Marienhospital

Vorwurf: Bei roten Zahlen endet die Solidarität im Konzern

Wut, Tränen, Ratlosigkeit: Nach der Konfrontation mit der Geschäftsführung der Betreibergesellschaft Märkische Kliniken sind viele Beschäftigte mit den Nerven am Ende.

Wut, Tränen, Ratlosigkeit: Nach der Konfrontation mit der Geschäftsführung der Betreibergesellschaft Märkische Kliniken sind viele Beschäftigte mit den Nerven am Ende.

Foto: Alexander Barth

Letmathe.  Eine Betriebsversammlung im Marienhospital ist zur hitzigen Debatte ausgeartet: Die Mitarbeiter fühlen sich vom Konzern im Stich gelassen.

Als sich Thorsten Kehe vor die versammelte Belegschaft des Marienhospitals stellt – Hände gefaltet, Blick gesenkt – wird es still wie bei einer Andacht. In der ersten Reihe des Saals im Seniorenzentrum sitzt die Klinikleitung, dahinter die Betriebsräte; wer keinen Platz mehr gefunden hat, steht. Alle wollen hören, was der Geschäftsführer der Märkischen Kliniken zu sagen hat, obwohl die Kernbotschaft längst keine Nachricht mehr ist. Die Empörung darüber, dass die Mitarbeiter von den Schließungsplänen aus der Presse erfahren mussten, kanalisiert sich in einem ersten Zwischenruf, begleitet von wütendem Applaus.

Mit jedem Argument heizt sich die Stimmung weiter auf

Nach wenigen Sätzen gerät Kehe in die Defensive, aus der Ruhe bringen lässt sich der routinierte Krankenhausmanager davon aber nicht. „Ich bin nicht in den Beruf gegangen, um Kliniken zu schließen“, beteuert er. Die Politiker hätten sich über die Vereinbarung hinweggesetzt, mit öffentlichen Erklärungen bis Donnerstag zu warten. Mit jedem Argument, das Kehe vorbringt, heizt sich die Stimmung weiter auf. „Warum wird Werdohl nicht geschlossen, die machen schon seit acht Jahren Miese“, will eine aufgebrachte Mitarbeiterin wissen. Statt darauf eine direkte Antwort zu geben, versucht Kehe, den Wind aus den Segeln zu nehmen: Die Klinik in Werdohl sei unter ähnlichem Druck – und könnte der nächste Standort sein, dem es an den Kragen geht, lässt er durchblicken.

Eines macht Kehe immer wieder deutlich: Langjährige Verdienste sind in der Welt der Marktwirtschaft keinen Heller wert. Wörtlich: „Es hilft nicht, in die Vergangenheit zu blicken.“ Gerade diejenigen, die schon lange hier arbeiten, sind wütend, weil sie genau wissen: Bis vor einem Jahr war das Marienhospital Nettozahler in dem Konzern, der den Angehörigen als Solidargemeinschaft angepriesen worden ist.

Gestrige Verdienste zählen nicht, nur die aktuellen Zahlen

„Jetzt, wo wir auf Hilfe angewiesen sind, lassen Sie uns fallen wie eine heiße Kartoffel!“ tönt es erbost aus der Versammlung, und der Beifall folgt auf dem Fuße. Der Geschäftsführer hat sich gut vorbereitet und Zahlen mitgebracht. Zahlen, die belegen sollen, dass die Schließung des Standorts Letmathe zum Überleben des Konzerns notwendig sei und zu diesem Zeitpunkt noch sozialverträglich gestaltet werden könne: „Wenn wir noch ein paar Jahre warten, können wir Ihnen ein solches Angebot wie jetzt nicht mehr machen“, wirbt der Manager für die eingeschlagene Strategie.

Die Nerven liegen blank, die meisten im Raum verfolgen den Schlagabtausch mit steinerner Miene, andere ringen um Fassung. Die Mitarbeiter überhäufen den Abgesandten der Geschäftsführung mit Vorwürfen: Das Marienhospital sei schon vor Jahren abgeschrieben und bewusst heruntergewirtschaftet worden, erforderliche Investitionen ausgeblieben. „Kein Wunder, dass wir Personalmangel haben, wer will denn zu solchen Bedingungen arbeiten? Ich liebe diesen Beruf, aber ich bin 24 Jahre alt und habe jetzt schon keine Lust mehr“, beanstandet eine junge Pflegerin die Arbeitsbelastung und Rücksichtslosigkeit seitens der Klinikleitung.

Kehe weicht nicht zurück, die Vorwürfe lässt er abprallen: In Wahrheit hätten die Märkischen Kliniken engagiert nach Personal gesucht, aber keins gefunden. Auch ein Verkauf des Hospitals an einen anderen Betreiber sei nicht über Gespräche hinausgekommen. Die Schmerztherapie reiche als Alleinstellungsmerkmal nicht mehr aus, die Patientenzahlen seien rückläufig, die Prognose für die nächsten Jahre „erschreckend“. Nach der Versammlung hissen die Mitarbeiter vor dem Haupteingang ein Transparent: „Ruhe in Frieden, Marienhospital“, ist dort in Abkürzung zu lesen, darunter in roten Lettern das Wort „Mörder“. Zu diesem Vorwurf kann der Geschäftsführer vor Ort keine Stellung mehr nehmen – er ist schon wieder auf dem Weg nach Lüdenscheid.

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