Messerangriff

Urteil: „Vom Beschuldigten geht weiterhin eine Gefahr aus“

Messerattacke Kampstraße Oestrich

Messerattacke Kampstraße Oestrich

Foto: Cornelia Merkel / IKZ

Letmathe.  Im Prozess um den Messerangriff in Oestrich hat es ein Urteil gegeben: Der Angeklagte muss auf unbestimmte Zeit in eine psychiatrische Klinik.

Ein 33-jähriger Obdachloser aus Iserlohn muss auf unbestimmte Zeit in eine geschlossene psychiatrische Klinik: Die 9. große Strafkammer folgte dem Gutachten des Sachverständigen Dr. Nikolaus Grünherz und ging von einer aufgehobenen Einsichts- und Steuerungsfähigkeit des Beschuldigten aus. Damit gilt dieser als nicht schuldfähig, was eine „normale“ Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung ausschloss.

Der 33-Jährige hatte am 2. Oktober an der Kampstraße einen 55-jährigen Anlieger durch einen Stich durch die Unterlippe in den Mund und die Nasenhöhle schwer verletzt. Grundlage für das Urteil war vor allem das psychiatrische Gutachten, das dem Beschuldigten eine paranoide Psychose und Schizophrenie attestierte.

Schnelle Therapieerfolge sind wohl vorerst nicht zu erwarten

Dr. Nikolaus Grünherz zeigte sich skeptisch im Hinblick auf mögliche schnelle Therapieerfolge: „Den Wahn zu beeinflussen, braucht viel Zeit.“ Der Sachverständige zeichnete den Lebensweg eines Mannes, der aus schwierigen Familienverhältnissen stammt und vermutlich seit 2005 obdachlos war. Durch dieses entwurzelte Leben jenseits sozialer Zusammenhänge habe der Beschuldigte sich vor gesellschaftlichen Ansprüchen geschützt, die er zunehmend als Bedrohung empfand. „Er lebte ständig in einer misstrauisch angespannten Grundstimmung.“

In seiner wahnhaften Logik habe er die Begegnung mit dem späteren Opfer als „ganz massive subjektive Bedrohung, die ihn überwältigte“, empfunden. Eine besondere Rolle spielte dabei die harsche Anrede durch den 55-Jährigen. „Ich habe ihm in den Mund gestochen, weil ich mich von ihm bedroht fühlte“, schilderte der Beschuldigte seine wahnhafte Wahrnehmung. „Er hat mich angeschrien. Ich dachte, der greift mich an.“

Medikamente zeigen positive Wirkungen auf Psyche des Angeklagten

Dass der 33-Jährige derart aufgeräumt darüber sprechen konnte, führte der Gutachter auf die positive Wirkung eines Medikaments zurück. Die bizarre, aber nachvollziehbare Logik des Angriffs fasste er bündig zusammen: „Er hat in die Stimme, den Mund, die Bedrohung eingestochen.“ Diese Empfindung habe eine derart intensive subjektive Gewissheit entfaltet, dass der 33-Jährige keinerlei Freiheitsgrad mehr gehabt habe, damit anders umzugehen.

Eine derart alltägliche Situation könne sich jederzeit wiederholen, betonte Oberstaatsanwalt Bernd Haldorn in seinem Plädoyer. „Vom Beschuldigten geht weiterhin eine Gefahr aus.“ Der Gutachter konkretisierte dieses Gefahrenpotenzial: In einer Situation, in der sich der 33-Jährige aus seiner Sicht durch etwas „Böses“ bedroht fühle, könne er erneut vergleichbare Straftaten begehen. Das Urteil ist rechtskräftig.

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