Interview

Was „Zoff“-Frontmann Reiner Hänsch über die Krise denkt

Reiner Hänsch macht sich in der Krise Sorgen um seine Künstlerkollegen und freut sich darauf, wieder reisen zu können. Er selbst habe bislang nur Luxusprobleme, sagt der „Zoff“-Frontmann.

Reiner Hänsch macht sich in der Krise Sorgen um seine Künstlerkollegen und freut sich darauf, wieder reisen zu können. Er selbst habe bislang nur Luxusprobleme, sagt der „Zoff“-Frontmann.

Foto: Privat / IKZ

Letmathe/Varel.  Reiner Hänsch von der Letmather Erfolgsband „Zoff“ beobachtet, dass gute wie schlechte Züge bei Menschen stärker hervortreten.

Reiner Hänsch ist von der Corona-Krise doppelt betroffen: Er ist Künstler und zählt mit seinen 67 Lenzen nominell zur Risikogruppe. Warum er das für sich persönlich halb so schlimm findet, wie es ihm in der Kontaktsperre ergeht und welche Sorgen ihn umtreiben, darüber haben wir am Telefon mit dem Frontmann der Letmather Erfolgsband „Zoff“ gesprochen. Der Musiker lebt heute am Jadebusen im niedersächsischen Landkreis Friesland .

Wo bist du und wie geht es dir?

Reiner Hänsch: Ich bin zu Hause und es geht mir gut. Auch meine Familie und die anderen aus der Band sind gesund, dafür bin ich dankbar. Es ist ja schon gespenstisch im Moment, das echte Leben fühlt sich manchmal an wie ein Katastrophenfilm.

Wo wärst du jetzt ohne Corona?

Auf Ibiza, da haben wir ein Haus. Dort waren wir tatsächlich, als es richtig losging und haben die totale Ausgangssperre in Spanien miterlebt. Wir sind sogar von der Polizei angehalten worden und wurden direkt nach Hause geschickt.

Wie betrifft dich die Krise?

Für mich ist es nicht so schlimm wie für andere. Ich denke da an Musikerkollegen, die komplett von ihrer Arbeit leben müssen und durch die fehlenden Auftritte jetzt praktisch null Einkommen haben. Für die ist es ein besonders harter Einschnitt. Ich kann höchstens über die lästige Maske im Supermarkt oder die Einschränkungen beim Reisen klagen, aber das sind Luxusprobleme.

Was vermisst du am meisten?

Freunde und Familie zu treffen, in die Kneipe und ins Restaurant zu gehen und mit meiner Frau ins Kino. Im Autokino waren wir noch nicht, das wollen wir noch ausprobieren. Vielleicht am meisten vermisse ich es, mich so frei in der Welt bewegen zu können, wie ich das bisher immer gewohnt war.

Wie nutzt du die Zeit?

Ich langweile mich zu Hause nicht: Gerade schreibe ich an einem neuen Buch, die Musikmaschinerie, mein Studio, steht hier und wird auch fleißig genutzt. Außerdem gehen wir jeden Tag spazieren und genießen die Natur, und ich mache viel im Garten – das nicht ganz so gern, aber „muss ja“!

Hast du schon einen
Corona-Song geschrieben?

Nein, ich glaube das haben inzwischen genug andere Leute getan. Ich habe auch noch kein Youtube-Konzert aus dem Wohnzimmer gegeben, aber ich denke über eine Kurzlesung nach, vielleicht mit etwas Musik.

Was macht die Krise
mit deiner Kreativität?

Hier und da bieten sich neue Themen an, aber insgesamt stelle ich bislang ich keine Veränderung fest. Ist immer noch alles da.

Was siehst du denn derzeit
durch deine Künstleraugen?

Gutes und Schlechtes. In Extremsituationen wie dieser stechen beide Seiten deutlicher hervor. Ich finde es schön, dass viele Menschen kreativ dabei werden, anderen zu helfen und Mut zu machen. In Spanien zum Beispiel sind Polizisten mit Musikinstrumenten aus ihren Streifenwagen gestiegen und haben ein kleines Konzert gegeben, davon habe ich ein Video gesehen.

Aber die Menschen zeigen sich jetzt auch von Seiten, die man vorher vielleicht nur nicht bemerken wollte: Nicht nur egoistisch, sondern auch boshaft. In Deutschland geht es jetzt vielleicht sogar wieder los mit dem Denunziantentum, andere werden verdächtigt und angeschwärzt. Bei uns in der Nähe ist jemand mit einem fremden Kennzeichen beim Einkaufen bespuckt und beschimpft worden. In Wahrheit hat der Beschimpfte in der Gemeinde gelebt. Manchen Leuten geht es darum, ihre kleinlichen Machtfantasien auszuleben und sie genießen es sich dabei im Recht zu fühlen. So etwas finde ich schon ganz schön daneben.

Was bereitet dir noch Sorge?

Diese ganzen Freikonzerte, so schön sie auch sind und gut fürs Gemeinschaftsgefühl und die Solidarität, stimmen mich auch etwas nachdenklich. Man darf jetzt nicht alles verschenken, finde ich, sonst geht man eventuell ein Risiko ein – nämlich dass die Leute darüber vergessen, dass Kultur einen Wert hat. Es darf nicht wieder zurück zum Bettlerstatus führen. Es ist mehr als bedauerlich, was gerade nicht nur Musikern, sondern auch Schauspielern und anderen Kulturschaffenden widerfährt. Mit den staatlichen Soforthilfen kommt man nicht weit – wobei man natürlich vom Staat auch nicht erwarten kann, längerfristig den gesamten Ausfall zu kompensieren. Wo sollen die Milliarden herkommen?

Hast du Hoffnung, dass sich die
Lage bald wieder normalisiert?

In manchen Bereichen könnte das länger dauern als in anderen. Man muss sich auch fragen, wie bald die Leute nach den Erfahrungen, die sie derzeit machen, wieder Lust haben werden, etwa im Theater dicht an dicht aufeinanderzusitzen. Die Rückkehr in die Normalität wird schwieriger, als einen Schalter umzulegen. Im Übrigen finde ich dieses Wettrennen um die Lockerungen, mit dem sich manche Politiker gerade profilieren wollen, nicht gut. Natürlich riskieren wir womöglich andere Leben, wenn wir die Wirtschaft total an die Wand fahren. Wir brauchen eine Balance zwischen Risiko und Öffnungen, und da muss man fairerweise auch sagen: Egal, welche Entscheidung die Regierung trifft, Kritik hagelt es so oder so.

Hast du dich selbst verändert?

Ich glaube ich werde derselbe Reiner Hänsch bleiben, der ich vorher war. Aber manche Veränderung wird wohl nach der Krise bei vielen bleiben – uns ist ja jetzt viel bewusster, wie sich Erreger ausbreiten. Händedruck, Umarmung, Küsschen hier und da, das wird man sich in Zukunft zweimal überlegen.

Worauf freust du dich am
meisten in der Zeit nach der Krise?

Ich möchte wieder mit meiner Gitarre losziehen, mit „Zoff“ auftreten und mit dem Auto durch Europa fahren oder auch mal weiter fliegen. Aber jetzt heißt es erst mal: Haltet euch an die Regeln, haltet aus und bleibt gesund!

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