Tafeln

Zehn Jahre „CariTasche“ Letmathe – von Scham und Dankbarkeit

Weil es Spaß macht, zu helfen, engagieren sich rund 30 Rentner ehrenamtlich bei der Letmather Tafel der Caritas. Die Ausgabe erfolgt geordnet nach einem inzwischen bewährten System.

Weil es Spaß macht, zu helfen, engagieren sich rund 30 Rentner ehrenamtlich bei der Letmather Tafel der Caritas. Die Ausgabe erfolgt geordnet nach einem inzwischen bewährten System.

Foto: Michael May / IKZ

Genna.  Die Tafel der Caritas in Letmathe versorgt rund 170 Haushalte. Bei einem Besuch sind viele Kunden bereit, anonym über ihre Situation zu sprechen.

Freitagmittag: Hinter der grün gekachelten Fassade an der Gennaer Straße 25 herrscht die Ruhe vor dem Sturm. Ein gutes halbes Dutzend der insgesamt 25 bis 30 ehrenamtlichen Helfer – ausnahmslos Rentner – sind heute im Einsatz bei der „CariTasche“, das Tafelangebot der Caritas, in Letmathe. Hinter zwei Ladentheken sortieren sie Obst und Gemüse, Brot, Trockenware, Konserven und Süßigkeiten in Regale.

Als sie um 14 Uhr die Tür öffnen, füllt sich der Raum fast auf einen Schlag. Die Menschentraube zeichnet sich vor allem durch Vielfalt aus: Es sind Männer und Frauen, Junge und Alte, Deutsche und Ausländer. Die einen wirken makellos gepflegt, andere, als hätten sie auf der Straße übernachtet. Manche sind von Krankheit gezeichnet, anderen steht die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben – aber auch ein Lächeln muss man nicht lange suchen, nicht wenige kennen sich schon, grüßen vertraut und plaudern.

Zu den langjährigen Stammkunden zählt eine alleinerziehende Mutter; Ende 40, drei Kinder. Mit dabei ist nur die jüngste Tochter, die mit einem Plüscheinhorn spielt, während die Familie darauf wartet, dass sie nach dem Nummernsystem an die Reihe kommt. „Die Flüchtlingswelle war hart, damals mussten wir einige Regeln aufstellen“ wird Josef Radine, Vizevorsitzender des Caritasverbandes für Iserlohn, Hemer, Menden und Balve, später erklären. Wer Papiere hat und den Bezug von Sozialleistungen nachweisen kann, bekommt hier für 1,50 Euro pro Erwachsenem und 50 Cent pro Kind einen Grundvorrat an Lebensmitteln für eine Woche – Menge und Zusammensetzung variieren, je nachdem was gespendet wird. In der Regel komme man damit gut aus, wenn man Produkte wie Fleisch und Fisch dazu kaufe, berichten die Besucher übereinstimmend. „Ohne die Tafel würden wir nicht über die Runden kommen“, betont die Mutter dankbar.

Ein Mittfünfziger kommt jede Woche aus Lasbeck – zu Fuß. Mit seiner Rolltasche läuft er eine gute Dreiviertelstunde, er ist arbeitslos und schwer krank. Er weint, als er seine Situation beschreibt. Eine Dame Anfang Sechzig kommt mit ihrer Erwerbsminderungsrente nicht aus. Vor der Leistung der Tafelmitarbeiter hat sie großen Respekt, das deutsche Sozialsystem macht sie wütend. Ein junger Mann, der im Zuge einer psychischen Erkrankung seine Arbeit verloren hat und von einem Betreuer begleitet wird, wirkt am Ende seiner Kräfte, hat sich aber keineswegs aufgegeben: „Ich schaffe das“, sagt er und deutet ein Lächeln an.

Erstaunlich: Manche nehmen den Weg aus Altena auf sich. „Dort gibt es keine Tafel, deshalb schickt uns das Amt nach Letmathe. Aber wenn hier Aufnahmestopp ist, gucken wir in die Röhre“, ereifert sich ein Frührentner. „Sie können ja zur Tafel gehen“, werde man beim Jobcenter abgekanzelt, obwohl niemand einen gesetzlichen Anspruch darauf geltend machen kann. Die Caritas kann nicht beliebig viele Kunden bedienen, die Ehrenamtlichen können nur verteilen, was da ist. „Wie viel Obst und Gemüse wir bekommen, ist saisonal unterschiedlich. Im Winter, so wie jetzt, ist beides Mangelware“, berichtet Annette Hilpke aus dem Leitungsteam. „Was wir immer gebrauchen können, sind haltbare Produkte wie Nudeln und Konserven“, ergänzt Josef Radine.

Die Letmather Zweigstelle der „CariTasche“ feiert in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen und gilt in Betroffenenkreisen als ruhiger und oftmals besser sortiert als andere in der Region. Während die Zahl der Geflüchteten, die das Angebot nutzen, zurückgegangen sei, mache sich die Altersarmut zunehmend bemerkbar, sagt Josef Radine.

In Letmathe, Iserlohn und Hemer zusammengenommen helfen rund 160 Freiwillige an jeweils einem Tag in der Woche. „Es sind noch zu wenige. Wer teamfähig ist und gern mit Menschen arbeitet, ist bei uns richtig aufgehoben“, wirbt Josef Radine um mehr Ehrenamtliche. „Fordernde“ Kunden seien die Ausnahme, stattdessen erfahre man im Kundenkontakt vor allem eins, sagen die anwesenden Helfer unisono: „Dankbarkeit!“

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