Interview

Was zwei Sonderpädagogen zur Inklusionsdebatte sagen

Iris Schweitzer und Thilo Pelzing leiten seit dem Schuljahr 2018/19 die Brabeckschule.

Iris Schweitzer und Thilo Pelzing leiten seit dem Schuljahr 2018/19 die Brabeckschule.

Foto: Alexander Barth

Letmathe.  Mit dem Rektoren-Duo Iris Schweitzer und Thilo Pelzing haben wir über ihre Motivation, Frust und die große Kontroverse gesprochen.

Thilo Pelzing und Iris Schweitzer, beide 44 Jahre alt, sind seit rund einem Jahr Schulleiter und Konrektorin der Brabeck-Förderschule. Letztere stammt aus Hagen, hat in Dortmund studiert und kam 2002 nach Letmathe. Thilo Pelzing ist in Gerlingsen zur Grundschule gegangen, hat sein Abitur am MGI gemacht und in Köln studiert. Vor dem Hintergrund der derzeit einschneidenden Veränderungen an der Brabeckschule haben wir die beiden zu ihrer „besonderen“ Berufung befragt.

Wie sind Sie Lehrer geworden?

Pelzing: Meine Eltern waren beide Lehrer, aber das ist nicht der Grund – eigentlich wollte ich BWL studieren. Dann habe ich meinen Zivildienst bei den Iserlohner Werkstätten geleistet, das war mein erster Kontakt mit Menschen mit Behinderung. Danach wusste ich, dass ich mit denen arbeiten möchte, denn sie haben mein Leben lebenswerter gemacht.

Schweitzer: Ich wollte mit Kindern arbeiten. Bei einem Praktikum in der Krankengymnastik bin ich mit – auch schwer und mehrfach – behinderten Menschen in Berührung gekommen, das hat mich auf die Sonderpädagogik gebracht, wie es damals noch hieß.

Was lieben Sie an Ihrem Beruf?

Schweitzer: Den Kindern die Chance zu eröffnen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und von ihrer Arbeit leben zu können. Die engere Beziehung, die wir im Vergleich zu Regelschulen mit den Kindern und Jugendlichen aufbauen können und wenn ehemalige Schüler oder deren Eltern sich melden und berichten, dass es zum Beispiel mit der Ausbildung geklappt hat.

Pelzing: Für Menschen da zu sein, die es in der Gesellschaft schwer haben, aber das gleiche Recht auf Bildung wie alle anderen. Dabei zu helfen, das individuelle Potenzial zu entfalten und den Schülern Inhalte fürs Leben zu vermitteln. Ein besonderes Steckenpferd von mir waren immer Theaterprojekte.

Was frustriert Sie?

Pelzing: Man braucht auf allen Ebene unglaublich viel Geduld, nicht nur wegen des Lerntempos der Schüler, sondern gerade als Schulleiter auch in der Verwaltung. Das kann kräftezehrend sein, wenn man eigentlich schnell etwas verändern möchte. Enttäuschend sind die zum Glück eher seltenen Fälle, in denen Schüler aus schwierigen Verhältnissen, für die man über Jahre eine Zukunftsperspektive aufgebaut hat, den Absprung doch nicht schaffen.

Schweitzer: Manchmal die strukturellen Bedingungen, auf die man selbst keinen Einfluss hat; wenn etwa wegen zu wenig Lehrern Unterricht ausfällt. Wir sind alle bereit zu Mehrarbeit, aber bei jedem ist irgendwann die Grenze erreicht. Was wir im Unterschied zu Regelschulen nicht haben, ist Druck von Eltern, die im vierten Schuljahr schon fordern, dass ihre Kinder auf jeden Fall Abitur machen sollen.

Wo stehen Sie in der kontrovers geführten Inklusionsdebatte?

Schweitzer: Inklusion an Regelschulen kann funktionieren – sofern die Rahmenbedingungen stimmen. Wenn Kollegen jedoch 30 Kinder vor sich haben, davon fünf mit Förderbedarf, erscheint es mir fast unmöglich, ihnen gerecht zu werden.

Pelzing: Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Schüler sehr gut ins Regelsystem passen und mit der Förderung dort auskommen. Andere kommen frustriert und sozial ausgegrenzt von Regelschulen zu uns. Denen bieten wir einen Schonraum, den sie brauchen, um ihr Selbstwertgefühl wieder aufzubauen. Den Grundgedanken von Inklusion muss jeder Pädagoge befürworten, aber es wird noch Jahrzehnte dauern, bis wir soweit sind.

Beeinträchtigt, behindert, benachteiligt – was soll man sagen?

Pelzing: Ich sage: Wir haben hier Kinder mit Schwierigkeiten beim Lerntempo – irgendwann kriegen die es ja hin, es kann nur bis Anfang 20 dauern. Den Begriff Behinderung würde ich nicht mehr verwenden, das ist eine gesellschaftliche Zuschreibung. Und ich finde, es ist Aufgabe der Gesellschaft, für Bedingungen zu sorgen, die allen Kindern die Möglichkeit zur Entfaltung bieten.

Schweitzer: Da hat sich viel geändert, aktuell lautet die offizielle Bezeichnung auch nicht mehr „Förderbedarf“, sondern „Unterstützungsbedarf“. Ich selbst verwende verschiedene Begriffe wertfrei. Unsere Schüler legen aber durchaus Wert darauf, dass sie eine Förder- und keine „Sonderschule“ besuchen. Damit sollte man sensibel umgehen.

Welche Rolle spielen neue Medien für die Arbeit mit Ihren Schülern?

Schweitzer: Es ist wichtig, Schüler heranzuführen an den Umgang mit dem Digitalen, auch für den späteren Beruf. Unsere Schwerpunkte sind aber lebenspraktisch und handlungsorientiert – Bäume im Internet anzugucken ersetzt nicht die Erfahrung, in den Wald zu gehen und ihn mit allen Sinnen zu erfahren.

Pelzing: Die sind kein Allheilmittel, lassen sich manchmal aber gut mit dem Praktischen verbinden, etwa wenn ein Kunstwerk mit den Händen geschaffen und dann abfotografiert und online geteilt wird.

Was macht einen guten Lehrer aus?

Pelzing: Viel Empathie – nicht nur für Kinder, sondern auch für Eltern und Kollegen – und eine starke Persönlichkeit, denn Kinder lernen erst für den Lehrer. Das Lernen fürs Leben verstehen sie erst später.

Schweitzer: Die Schüler da abzuholen, wo sie stehen. Konsequent sein, aber auch mal alle Fünfe gerade sein lassen können.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben