Unterricht im Wald

Warum Schule immer im Wald sein müsste

Vier Tage in der freien Natur verbrachten 21 Letmather Hauptschüler bei einem Projekt mit der Waldschule und der AOK.

Foto: Helmut Rauer

Vier Tage in der freien Natur verbrachten 21 Letmather Hauptschüler bei einem Projekt mit der Waldschule und der AOK. Foto: Helmut Rauer

Letmathe.   Kinder und Lehrer wünschten sich, sie könnten immer im Wald unterrichten. So viel Freude und Erfolg hatten sie mit einem Projekt an der Waldschule, gefördert von der AOK.

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Ein Junge aus der siebten Klasse holt gerade mit der Axt aus, um ein Stück Holz zu spalten, während die 13-jährige Salin, ein Flüchtlingskind aus Syrien, neben ihm am Lagerfeuer mit der Hand Brotteig zu kleinen Ballen formt. „Es ist das Brot der Wildnis“, erklärt schmunzelnd Waldlehrer Axel Dohmen. In der Pfanne über den offenen Flammen werden derweil Brennnesseln glasig geröstet und anschließend kräftig mit Gewürzen bestreut. Eine leckere Vorspeise. „Ausgezeichnet!“ leckt sich Ralf Jurka, Marketingleiter der AOK Märkischer Kreis, die Finger nach dieser Köstlichkeit.

Die oben beschriebene Szene hat sich am Freitag kurz vor Mittag am Lagerfeuer auf dem Freigelände der Waldschule MK abgespielt. Das Projekt „Natürlich erleben“ mit der Hauptschule Letmathe neigte sich dem Ende zu. Vier Tagen hatten 21 Schüler der Klassen sechs und sieben „Unterricht in der Natur“ genossen, sich den ganzen Tag im Freien bewegt, in kleinen Gruppen Aufgaben gelöst und Spaß gehabt. Nun saßen sie zum Abschluss gemeinsam am Feuer.

Gesunde Bowle aus Giersch, Waldmeister und Löwenzahn

Einige Kinder schnitzten mit Fahrtenmessern an ihren Holzstöcken, während andere gerade einen großen Kessel Suppe zum Feuer schleppten. Nur der Topf mit der Bowle stand noch etwas abseits. Das frisch zubereitete alkoholfreie Getränk aus Giersch, Löwenzahn, Gutermannkraut und Waldmeister musste noch eine Weile ziehen.

Ralf Jurka war gekommen, um zu schauen, wie das frisch aus der Taufe gehobene und von der AOK finanziell geförderte Schulprojekt wohl laufen und ankommen würde. Er war der einzige, der hier im Wald eine Krawatte trug. Doch die entspannten Gesichtszüge verrieten Begeisterung. „Wie die Kinder hier Gemeinschaft erleben und. die Natur kennenlernen und gesunde Ernährung, das ist schon sehr positiv.

Apropos Ernährung: Die vier „Outdoor-Tage“ haben gezeigt, dass gesundes Obst und Gemüse für Kinder - egal welcher Schulform - heutzutage nicht unbedingt selbstverständlich sind. Nicht jedes Kind, wusste, was eine Tomate ist. Und manche hatten vorher noch nie eine Möhre geschält. Aber wer sich im Wald die Kräuter für den Tee selbst zusammensucht und das Gemüse für das Mittagessen eigenhändig zubereiten muss, kann gar nicht anders, als sich mit gesunder Ernährung auseinanderzusetzen.

Überdies ging es bei dem Projekt mit einem sechsköpfigen Team aus Lehrern, Sport-, Erlebnis- und Waldpädagogen nicht zuletzt um Bewegung an der frischen Luft bei kleinen Expeditionen und gemeinschaftsfördernden Aufgaben im Wald: Die einen bauten ein Baumhaus, die anderen eine Waldhütte aus Stöcken und Zweigen. Wieder andere legten eine Art Minigolfbahn an mit Hindernissen aus biegsamen Zweigen und Baumrinde-Stücken. Großen Spaß hatten aber auch diejenigen, die aus einem elastischen Seil und einem kräftigen Stück Fundholz eine weit und hoch schwingende Baumschaukel bauten.

Wirkung des Waldes machte Medikament überflüssig

Das alles weckte die sieben Sinne, förderte die Kreativität und löste Begeisterung aus. So sehr, dass die Schüler den Regen, der am Dienstag auf sie niederprasselte, gar nicht mehr richtig wahrnahmen. Hätten die Lehrer sie nicht ins warme „Kaminzimmer“ geholt, wären sie am Ende arg durchnässt gewesen. „Was außerdem völlig unwichtig wurde, waren die Handys“, staunte Waldlehrer Dohmen. „Am ersten Morgen gab fast jedes Kind sein Gerät nur ungern ab, aber am Abend vergaßen die ersten, es wieder abzuholen. Am nächsten Tag brachten viele ihr Smartphone gar nicht erst mit in den Wald. Keiner hat sein Handy vermisst“ Der Wald entfaltete geradezu heilsame Kräfte: Ein Junge, der eigentlich auf Medikamente angewiesen ist, brauchte sie auf einmal nicht mehr. Und einer, der sich sonst in Schweigen hüllt, redete im Wald plötzlich wie ein Buch.

„Warum gibt es immer noch Schulstunden, die nicht im Wald stattfinden?“ fragte der staunende Redakteur zum Schluss. „Weil’s leider nicht anders geht“, antwortete Petra Dausend, Konrektorin der Hauptschule Letmathe. „Aber einmal im Monat mit den Schülern in den Wald gehen, das wäre schon was!“

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