Gericht

Kind (2) stürzt aus Fenster:„Das hätte tödlich enden können“

Das Amtsgericht in Bad Fredeburg - dort fand die Verhandlung statt.

Das Amtsgericht in Bad Fredeburg - dort fand die Verhandlung statt.

Foto: Jürgen Kortmann / Wp

Gleidorf/Bad Fredeburg.  Hubschrauber, Rettungswagen und Polizei im Einsatz: Die Eltern schlafen weiter. Sie wurden wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt.

Der dreifache Familienvater wird in Handschellen in den Verhandlungssaal geführt. Weinend fällt seine Frau ihm in die Arme. Das, was im vergangenen Sommer passiert ist, bezeichnen beide als „schrecklichen Unfall. Wir können uns das niemals verzeihen“, so die Mutter weinend. Die Eltern schliefen damals mit ihrem zweieinhalb Jahre alten Sohn auf dem Sofa. Währenddessen kletterte das Kind auf die Fensterbank und stürzte raus (wir berichteten).

Nachbarin hört Schreie: „Kind hing im Fensterrahmen“

„Ich wohne gegenüber und habe Schreie gehört. Als ich raus schaute hing der Junge oben am Fensterrahmen und schrie wie am Spieß“, schilderte eine Zeugin. Sie rannte raus, der Junge stürzte - „es war furchtbar“, erinnerte sie sich mit Tränen in den Augen zurück. Ein Rettungswagen und ein Hubschrauber kamen, der Junge wurde in eine Siegener Klinik geflogen - er hatte laut ärztlichem Bericht eine Gehirnerschütterung, Schürfwunden, Hämatome, ein stumpfes Bauchtrauma. Darüber hinaus sei er „ungepflegt, ungewaschen und ängstlich“ gewesen.

Die Eltern mussten sich wegen fahrlässiger Körperverletzung vor Gericht verantworten. Der Vater saß seit vergangener Woche in Untersuchungshaft, weil er eine Zeugin bedroht haben soll. Der Haftbefehl wurde noch in der Verhandlung nach der Aussage der Zeugin aufgehoben.

Erst durch Polizei geweckt

„Was da passiert ist, ist fast unvorstellbar“, so Richter Ralf Fischer in Richtung der Angeklagten. „Eine Zeugin, die auf der anderen Seite der Bundesstraße wohnt, hört mit geschlossenen Fenstern die Schreie und rennt rüber. Polizei und Rettungshubschrauber kommen. Und die Eltern, die unmittelbar unter dem Fenster schlafen, bekommen nichts mit.“ Erst als Polizeibeamte in der Wohnung stehen und sie rütteln, werden die Eltern wach. „Sie können froh sein, dass das Kind nur relativ leicht verletzt wurde. Das hätte tödlich enden können.“

Vater kaum ansprechbar

Aus Sicht eines der Polizeibeamten, der im Einsatz war, „war der Vater völlig high. Es grenzte an Bewusstlosigkeit. Wir haben ihn nicht wachbekommen.“ Auch danach sei er nicht ansprechbar gewesen, habe sich emotionslos, „fast gleichgültig“ benommen. Er verweigerte einen Drogentest, weil er - wie er selbst betonte - „regelmäßig Drogen

konsumiert und der Test deswegen sowieso positiv gewesen wäre.“

Der Angeklagte sagte dazu: „An dem Abend habe ich nichts genommen. Ich war total fertig vom Schichtdienst.“ Die Mutter hingegen sei „völlig aufgelöst“ gewesen. Ein Drogentest verlief negativ. Die Angeklagte: „Der Fernseher war an, wir haben keine Klingel, es gibt viel Verkehrslärm. Vielleicht haben wir es deswegen nicht gehört.“ Sie mache sich selbst schreckliche Vorwürfe: „Die Kinder sind meine Herzstücke. Es ist nie etwas passiert.“

Grob fahrlässig verhalten

Ob das Fenster schon vor dem Einschlafen offenstand - dazu gab es verschiedene Aussagen. Die Mutter: „Die beiden schliefen schon. Dann habe ich es geöffnet und bin selbst eingeschlafen. Es war so heiß. Das war ein furchtbarer Fehler.“

Verurteilt wurden die Eltern nun wegen fahrlässiger Körperverletzung: „Fahrlässig, weil sie nicht ahnen konnten, dass das Kind auf die Idee kommt, auf die Fensterbank zu klettern. Aber sie haben ihr Kind unbeaufsichtigt gelassen und das, obwohl es in unmittelbarer Nähe eine Klettermöglichkeit gab. Das war grob fahrlässig. Hätten sie sich anders verhalten, wäre das nicht passiert“, so Fischer.

Verurteilt wurde der Vater zu einer Freiheitsstrafe von vier Monaten auf Bewährung - „auch wegen einschlägiger Vorbestrafung.“ Die Mutter wurde zu einer Geldstrafe in Höhe von 675 Euro verurteilt. Für den Familienvater gibt es außerdem strenge Bewährungsauflagen: Unter anderem muss er jeden Drogenkonsum unterlassen und regelmäßig zu Drogenscreenings. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

>>>> INFO: Engmaschige Kontrollen durch Jugendamt

Vor Gericht wurden als Zeugen auch Mitarbeiterinnen des Jugendamts und der Bewährungshilfe gehört. Generell wolle die Familie zwar Hilfe annehmen, „aber es scheitert an der Umsetzung“, so die Jugendamtsmitarbeiterin. Seit dem Vorfall erfolge eine engmaschige Kontrolle - laut der Mutter „vier mal pro Woche“. Die Termine werden allerdings laut Jugendamt nur unregelmäßig eingehalten.

Laut Auflage des Gerichts müssen ab nun alle Termine wahrgenommen werden. Das Jugendamt habe zudem einen Antrag beim Familiengericht gestellt: „Für ein Gutachten zur Erziehungsfähigkeit der Eltern.“

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