Ausbildung

Wenn der Dachdecker teurer als der Apotheker ist

Beispiel: Ausbildung im Dachdecker-Handwerk. Auch hier fehlen Fachkräfte. Kunden müssen deswegen lange auf die Erledigung ihrer Aufträge warten.

Beispiel: Ausbildung im Dachdecker-Handwerk. Auch hier fehlen Fachkräfte. Kunden müssen deswegen lange auf die Erledigung ihrer Aufträge warten.

Foto: Michael Reichel / dpa

Meschede/Hochsauerlandkreis.  Junge Leute können zwischen reichlich Lehrstellen im Hochsauerlandkreis auswählen, sagen Agentur für Arbeit, IHK und Handwerkskammer in Meschede.

Es läuft gut für junge Leute: Der Ausbildungsmarkt in der Region hat sich endgültig zu ihren Gunsten verschoben. Denn schon im dritten Jahr in Folge gibt es mehr Ausbildungsstellen als Bewerber. Oliver Schmale, Leiter der Agentur für Arbeit, spricht deshalb nicht mehr nur von einem Trend, sondern sagt: „Wir sind in einer langfristigen Entwicklung.“ Und die wird anhalten. Und das ist schlecht für die Unternehmen.

Der Ausbildungskonsens

Die Arbeitsagentur zog am Donnerstag in Meschede gemeinsam mit den beiden größten Partnern im regionalen „Ausbildungskonsens“, der Industrie- und Handelskammer sowie der Handwerkskammer, Bilanz zum Ausbildungsmarkt. 2032 Bewerber suchten eine Lehrstelle. Sie konnten aus 2291 Stellen wählen. 77 junge Leute waren zuletzt noch unversorgt, 260 Lehrstellen auf der Gegenseite unbesetzt.

Die Fachkräfte

Die Unternehmen brauchen Fachkräfte. Im Handwerk fehlen allein in der Region 5500 Mitarbeiter, ermittelte gerade die Herbstumfrage. Konsequenz: Aufträge seien reichlich da, könnten aber schwer abgearbeitet werden.

Kunden müssten deswegen durchaus zehn Wochen auf einen Handwerker warten. „Da sieht man die Dramatik auf dem Arbeitsmarkt“, so Meinolf Niemand, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Südwestfalen. Eine Dramatik, die sich noch verschärfen werde, fürchtet er. Mit Folgen: Denn eine Dachdecker-Stunde beispielsweise werde bald teurer sein als der Besuch beim Apotheker. Was aber jungen Leuten wiederum auch zeige: Nicht nur mit einem Studium lasse sich später gutes Geld verdienen.

Die Unternehmen

Wie gewinnen Unternehmen künftig junge Leute? Die großen Betriebe haben mit ihren Personalabteilungen weniger Probleme, zum Beispiel Ausbildungsmessen zu besetzen, können leichter auch Nachhilfe anbieten. Die kleinen und mittleren Unternehmen kommen schwerer an junge Leute heran: Sie haben oft nur eine Stelle zu besetzen, diese vielleicht auch nur alle zwei oder drei Jahre.

Dr. Ilona Langer, Hauptgeschäftsführerin der IHK Arnsberg, rät Arbeitgebern dazu, die Attraktivität zu erhöhen. Offen über Geld mit den Jugendlichen zu sprechen beispielsweise, Bewerbungen anzunehmen, auch wenn sie schon im Januar kämen, in Bewerbungsgesprächen dann nicht mit vier oder fünf Erwachsenen aufzutreten: „Die jungen Leute fühlen sich doch erschlagen, erdrückt.“ Wichtig sei, wenn Jugendliche merkten, dass das „Mikroklima“ im Betrieb stimme: Der Kontakt solle sich nicht auf die halbe Stunde im Vorstellungsgespräch beschränken, sondern den Bewerbern sollten auch der Betrieb und die Kollegen gezeigt werden.

Die Erfolge

Es gibt ja auch die ersten Erfolge. Oliver Schmale, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit, kann stolz auf ein steigendes Interesse an einer Ausbildung bei Frauen verweisen - obwohl junge Frauen bekanntermaßen bessere Schulabschlüsse haben und eher studieren. Immerhin tauchen jetzt 45 Mädchen mehr in der Statistik der Bewerber auf (843 Frauen, 1189 Männer) als im Vorjahr. Die Arbeitsagentur hat zum Herbst hin ihre Berufsberatung an Gymnasien verstärkt und will engmaschiger Sprechstunden anbieten. Demnächst soll das auch an Berufskollegs angeboten werden. Außerdem wird jetzt schon in den achten Klassen die berufliche Orientierung forciert.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben