Erziehung

Warum Opa besser „sterben“ als „einschlafen“ sollte

In der Kita „Wilde Wutz“ empfiehlt Pfarrerin Katharina Thimm Bilderbücher zum Thema. Die zum Teil radikal andere Herangehensweise von Kindern findet sie erfrischend – und rät Eltern, sich damit vertraut zu machen.

In der Kita „Wilde Wutz“ empfiehlt Pfarrerin Katharina Thimm Bilderbücher zum Thema. Die zum Teil radikal andere Herangehensweise von Kindern findet sie erfrischend – und rät Eltern, sich damit vertraut zu machen.

Foto: Alexander Barth

Letmathe.  Über den Tod sollten Eltern mit Kindern offen sprechen – und dabei ein paar Dinge beachten. Pfarrerin Katharina Thimm weiß Rat.

Auf Augenhöhe mit Kindern zu reden, ist nicht immer leicht. Eine Ausnahme ist das Thema, über das Erwachsene am liebsten gar nicht reden: die Endlichkeit des Lebens. Darauf macht Katharina Thimm, Pfarrerin und Schulreferentin im evangelischen Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg, gern zu Beginn aufmerksam, wenn sie Eltern Tipps für die schwierige Aufgabe an die Hand gibt; wie vor kurzem in der Kita „Wilde Wutz“. Dabei stützt sie sich in erster Linie nicht auf theologische Konzepte, sondern auf Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie – und persönliche Erfahrungen, nicht zuletzt mit ihrer eigenen Tochter.

Natürliche Neugier von Kindern nicht ersticken

„Es gibt wenige Punkte, in denen sich Kinder so sehr von Erwachsenen unterscheiden“, betont sie. Etwa bis zum Grundschulalter sei für viele der Tod „spannender als die Frage, wo die Babys herkommen“. Diese natürliche Neugier wird oft im Keim erstickt, weil Eltern das Thema unangenehm ist. Das sorge für Missverständnisse, erklärt Katharina Thimm: „Kinder haben ein feines Gespür für die Gemütslage ihrer Eltern und reagieren darauf. Wenn sie dann aufhören, zu fragen, bedeutet das nicht, dass sie nicht weiter darüber nachdenken.“ Überhaupt sollte man die geistige Selbstständigkeit des Nachwuchses nicht unterschätzen: „Kinder machen sich ihre eigenen Vorstellungen und kommen dabei oft zu ganz anderen Ergebnissen als Erwachsene.“

Bedeutsam sei dabei eine Stufe in der geistigen Entwicklung, die von den meisten zu Beginn der Grundschulzeit erklommen wird. Dann erst verstünden Kinder das Konzept der Endgültigkeit, vorher könnten sie nicht wirklich begreifen, dass Gestorbene nicht wiederkommen. Ihrer Erfahrung nach gingen Kinder eher von Kreisläufen aus, wie sie in der Natur typisch sind – die Idee der Wiedergeburt wäre demnach intuitiver als das lineare Modell westlicher Religionen. Zur Veranschaulichung berichtet die Pfarrerin eine Anekdote von ihrer Tochter im frühen Grundschulalter: „Als ich sagte, im Himmel könnten wir vielleicht immer so schön kuscheln wie jetzt gerade, schüttelte sie den Kopf und erklärte mir: ,Aber Mama, wenn es für mich so weit ist, bist du doch längst nicht mehr da.’“

Eltern sollten grundsätzlich keinen Anstoß daran nehmen, wenn Kinder dem Thema Sterben nicht mit der Ernsthaftigkeit begegnen, die für Erwachsene selbstverständlich ist. Fast alle, die heute Abend in die Kita gekommen sind, haben dazu etwas zu berichten. Etwa die fröhliche Reaktion eines Vierjährigen auf die Erklärung seiner Mutter zur gerade vollzogenen Beisetzung des Großvaters: „Jaa, Opa ausbuddeln!“ Andere berichten, wie ihre Kinder augenscheinlich unsensibel auf den Tod eines Großelternteils reagieren: „Warum nimmt Opa sich keine neue Oma?“ Diese Erwartung leite sich einfach aus der Erfahrung ab, dass Opas und Omas zusammengehören, erläutert Katharina Thimm.

Was der Verlust eines geliebten Menschen für den Hinterbliebenen bedeutet, sei je nach Alter für Kinder intellektuell noch nicht begreifbar oder zumindest sei ihr Empathievermögen noch nicht hinreichend ausgeprägt. „Kinder sind egozentrisch, auf eine ganz unschuldige Weise. Sie betrachten die Welt von ihrer Warte und müssen erst lernen, den Standpunkt von anderen Menschen einzunehmen.“ Auch wenn Kinder das Dahinscheiden eines Haustiers als deutlich gravierender erachten als das eines Verwandten, den sie nicht oft gesehen haben, sollten Eltern darauf nicht mit Vorwürfen reagieren – für kleine Mädchen und Jungen könne der tote Goldfisch subjektiv tatsächlich schlimmer sein als die gestorbene Tante.

Der Tod sollte auch sprachlich eine eigene Kategorie bilden

Vorsicht sei bei der Sprache geboten, erklärt die Schulreferentin weiter, denn Kinder seien früh in der Lage, ihre Welt nach Merkmalen in Kategorien zu sortieren und logische Schlüsse zu ziehen. Fehlende Erfahrung führe allerdings zu falschen Annahmen, wenn Erwachsene nicht achtgeben: „Viele sprechen vom ,Einschlafen’, wenn es um den Tod geht oder begründen den Tod eines Menschen mit ,er war krank’. Kinder müssen aber jeden Abend einschlafen und werden selbst krank. Viele glauben dann wirklich, dass sie sterben müssen.“

Die absurden Überzeugungen, zu denen Kinder aus Mangel an Weltwissen gelangen können, sorgen auch für Erheiterung. „Ach, die war ja schon alt“, zitiert Katharina Thimm ein Mädchen zum Unfalltod einer 18-Jährigen. „Wenn man einen Führerschein hat, ist man alt“, erklärt sie die gedankliche Verknüpfung. Viel hilft viel, zumindest bei der Kommunikation mit Kindern über das Thema, bei dem die Eltern meist nicht sachlich bleiben. Zurückhaltung rät sie nur bei einem Aspekt: „Vor körperlichen Verletzungen haben Kinder früh Angst, da ist es in Ordnung, vage zu bleiben.“ Katharina Thimm lobt die Initiative von Kitas und Schulen, die mit den Kindern Friedhöfe und Bestatter besuchen: „Schade, dass viele Eltern dagegen sind.“

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