Gastronomie

Auch Ehen finden in Mescheder Kneipen ihren Anfang

Ein Blick in den Mescheder Postkeller während der Kneipennacht im März 2019.

Ein Blick in den Mescheder Postkeller während der Kneipennacht im März 2019.

Foto: archiv

Meschede.  In unserer Serie berichten heute drei Generationen über das Nachtleben in Meschede – auch über eine Ehe, die in einer Kneipe ihren Anfang nahm.

Wie war es früher, wie ist es heute? Drei Generationen erzählen von ihrer Jugend im Mescheder Nachtleben.

Von einem, der mit dem Motorrad zum Stimm-Stamm geknattert ist...

„Als junge Kerle sind wir mit dem Motorrad zum Stimm-Stamm gefahren.“ Egon Kochsiek ist Jahrgang 1934. Wir reden also über das Jahr 1950/51 in Meschede. „Da oben fühlten wir uns beim Biertrinken unbeobachtet“, sagt er und dabei blitzen seine Augen schelmisch auf.

Auch bei „Braukmanns Tunki“ traf er sich mit Arbeitskollegen und Freunden, „da war später die Tanzschule Lilienthal und ist heute das Fitness-Studio in der Warsteiner Straße“, erklärt er. Aber die Stammkneipe des heute 85-Jährigen war die „Hölle“. Der ehemalige Gasthof Wälter lag in der Ruhrstraße, heute Schuhhaus Gödde. „Nach dem Krieg musste man ums Haus rumgehen“, erinnert sich der Senior, „früher grenzte er direkt an die Straße.“ Als junger Mann hatte Kochsiek feste Zeiten für die Stammkneipe: immer freitagsabends und sonntags nach dem Kino. „Ich ging jeden Sonntag ins Kino - wir hatten drei“, sagt er und schmunzelt erneut. Auch an die Bierpreise kann er sich noch erinnern: 30 Pfennig habe er fürs billigste Bier bezahlt, dabei in den Anfängen als Elektriker-Geselle nur 90 Pfennig die Stunde verdient. Kneipen - das waren reine Männer-Treffpunkte. Und meist gut besucht.

„Vor Helleberg standen früher die Honselaner. Wenn sie auf den Bus warten mussten, in drei bis vier Reihen“, beobachtete der Mescheder, „tranken sie auf die Schnelle ein Feierabend-Bier.“ Aber die genannten Kneipen waren lange nicht alle, die der Mescheder kannte und schätzte: Spontan fallen ihm viele weitere ein, die Bullenhalle, Hotel Baxmann, Kruse, Café Peus und das Schweitzer Haus. „Wir haben mal versucht, alle an einem Abend abzugehen - das haben wir nicht geschafft.“ Als verheirateter Mann und Familienvater habe er die Kneipenbesuche dann aber deutlich reduziert.

Von einem, der sich besonders gerne erinnert...

Kornelius Kuhlmann hat besonders angenehme Erinnerungen an die Mescheder Kneipenszene. Der 64 Jahre alte SPD-Politiker ist stellvertretender Bürgermeister.

Der IT-Experte lernte über eine Kneipe schließlich seine spätere Ehefrau kennen. 1981 war das, an Karneval. Gerade in den 80er Jahren seien die Gaststätten noch rege besucht worden: „Es war überall was los.“ Kuhlmann ging 1981 mit zwei Freunden zur Karnevalsfeier ins damalige „Knippen Eck“ an der Beringhauser Straße, in dem Karl Bieger am Zapfhahn stand. Später war darin das China-Restaurant „Kam Loon“, heute ist dort die neue „Taverna Akropolis“. Kuhlmann erinnert sich an den Tag damals: „Da saß eine Mädchentruppe. Ich kannte eine davon...“ Um es kurz zu machen: Aus diesem besonderen Tag entwickelte sich nicht nur seine Ehe, sondern auch die von einem seiner beiden Freunde.“

Aus einem Amt heraus kennt er die Klagen über die angeblich tristen Mescheder Abende insbesondere von Gesprächen mit Studenten: „Die sagen, hier in Meschede sei nichts los. Die haben aber auch eine andere Kneipenszene vor Augen. Da geht man abends um 23 Uhr erst raus, wenn hier schon die Hähne hochgedreht werden. Es ist schwierig, solche Erwartungen zu erfüllen.“

Von einem, der nie im Keller war…

„Als wir so 16, 17 Jahre alt waren, gingen wir meistens ins Kolpinghaus. Das wurde damals noch von Herbert geführt“, sagt Kai Kroggel (41), Vertriebsingenieur aus Meschede. Als „Herbert“ dann dicht machte, ging er mit seinen Freunden in die Tröte oder in den Campus, ins Netz eher seltener.

Der Tröte hält er auch heute noch die Treue, also seit 25 Jahren. Früher trafen sich dort schon Meschedes Musiker zum Jammen, Fachsimpeln und Musikhören. Mit seinen Schulfreunden gründete Kai Kroggel in den 90ern die Band Incest. Die Stammbesetzung spielt heute unter dem Namen „Jake & The Jukeboxguys“. Mindestens einmal im Jahr treten sie in der Tröte auf.

„Ich bin übrigens der, der noch nie im Keller war“, sagt er und lacht. Unter seinen Freunden galt deshalb damals die Losung: „Wer Kai im Embassy sieht, muss es sofort melden. Dann schuldet er uns ein Fässchen.“

Aber dazu kam es nie, weil Kai Kroggel nach Kneipennächten immer rechtzeitig die Kurve bekam. Das Embassy war nämlich als absolute Absturz-Disko bekannt. Hier trafen sich alle, die nachts noch nicht nach Hause wollten und noch durstig waren. Gegen 6 Uhr ging dann das Licht an und die Gäste wurden auf die Straße gefegt – viele zogen dann noch weiter zur (damals noch) BP-Tankstelle an der Briloner Straße ein Thunfisch-Baguette oder eine Tiefkühl-Pizza essen.

Auch heute geht Kai Kroggel noch regelmäßig in Meschede aus. Die gastronomische Auswahl in der Stadt schätzt er sehr. Erst mit Freunden etwas essen bei Napoli oder beim Spanier und dann noch ein Bier zusammen trinken. Er geht gern ins Bibulus (ehemals Netz; „Tolle Bierkarte“), in den Postkeller und weiterhin in die Tröte. Aber auch ab und zu „Anna“. „Kotthoffs Theo ist für mich die typische Sauerländer Kneipe. Sehr angenehm dort, immer was los.“ Aber auch im Brazil oder Schröjahrs gefällt’s ihm. „Ich habe neulich noch bei einem Tennisspiel in Wickede mit unseren Gegnern über die Kneipenszene gesprochen. Wir können uns hier nicht beklagen. In Wickede gibt es nämlich genau zwei Kneipen.“

„Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre das eine Wirtshaus mit westfälischer Küche in der Innenstadt, wie das „Alte Backhaus“ früher. Am besten mit Biergarten.“ Ein kühles Bier unter Bäumen trinken, das fehle Meschede noch.

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