Jugendliche

Zwischen Youtube und Klimaschutz

Die Hasenplätzchen kühlen ab, die Mädchen zeigen stolz ihr Ergebnis und freuen sich schon aufs Dekorieren. Beim gemeinsamen Kochen und Backen dürfen die Jugendlichen stets eigene Wünsche anmelden.

Die Hasenplätzchen kühlen ab, die Mädchen zeigen stolz ihr Ergebnis und freuen sich schon aufs Dekorieren. Beim gemeinsamen Kochen und Backen dürfen die Jugendlichen stets eigene Wünsche anmelden.

Foto: Alexander Barth

Letmathe.  Ein Besuch im Jugendtreff zeigt, dass Klischees der neuen Generation nicht gerecht werden – zumindest nicht alle.

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Leon, Mia, Can, Michel und Kira haben das Leben noch vor sich, wie sie von Älteren manchmal hören – zwölf Jahre alt sind die meisten, nur Kira ist schon 13. Wenn man mit ihnen redet, wird aber deutlich, dass sie gefühlt mitten drin stehen. Sie haben ihre Erfahrungen gemacht, hegen Vorlieben und Abneigungen, haben Sorgen und Hoffnungen – und ihre eigene Meinung, auch wenn nicht jeder von ihnen sie so unbeschwert nach außen trägt wie Can und Michel.

Can hat türkische Wurzeln, sein Name wird wie ‘Dschan’ ausgesprochen und in der Runde ist er der Coole, wie er gleich zu Beginn mit einem lässigen Spruch signalisiert: Nicht um Süßigkeiten zu essen sei er hier, sondern um „bei meiner Süßen zu sein“ – das ist seine Freundin Mia, die Cans Auftreten stellenweise peinlich zu berühren scheint, sich aber gern demonstrativ von ihm in den Arm nehmen lässt und bei jedem Kompliment strahlt. Michel ist nicht weniger selbstbewusst, seine Rolle ist aber eher die des Nachdenklichen: Gern steuert er Fachwissen bei und ist um Argumente nicht verlegen.

Angebot im Jugendtreff sorgt für weites Einzugsgebiet

Hier im städtischen Kinder- und Jugendtreff sind die Fünf nur ein paar von denen, die das Programm in den Osterferien wahrnehmen – eine Gruppe backt heute Kekse und Törtchen mit Hasenmotiven, während eine andere mit dem Fahrrad unterwegs ist, um Schoko-Osterhasen zu sammeln. „Hinterher legen die beiden Gruppen zusammen“, erklärt Leiterin Sabine Ebbinghaus. Das Einzugsgebiet der Einrichtung reicht über Letmathe hinaus, Can etwa wohnt in Nachrodt, Kira in Herdecke. Das Angebot kann sich sehen lassen: Aquamagis, Kletterwald, Zeche Zollverein, regelmäßige Termine wie Kochen und Tanzen.

Im Gespräch mit den Jugendlichen wird deutlich, dass Generationenklischees mit Vorsicht zu genießen sind. Keiner von ihnen ernährt sich etwa vegetarisch, bei Mia zu Hause steht dafür Zucker auf der Verbotsliste. Can hat schon mal auf Fleisch verzichtet, als Reaktion auf einen kritischen Youtube-Beitrag: „Das war aber nur eine Phase, vielleicht drei Wochen“, winkt er ab. Bei der Freitagskundgebung für den Klimaschutz war keiner von ihnen, Kira hat aber letztes Jahr für die Umwelt demonstriert, sagt sie.

Für das Thema sind die Jugendlichen durchaus sensibel, der Blick in die Zukunft lässt sie grübeln. „Wäre traurig, wenn unsere Kinder Eisbären nur noch aus Büchern kennen“, sagt Mia. Auch Michel hat sich damit befasst: „Es kann nicht angehen, dass sich das Klima in zehn Jahren mehr erwärmt als in den letzten tausend.“ Auf was sie für den Klimaschutz verzichten würden, ist für sie ähnlich schwierig zu beantworten wie für Erwachsene. Alle fahren jedenfalls gern Rad, Can scheut auch die Strecke von Nachrodt nach Letmathe nicht. Vielleicht fährt er etwas vorsichtiger, seit er sich einen Knochenbruch zugezogen hat, als er „ohne zu bremsen“ einen Abhang hinab sauste – die Geschichte illustriert er mit den Narben an seinem Bein.

Mia liest gern gedruckte Bücher, aber „digital natives“ sind sie alle. Neben dem Smartphone (Can hat schon sein fünftes, Kira erst das zweite) haben Tablets zum Filme gucken und Computer oder Konsolen zum Spielen noch nicht ausgedient. Leon musste mal längere Zeit ohne Handy auskommen, weil er im Urlaub sein Ladekabel vergessen hatte: „Der Anfang war hart, aber man gewöhnt sich dran.“

In Bezug auf Ostern sind die Jugendlichen weltanschaulich offen. Cans Vater ist Muslim, seine Mutter und er selbst aber nicht. Ein Elternteil von Kira stammt aus Serbien, den Gottesdienst in einer serbischen Kirche fand sie zumindest interessant („Wir haben Münzen in Strohballen gesucht“). Welche Religion der andere hat, ist hier nicht gerade die erste Frage beim Kennenlernen.

Can hat sich gerade Markenschuhe online bestellt und ist frustriert, weil eine viel zu kleine Größe geliefert wurde. Den übrigen sind Modelabel egal, für Kira zählt nur, dass der Stil stimmt: „Meine Lieblingshose hat die richtigen Löcher. Die Marke kennt man, aber das ist Zufall“, erklärt sie. Die Schule sei ihnen nicht egal, versichern die jungen Leute mit unterschiedlichem Elan. Can träumt davon, später Autos zu designen, Mia möchte Kinder erziehen, Leon Software entwickeln, Michel sieht sich als Polizist. Kira hat keinen Traumberuf, kennt ihren Notenschnitt aber ganz genau: „Ich warte erst mal ab, wie mein Zeugnis wird.“

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