal schlechter. Als ich zu Weihnachten eine Gitarre bekam, habe ich die Saiten nicht mehr losgelassen und konnte am nächsten Tag mein erstes Stück spielen.“

Das war in etwa die Zeit, als die Beatles und die Rolling Stones traditionelle Vorstellungen von Musik genau so aufbrachen wie junge Menschen die steife Nachkriegsgesellschaft. „Es war eine Befreiung von der Generation, die alles totgeschwiegen hat, was passiert war. Es ging immer nur um Aufbau, Aufbau, Aufbau“, beschreibt Uli Gottschalk sein Lebensgefühl als Jugendlicher in den 60er Jahren. Rückblickend zeigt er aber auch Verständnis für seinen Vater, der sei immerhin fünf Jahre im Krieg gewesen und müsse Schlimmeres erlebt haben, als er sich je von der Seele geredet hat.

Auch in der kleinen Stadt an der Lenne prallten Rebellen wie er und seine Freunde auf die etablierten Autoritäten, und das nicht erst in der Schule. „Die langen Haare haben erst mal zu Hause für Probleme gesorgt“, erinnert er sich und grinst. Ein Hippie sei er aber nicht gewesen, stellt Gottschalk klar, und härtere Drogen als Alkohol habe er ebenfalls nicht konsumiert. „Wirklich nicht“, beteuert er aufrichtig und überlegt einen Moment bei der Frage, ob ihn das nicht zum Außenseiter gemacht habe. „Nein“, lautet das Ergebnis, „heute wäre das vielleicht anders, aber damals war es nicht so.“

Politik macht keinen Spaß mehr, wohl aber die Musik

Über die Zeit der 68er-Bewegung wird oft gesagt, damals sei im Grunde jeder politisch gewesen. Der meinungsstarke und mitunter streitbare Uli Gottschalk ist da keine Ausnahme, für Veränderungen hat er sich erst bei den Grünen und später bei der SPD engagiert: „Die Grünen in NRW habe ich mitgegründet, ich hatte eine zweistellige Mitgliedsnummer“. Mit diesen Zeiten („Damals war ich noch idealistischer“) hat er abgeschlossen – anders als die Musik macht ihm die Politik heute keinen Spaß mehr. Vielleicht ist er deshalb auch kein Freund des zeitgenössischen Deutschpops: „Da wird immer so der Zeigefinger erhoben, irgendwann nervt es nur noch.“

Wenn er arbeitet, läuft bei ihm stets das Rockprogramm von Antenne Bayern im Hintergrund, dafür hat er sich im Büro eigens einen Empfänger installiert. „Ich weiß immer, wann in München Stau ist“, flachst Gottschalk. Eine absolute Lieblingsband hat er nicht, war aber lange ein Fan der britischen Hardrockformation „Thunder“. Uli Gottschalk ist jemand, der viele Geschichten aus seinem Leben erzählen kann. Wer sie noch nicht gehört hat, sollte unbedingt fragen, wie es dazu kam, dass er drei Jahre lang Chef der Sportfreunde Oestrich war – ohne jemals Fußball gespielt zu haben.

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