Literaturpreis

Warum Rudi Müllenbach 300 Krimis mit der Post bekommen hat

Nur ein kleiner Teil der 300 Krimis, die Rudi Müllenbach als Jurymitglied zur Ansicht bekommen hat, ist hier zu sehen – diese 60 will der heimische Autor dem „Kleinen Laden“ stiften.

Nur ein kleiner Teil der 300 Krimis, die Rudi Müllenbach als Jurymitglied zur Ansicht bekommen hat, ist hier zu sehen – diese 60 will der heimische Autor dem „Kleinen Laden“ stiften.

Foto: Alexander Barth / IKZ

Oestrich.  Rudi Müllenbach sitzt in der Jury, die den Friedrich-Glauser-Preis für den besten deutschsprachigen Kriminalroman des Jahres 2019 verleiht.

300 Kriminalromane haben Paketdienstleister im Jahr 2019 zugestellt – an eine einzige Adresse an der Berliner Allee. Hier wohnt Hans-Rudolf „Rudi“ Müllenbach mit seiner Frau Angelika. Dafür hat der pensionierte Lehrer, Musiker, Sportmoderator und seit einigen Jahren auch Autor nicht mit Geld bezahlt, sondern mit einer Verpflichtung: Er ist Mitglied einer Jury des „Syndikat“-Vereins zur Förderung deutschsprachiger Kriminalliteratur, die entscheidet, wer im April auf dem deutschen Krimifest „Criminale“ in Hannover den Friedrich-Glauser-Preis für den besten Roman des Jahres 2019 erhält.

Über Autorenkollegin in denSog des „Syndikats“ geraten

„Ich wusste nicht wirklich, worauf ich mich da einlasse“, sagt der ­66-Jährige nur halb im Scherz. Bei einer Lesung zugunsten der Notfallseelsorge, die Pfarrer Hartmut Marks vor vier Jahren organisiert hatte, lernte Rudi Müllenbach die deutsche Krimiautorin Sandra ­Lüpkes kennen, die ihm den Besuch eines „Syndikat“-Stammtischs empfahl; seit drei Jahren ist Müllenbach ordentliches Mitglied der Autorengruppe. „Vor anderthalb Jahren hat sie mich dann angesprochen und gefragt, ob ich mir die Jury-Tätigkeit vorstellen könnte– jetzt, wo ich in Rente bin.“

In der fünfköpfigen Jury sitzen in der Regel der Preisträger des Vorjahres (in diesem Fall Jutta Profijt mit ihrem Roman „Unter Fremden“) und vier weitere Schreiber; von Autoren für Autoren, lautet die Devise. Für die Organisation zeichnet die frühere TV-Redakteurin ­Michaela Pelz verantwortlich. Um die 300 Romane, die ab Januar 2019 im Hause Müllenbach eintrudelten, unterzubringen, hat der Letmather zwei zusätzliche Bücherregale installiert. Im Wohnzimmer gibt es einen Ofen, zur vollen Stunde erschallt der Ruf einer Kuckucksuhr – nur Pfeife raucht Rudi Müllenbach nicht beim Gespräch mit der Heimatzeitung.

Auf die vordringliche Frage antwortet er aufrichtig: „Gelesen habe ich nur die Hälfte. Wir haben es so eingeteilt, dass jeder Roman zur Ermittlung der Favoriten von mindestens drei Jurymitgliedern begutachtet wird.“ Die Kandidaten für die Auszeichnung hätten dann alle gründlich und zum Teil auch mehrfach gelesen, um bei den Diskussionen fundierte Argumente vorbringen zu können. Die Entscheidung sei kürzlich bei einem Treffen in Köln gefallen, verrät der 66-Jährige.

Die Hälfte, also 150 Romane in einem Jahr, das sind im Schnitt zweieinhalb Tage pro Buch. Eine detailgenaue Analyse lässt das nicht für alle Titel zu – klar war in jedem Fall: „Zum Schreiben bin ich darüber nicht mehr gekommen. Jetzt bin ich aber frisch inspiriert und freue mich, damit wieder anzufangen.“

Die erste Fassung notiert Müllenbach handschriftlich

Von Rudi Müllenbach sind bereits drei Kriminalromane erschienen, zuletzt „Grubenteufel“ (2018) im Ventura-Verlag. Die Geschichten rund um sein fiktives Ermittlerduo, bestehend aus Kommissar Udo ­Bitze und Staatsanwältin Ellen Schrader, seien in den einzelnen Bänden jeweils abgeschlossen, betont der Autor, ergänzt aber: „Wer alle gelesen hat, kann sich bei manchen Stellen mehr dazu denken.“

Beim Schreiben geht der Letmather traditionell vor und notiert seine ersten Entwürfe handschriftlich in einer ledergebundenen Kladde, die er beim Abtippen auf seinem Laptop einer ersten Überarbeitung unterzieht. „Der Einstieg muss mich direkt mit irgendetwas fesseln“, formuliert er einen Anspruch, den er als Leser an andere Autoren stellt. Von Prologen hält er inzwischen gar nichts mehr: „Einmal habe ich selbst einen geschrieben, weil das heute irgendwie jeder tut, aber ehrlich gesagt finde ich: Von zehn Prologen tragen acht oder neun überhaupt nichts zur Geschichte bei.“ Skandinavische Autoren wie Adler Ohlsen liest er am liebsten.

Bei seinen eigenen Krimis bemüht er sich um glaubwürdige Realitätsnähe. „Es hat keinen Sinn, wenn man anfängt, rumzuspinnen“, sagt Müllenbach, der für seine regionalen Geschichten auch Vor-Ort-Recherche betreibt und bei Lesungen schon auf den Prüfstand gestellt worden ist („Welchen Schrottplatz meinen Sie denn?“). Für eine realistische Darstellung von Ermittlungsmethoden hat er einen echten Profi an seiner Seite: Michael Kuchenbecker, Leiter der Kreispolizeibehörde, zählt über zwei Ecken zur Familie und liest jedes Manuskript, damit sich Müllenbachs Fantasie auf die konkreten Fälle beschränkt.

In echte Ermittlungen mischt sich der Letmather nicht ein: „Tatsächlich haben mich Angehörige eines echten Mordopfers mal angesprochen und wollten mir alle Unterlagen zur Verfügung stellen, damit ich über den ungeklärten Fall schreibe. Aber von so etwas lasse ich die Finger – meine Frau will auch nicht, dass das nächste Killerkommando vor unserer Tür steht.“

Die „Criminale“ würde der Stadt gut zu Gesicht stehen

Die Zusammenarbeit mit Verlagen erlebt der Autor nicht als so undankbar, wie das Klischee besagt, aber er lässt durchblicken: „Wenn man davon leben muss, ist das ein hartes Brot.“ Die Klappentexte für seine Bücher verfasst er selbst, auch bei der Einbandgestaltung hat er ein Wörtchen mitzureden. „Mein Verleger war sehr angetan von dem Cover, das Petra Lukoschek gemacht hat. Die hat das Original im Schaufenster ihrer neuen Galerie an der Hagener Straße und ist schon angesprochen worden, ob sie das von meinem Buch abgemalt habe“, berichtet Rudi Müllenbach vergnügt.

2021, hofft er, findet die „Criminale“ vielleicht in Iserlohn statt – der Kulturausschuss berät am 20. Februar über eine Bewerbung als Ausrichter. Und die 300 Krimis? 60 der Ansichtsexemplare gehen am Samstag als Spende an den „Kleinen Laden“ der evangelischen Gemeinde, kündigt das Jurymitglied an.

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