Marienhospital

Wettbewerber in einem umkämpften Markt

Im Marienhospital sind inzwischen nur noch in der Schmerztherapie alle Betten belegt. Die Mitarbeiter erhalten viele Angebote.

Im Marienhospital sind inzwischen nur noch in der Schmerztherapie alle Betten belegt. Die Mitarbeiter erhalten viele Angebote.

Foto: Archiv

Letmathe.  Zehn Krankenhäuser im Umfeld des Marienhospitals ringen um die Gunst der Fachkräfte. Drei heimische Kliniken haben einen Standortvorteil.

Dem Marienhospital läuft die Zeit davon. Während die Verwaltung Möglichkeiten zum Erhalt des Krankenhauses prüft, blutet die schon vorher in die Krise geratene Klinik personell aus.

Das Bild der Ratten, die das sinkende Schiff verlassen, drängt sich auf – treffender jedoch wäre es zu sagen, dass die Besatzung das Schiff verlässt. Über zu wenige Rettungsboote müssen sich die hochqualifizierten Matrosen der Santa Maria nicht sorgen, im Gegenteil: Das leckgeschlagene Schiff ist bereits umringt von einer kleinen Flottille. Die Kapitäne der anderen Schiffe rufen aus Leibeskräften über die Wellen, um ihre Konkurrenten zu übertönen, denn die Situation an Bord ist überall dieselbe. Erfahrene Seeleute werden dringend gebraucht. Die nächstgelegenen Schiffe heißen Bethanien, Elisabeth und Paracelsus.

„Ich freue mich, dass die Mitarbeiter so viele Angebote erhalten haben, denn die Situation ist erst einmal schwierig, die Leute sind traurig und verunsichert“, sagt Dr. Ulrich Müller, Ärztlicher Direktor des Marienhospitals, zur Stimmung im Hause. „Wir haben es jeden Tag mit weinenden Patienten zu tun, die fragen: Was wird aus mir, wenn ihr nicht mehr da seid?“ Müller wirbt um Verständnis für die Zwickmühle der Mitarbeiter: Zwar hätten noch nicht alle die Hoffnung aufgegeben, aber dem Faktor Zeit sei jeder ausgeliefert: „Für unsere Existenz müssen wir jetzt in Wochen denken, bei der Stadt reden wir von Monaten.“ Wie lange sich Verwaltungsvorgänge hinziehen könnten, sei allen schmerzlich bewusst.

Mitarbeiter wollen vorher wissen, woran sie sind

Was ist aus dem Übernahmeangebot der Märkischen Kliniken geworden? Prinzipiell hätten alle Mitarbeiter eine Stellenzusage von der GmbH erhalten, bestätigt Müller. Allerdings lägen aktuell noch keine genauen Stellenbeschreibungen vor – was die Perspektive, in Lüdenscheid oder Werdohl unterzukommen, für viele nicht gerade attraktiver machen kann. „Die Leute wollen vorher wissen, wo genau sie dann arbeiten sollen“, erklärt der ärztliche Direktor und berichtet von einem weiteren Problem: Bislang sei noch keine Vereinbarung mit dem Betriebsrat über Sozialpläne getroffen worden: „Die Krankenschwester, die dann jeden Tag von Iserlohn nach Lüdenscheid und zurück fahren soll, will natürlich wissen, ob sich das für sie überhaupt lohnt.“ Ob und welche Ausgleichszahlungen Mitarbeiter für den Aufwand des Pendelwegs erwarten können, ist noch immer unklar.

Diese Situation erhöht die Chancen der Mitbewerber, vor allem Ärzte und Pflegepersonal für die eigenen Häuser verpflichten zu können. „Die schlafen nicht“, bemerkt Dr. Ulrich Müller und verweist auf den Wettbewerb, der sich äußerlich in Stellenanzeigen und Bewerbercafés zeigt und ansonsten mit den üblichen Mitteln ausgetragen wird, auch über direkte Anfragen. „Ich selbst habe auch Angebote aus verschiedenen Richtungen bekommen“, blieb Müller vage – in gut informierten Kreisen heißt es, der Ärztliche Direktor werde zur Hemeraner Paracelsusklinik wechseln.

Ein Paracelsus-Sprecher betont, das Interesse an zusätzlichem Personal sei groß: „Wir freuen uns über das Interesse aus Letmathe und nehmen jederzeit auch kurzfristig Bewerbungen entgegen, um die wir uns auch schnell kümmern.“ Ganz ähnlich lautet der Tenor im Gespräch mit dem Evangelischen Krankenhaus Bethanien, das kürzlich ein Job-Speeddating im Tennisclub Letmathe ausgerichtet hat. „Wir brauchen examinierte Gesundheits- und Krankenpfleger ebenso wie ärztliches Personal“, sagt eine Sprecherin und merkt an, um Pflegekräfte würden nicht nur die Kliniken werben, sondern auch die Altenheime und ambulanten Pflegedienste. Es habe schon eine Reihe von Bewerbungsgesprächen gegeben, auch Zusagen lägen bereits vor. Ohne den Bedarf genau zu beziffern, macht sie deutlich: „Wir könnten sicherlich mindestens zehn Mitarbeiter sofort einstellen.“ In einer Stellungnahme der Katholischen Kliniken im Märkischen Kreis, zu denen das St.-Elisabeth-Hospital gehört, schreibt Geschäftsführer Thomas Wülle, der Bedarf an Pflegekräften sei, auch durch neue gesetzliche Regelungen, in allen Fachbereichen gestiegen. Und: „Unsere Pflegedirektoren stehen bereits mit vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Marienhospitals in Kontakt und so bieten wir so vielen Personen wie möglich einen ortsnahen Arbeitsplatz.“

Lange Arbeitswege nehmen die meisten nicht in Kauf

Lange Pendelwege nehmen Beschäftigte von Krankenhäusern selten in Kauf. So wohnen 80 bis 90 Prozent der Mitarbeiter der Paracelsusklinik in Hemer oder Nachbarstädten wie Iserlohn und Menden, gab ein Sprecher als Schätzwert an – bei den Pflegekräften seien es tendenziell sogar mehr als 90 Prozent, während die Ärzte eher längere Arbeitswege akzeptierten. Auch im Bethanien arbeitet nach Angaben der Klinikleitung der Großteil der Belegschaft wohnortnah, ähnlich ist es im „Lisbeth“.

Kurze Wege sind auch für Patienten von großer Bedeutung, vor allem bei Älteren. Sollte die Schließung des Marienhospitals nicht verhindert werden, müssten diese zumindest den Weg nach Iserlohn oder Hemer bewältigen. Aber stehen überhaupt genug Betten im näheren Umkreis zur Verfügung? Schließlich sind in den vergangenen Jahren schon andere Kliniken im Umkreis geschlossen worden, etwa in Altena und Balve. „Dadurch hat sich die Gesamtauslastung unserer Krankenhäuser im Verbund kontinuierlich erhöht, wobei insbesondere Engpässe für Intensivpatienten sowie neurologische Patienten zu meistern waren“, erklärt Thomas Wülle. Falle auch das Marienhospital weg, würden die Katholischen Kliniken ihre „strategischen Maßnahmen“ anpassen, um ihrer Verantwortung zur Versorgung der Bevölkerung gerecht zu werden.

Zu dieser Frage sagt der Paracelsus-Sprecher: „Wir sind mit unserer Auslastung nicht unzufrieden, haben aber immer noch Ressourcen, um weitere Patienten zu behandeln.“ Wie viele durch eine Schließung in Letmathe dazu kommen würden, sei nicht seriös zu beantworten: „Wir sind ja nicht die einzige Alternative.“ Für welche sich die Patienten entscheiden würden, hänge oft von der Empfehlung des behandelnden Arztes oder persönlichen Empfehlungen ab, lautet die Erfahrung von Thomas Wülle. Konkrete Zahlen nennt das Bethanien-Krankenhaus und beziffert die Auslastung mit etwa 75 bis 90 Prozent. Das Haus verfügt derzeit über 44 Betten in der Inneren Medizin, die um 24 weitere aufgestockt werden sollen. Eine Chirurgie gibt es dort nicht, eingerichtet werden soll jedoch eine Spezialabteilung für Schlaganfallpatienten. „Gastroenterologische und kardiologische Fälle aus Letmathe könnten wir aufnehmen“, erklärt eine Sprecherin. Zum Vergleich: Das Marienhospital verfügt über 50 Betten in der Inneren Medizin, dazu 30 in der Chirurgie und zehn für die Schmerztherapie.

Die Auslastung von Krankenhäusern ist periodischen, zum Teil jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen. Die Patienten, weiß Dr. Ulrich Müller, hätten in der Regel die Spitzenbetriebszeiten im Blick, während „die Politik mit Durchschnittsbelegungen arbeitet.“ Entsprechend groß ist die Sorge der Letmather. Ein Angebot zu gewährleisten, wie es das Marienhospital bislang machen konnte, sei mit Lösungen wie einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) nicht darstellbar. „Ich bin sicher, was die in Balve machen, hilft der Bevölkerung, aber mit dem Wesen eines Krankenhauses hat das wenig gemeinsam. Die machen abends das Licht aus, wir stehen rund um die Uhr bereit“, merkt der ärztliche Direktor zu dem Konzept von Ingo Jakschies’ „Gesundheitscampus“ an. „Unser täglich Brot, das sind Patienten, die 80 Jahre alt sind und am Samstagabend merken, dass sie keine Luft mehr kriegen.“

Große Distanzen schon jetzt ein Problem für Retter

Wie Notfallpatienten in der gesetzlich vorgegebenen Zeit versorgt werden können, wenn mit dem Marienhospital eine weitere Anlaufstelle wegfiele, wäre gleich die nächste Aufgabe für Verwaltung und Politik. Klar ist: Die schon jetzt oftmals langen Wege der Lebensretter würden teilweise noch mehr Zeit verschlingen – eine Warnung, die bei der letzten Sitzung des Feuerwehrausschusses für besorgte Mienen gesorgt hat.

In Letmathe macht sich inzwischen die ungewisse Zukunft auch durch rückläufige Patientenzahlen bemerkbar: Nur die Betten der Schmerzklinik sind noch voll belegt. Warum ein in Seenot geratenes Schiff als Passagier betreten, wenn die Matrosen bereits woanders anheuern? Soll diese Santa Maria noch gerettet werden, muss sich die Verwaltung beim Wasserschöpfen beeilen.

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