Katholische Kirche

Dechant fragt: „Warum schaffen wir den Zölibat nicht ab?“

Dechant Georg Schröder vor dem Valentins-Altar in der Schmallenberger Pfarrkirche St. Alexander. Der Heilige Valentin ist der Schutzpatron der Liebenden.

Dechant Georg Schröder vor dem Valentins-Altar in der Schmallenberger Pfarrkirche St. Alexander. Der Heilige Valentin ist der Schutzpatron der Liebenden.

Foto: Ute Tolksdorf

Meschede/Schmallenberg.   Dechant Georg Schröder (Schmallenberg) fordert eine veränderte Sexualmoral in der Kirche. Auch Frauen kann er sich im Priestertum vorstellen.

In seinem jüngsten „Wort zum Sonntag“ hatte Dechant Georg Schröder die verzögerte Aufarbeitung der Missbrauchsskandale in der Katholischen Kirche kritisiert und eine veränderte Sexualmoral gefordert.

Etwa zeitgleich hatten im Dekanat viele Frauengemeinschaften mit der Aktion „#MachtLichtAn“ die zögerliche Aufarbeitung angeprangert. Auch Pfarrer Schröder nahm an dem Klagegebet der kfd in Bad Fredeburg teil. Das wirkte und wirkt wohl noch. Im Anschluss kamen zwei Missbrauchsfälle aus dem Dekanat ans Licht.

„Vor allem die Täter geschützt“

Was haben Sie gedacht, als Sie von den Missbrauchsvorwürfen in Ihrem Dekanat hörten?

Pfarrer Georg Schröder: Es mag seltsam klingen, aber ich war erleichtert. Es zeigt doch, dass sich die Themen nicht mehr unter den Teppich kehren lassen. Und auch, dass das Erzbistum mittlerweile deutlich offener reagiert. Wir haben über Jahrzehnte hier doch vor allem die Täter geschützt. Und ich hoffe auch, dass sich Menschen ermutigt fühlen ihre Vorwürfe zu äußern.

So ein Vorwurf ist aber auch eine ernste Belastungsprobe für jeden Ort.

Ja, es wird die einen geben, die sagen, das ist unvorstellbar, und die anderen, die die Missbrauchsvorwürfe glauben oder sogar davon gewusst haben. Doch wenn es eine Tatsache ist, kann nur die Wahrheit uns frei machen. Auch wenn das schmerzhaft ist.

Neuer Umgang mit der Sexualmoral

Auch die Bischöfe sind in ihren Weihnachtsbotschaften ungewohnt selbstkritisch mit der Kirche ins Gericht gegangen. Was glauben Sie ist der Grund?

Die MHG-Studie, wobei MHG für die beteiligten Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen steht, in der unter anderem dokumentiert ist, dass die Missbrauchsfälle über Jahrzehnte vertuscht wurden, hat die Menschen aufgewühlt.

Dass es Missbrauch gegeben hat, ist lange bekannt, aber man hat versucht die Institution Kirche zu schützen. Das ist jetzt erledigt. Die Bischöfe haben versprochen, dranzubleiben und das Thema deshalb in ihren Predigten aufgegriffen. Auch der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker plant offenbar einen Brief an alle katholischen Haushalte.

Sie haben sich in Ihrem Wort zum Sonntag auch weit nach vorn gewagt und einen neuen Umgang mit der Sexualmoral gefordert.

Auch das fordern einige Bischöfe aufgrund der Studie, beispielsweise Bischof Overbeck in Essen. Für die Kirche ist gelebte Sexualität immer noch nur dann gut und richtig, wenn sie in einer gültigen, unauflöslich geschlossenen Ehe passiert. Da müssen wir dran. Was ist mit Liebe, Verantwortung und Verlässlichkeit in anderen Beziehung? Dies sehe ich positiv und nicht von vornherein als Sünde. Die Menschen leben das doch eh längst anders.

„Viele Priester leiden unter dem Zölibat“

Was stört Sie am Zölibat?

Auch da macht die Studie eine klare Aussage: Der Zölibat ist nicht grundsätzlich Ursache des Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen. Er gibt aber Strukturen vor, die Missbrauch für bestimmte Risikogruppen erleichtern. Und ich frage mich, wenn der Pflicht-Zölibat doch so ein Problem ist, warum schaffen wir ihn dann nicht ab?

Seit dem Konzil Mitte der 60er Jahre diskutieren wir das. Dazu kommt, dass wir ohne die Pflicht zur Ehelosigkeit sicher einige Priester mehr hätten. Wir hatten 1000 Jahre kein Pflichtzölibat, selbst Petrus war verheiratet. Und ganz ehrlich - was hat die Katholische Kirche noch zu verlieren? Mit jeder Reform können wir doch nur gewinnen. Ich frage mich, was manche meiner Kollegen hier noch verteidigen. Hinzu kommt, dass viele Priester unter dem Zölibat leiden.

„Frauen sind genauso zum Priestertum berufen“

Können Sie sich auch Frauen als Priesterinnen vorstellen?

Das ist ein anderes Thema, es hat zumindest nichts direkt mit dem Missbrauchsskandal, aber sehr wohl mit der Gleichberechtigung und der Macht-Verteilung in der Kirche zu tun. Die Diskussion kreist auch um die Frage, ob Johannes Paul II. den Ausschluss der Frauen quasi zum Dogma erhoben hat.

Aber auch da denke ich: Die Kirche hat über Jahrhunderte ihre Dogmen immer weiterentwickelt, warum nicht hier? Frauen sind genauso zum Priestertum berufen wie die Männer. Ich hätte nichts dagegen. Das würde natürlich die Kirche radikal verändern.

Auch mit der Homosexualität tut sich die Kirche weiter schwer.

Das ist so. Aber auch dazu hat Bischof Overbeck deutlich Stellung bezogen. Wenn wir sagen, dass Homosexuelle nicht diskriminiert werden sollen, dann dürfen wir auch ihre Beziehungen nicht diskriminieren. Warum also sollen wir sie nicht segnen? Und wir reden ja hier nicht über ein Massenphänomen. Es sind die wenigen, die glauben und denen ein Segen viel bedeutet, für die wir das tun. Soll ich das als Priester ablehnen?

Was für Rückmeldungen hatten Sie nach Ihrem Wort zum Sonntag?

Es gab einige positive Stimmen, die dankbar waren für das offene Wort. Es gab sicher auch kritische Stimmen, aber die haben sich nicht bei mir gemeldet. Dabei würde ich mir eine Diskussion wünschen. Dann kann ich persönlich etwas dazu sagen.

>>>HINTERGRUND<<<

Der vom Erzbistum bestätigte Missbrauchsvorfall bezieht sich auf einen bereits verstorbenen Pfarrer aus der Pfarrgemeinde Wormbach.

Im Rahmen der kfd-Aktion #MachtLichtAn hatte sich dazu auch ein anonymer Briefschreiber an den kfd-Vorstand im Bezirk Schmallenberg gewandt.

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