Kultur

Wichtiges Zeichen zur Klimadebatte

Dirigent Hanns-Peter Springer hatte den Chor- und Orchesterklang in seinen Händen und großen Anteil an dem Gelingen der ambitionierten Oratoriums-Aufführung mit großem Projektchor in der Friedenskirche.

Dirigent Hanns-Peter Springer hatte den Chor- und Orchesterklang in seinen Händen und großen Anteil an dem Gelingen der ambitionierten Oratoriums-Aufführung mit großem Projektchor in der Friedenskirche.

Foto: Emily Karacic

Letmathe.   Hartmut Tripps Öko-Oratorium „Mutter Erde“ feiert eine großartige Premiere in der Friedenskirche.

Die Aussage ist unmissverständlich: „Jetzt! Die Zeit ist reif und überfällig […] Ein Weiter so kann es nicht geben, wenn wir so wollen weiterleben.“ Mit diesen Zeilen beginnt „Mutter Erde“, das Öko-Oratorium vom Letmather Saxophonisten und Komponisten Hartmut Tripp. Am Wochenende feierte das Großprojekt Uraufführung; am Samstag in Arnsberg und am Sonntag in der Friedenskirche. Kern der Komposition ist, den Mensch zur Verantwortung gegenüber seinem Planeten zu mahnen. Der Zeitpunkt für das Werk könnte nicht besser sein. Nicht nur war am Sonntag passenderweise Erntedankfest, auch feierten tags zuvor zehntausende Menschen den vorläufigen Rodungsstopp im Hambacher Forst.

Eine geistliche Musikform mit weltlichem, gar politischem Inhalt? Aktuell und zeitgemäß, findet Hartmut Tripp: „Man kann nicht erwarten, dass die Komponisten eine der Kirche dienliche Musik schreiben und die brisanten Themen unserer Zeit vollkommen ignorieren“. Für die Umsetzung seines Oratoriums hatte Tripp ein Ensemble aus hochkarätigen Musikern zusammengestellt. Ein großer Projektchor mit Mitgliedern aus Iserlohn und Arnsberg und drei renommierte Gesangssolisten überragten mit ihrer Stimmgewalt, den Orchesterpart übernahm die Camerata Instrumentale Siegen. Mit KMD Hanns-Peter Springer lag auch die Gesamtleitung in sichersten Händen – eine vielversprechende Kombination.

Vor dem Oratorium interpretierten Tripp und Springer mit Sopransaxophon und Orgel
Variationen des Lied „Gott gab uns Atem“. Bereits bei dieser Bearbeitung Tripps zeigt sich sein Kompositionsstil – deutliche Jazz-Einflüsse sind herauszuhören, Tonalität wird erweitert, starke Dissonanzen sind kein Tabu.

Treibende, nach vorn strebende Musik

Zur Eröffnung des Hauptwerks sahen die zahlreichen Zuschauer in der Friedenskirche eine szenische Installation von Schülerinnen und Schülern der Kunstschule „casa b“: Sie zeigte die Bedrohung der Erde durch ökologische Katastrophen mit anschließendem Umdenken der Menschen und Einrichtung von Umweltschutzmaßnahmen. Das Oratorium stellt die aktuellen Zustände unseres Planeten unbeschönigt dar. Der bereits erwähnte Aufruf, dass die Zeit zum Wandel „Jetzt“ ist, legt ohne Umschweife die kompromisslose Aussage des Werks fest. Anschließend werden die beiden Gesichter des Wachstums aufgezeigt. Zum wichtigen Wachstum der Lebewesen boten Hanno Kreft und Sophie Richter ein beeindruckendes Duett zwischen Vater und Tochter. Die junge Sopranistin Richter mit glockenheller Stimme als neugieriges Kind, Kreft mit wohltönend warmem, ja väterlichem Bass in der Position des Erklärenden.

Wachstum beinhaltet jedoch ebenso die unstillbare Gier der Wirtschaft – „schneller, höher und auch weiter“ lautete das Credo des Chores, vorgetragen im Wechselgesang zu treibender, nach vorn strebender Musik des Orchesters. Zu einer marschierenden Trommel sang Kreft solo vom kontroversen Kriegsprofit und gemeinsam mit dem Chor von menschlichen Konsumgewohnheiten und deren Auswirkungen auf Wirtschaft und ökologisches Gleichgewicht.

Zwischen Chören und Sologesängen sind als festes Element Choräle integriert, die jedes Mal auf verschiedene Weise Gott darum bitten, uns Menschen die Kraft zu geben, unsere Mutter Erde durch ein kollektives Umdenken zu retten. Ein weiterer zentraler Bestandteil sind gesprochene Einwürfe – mal Fakten, mal kritischer Kommentar – immer expressiv dargeboten vom Tenor Stephan Hinssen, der sich außerdem mit einer feinen Soloarie auszeichnen konnte.

Erstklassige Leistung von allen Musikern

Musikalisch bewegt sich das Werk grundsätzlich auf tonalen Pfaden mit moderner Gestaltung, aber auch mit klassischen und barocken Elementen wird gespielt: Zwischendurch hätte man ein Stück bis auf den dissonanten Schluss beinahe als Händel-Arie kaufen können. Minimalistische Motivik à la Jenkins und Glass dominiert die Orchesterbegleitung, außerdem setzt Tripp vereinzelt durchaus wirkungsvolle Klangeffekte. Interpretatorisch gibt es nicht viel zu sagen, alle teilnehmenden Musiker lieferten eine erstklassige Leistung ab.

Der freudestrahlende Schlusschor mitsamt allen drei Solisten und sattem Orchesterklang lässt schließlich hoffen, dass die Erde noch nicht verloren ist. Die Erde in all ihren wunderbaren Facetten konnte das Publikum in Form zahlreicher Kunstwerke von „casa-b“-Schülern bewundern, die in der ganzen Kirche verteilt an der Wand hingen. Tripps Werk setzt ein wichtiges Zeichen zur Klimawandel- und Umweltschutzdebatte. Möge es viele Zuschauer zum Nachdenken und zu aktiver Veränderung angeregt haben.

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