Gesellschaft

Der Papa, der Mörder, Dealer und Kinderschänder vertritt

Alltag im Gerichtssaal: Carsten Ernst (links) neben seinem Mandanten Wilfried W., der wegen Foltermorden in Höxter vor Gericht saß.

Alltag im Gerichtssaal: Carsten Ernst (links) neben seinem Mandanten Wilfried W., der wegen Foltermorden in Höxter vor Gericht saß.

Foto: Marcel Kusch

Eversberg/Steinhagen.   Anwalt Dr. Carsten Ernst verteidigt die, denen eigentlich keiner mehr helfen will. Wie schaffen er und seine Familie den Spagat?

Der Himmel färbt sich dunkelblau. Das Sprossenfenster gibt den Blick auf den Schlossberg frei. Dort oben leuchtet die alte Ruine. Und unten flackern die ersten Kerzen. Dr. Carsten Ernst (46) klebt Weihnachtssterne an die Scheiben. „Für die Deko ist er zuständig“, sagt seine Frau Anne Ernst (39) und lacht. Das Handy auf dem Tisch vibriert. Ein Mandant. Er wurde gerade von der Polizei angehalten.

Alltag eines Rechtsanwalts

Familie Ernst lebt einen Spagat: Auf der einen Seite der normale „Wahnsinn“ berufstätiger Eltern mit drei kleinen Jungs, zwischen Kita, Schule, Laterne basteln und Schwimmtraining. Und auf der anderen Seite der Alltag eines Rechtsanwalts, der Mörder, Drogendealer und Kinderschänder vertritt.

Ernsts Kerngeschäft sind Kapitaldelikte. Mord und Totschlag. Der schonungslose Blick in die dunkelsten Abgründe der Gesellschaft. Verbrechen, über die deutschlandweit berichtet wird: Wie die Foltermorde im Horrorhaus von Höxter. Carsten Ernst vertrat Wilfried W., der zwei Frauen bis zum Tod gequält hat. Verbrechen, wie den Doppelmord an Weihnachten: Ein Mann wird angeklagt, weil er eine Ärztin und deren Bruder niedergemetzelt haben soll. Oder die Verbrechen der Bestie von Bodenfelde, die zwei Teenager getötet hat und schließlich von deren Fleisch aß.

Behütet und blutig

Behütet und blutig: Wie passen diese Welten zusammen? Für Familie Ernst stellt sich die Frage nicht. „Sobald ich in meinem Auto sitze und nach Hause fahre, schalte ich ab. Diese Fähigkeit habe ich mir über die Jahre angewöhnt.“ Termine der Woche: vergessen. Bilder der Tatorte: ausgeblendet. Keiner seiner Fälle habe ihn bisher in den Schlaf verfolgt.

Zu Hause wird Hemd gegen Hoodie getauscht. Sterne an die Scheiben geklebt. Mit den Kindern auf der Couch gekuschelt. In ihrer Ferienwohnung in Eversberg verbringt die Familie viele Wochenenden. Sie lebt normalerweise in Steinhagen bei Bielefeld.

Anne Ernst wuchs in dem Bergdorf auf. Ihre Kindheit verbrachte sie auf dem Hof Möller-Winter unterhalb der Kirche. „Der Vergleich ist vielleicht seltsam, aber wenn man mit Landwirtschaft aufwächst, hat man eine andere Einstellung zur Arbeit“, sagt Anne Ernst. „Außerdem habe ich großes Verständnis für Carstens Beruf, ich kenne seine Welt.“ Nach dem Abitur studierte sie ebenfalls Jura, während ihres Rechtsreferendariats lernte sie ihren späteren Mann kennen. Im Gerichtssaal. Sie arbeitete damals auf der Gegenseite für die Staatsanwaltschaft.

Familienfreundliche Variante der Juristerei

Das Strafrecht reizte die junge Studentin immer am meisten. Und diese Leidenschaft ging nie verloren: „Deshalb ist es eher so, dass ich am liebsten auch losfahren würde, wenn nachts das Telefon klingelt und ein Täter um Hilfe bittet.“ Die 39-Jährige entschied sich jedoch für die familienfreundliche Variante der Juristerei: Sie arbeitete zunächst im Justiziariat einer Mode-Firma und wechselte nach der Geburt des dritten Kindes in die PR- und Kommunikations-Abteilung. „Hier habe ich eine neue Leidenschaft gefunden.“

Da die Verbrechen fassungslos machen, sind die Reaktionen aus dem Umfeld teils heftig. „Diese Verbrecher auch noch verteidigen: Wie kann man das nur machen?“, ist eine der häufigsten Fragen. „Meine Tätigkeit bedeutet nicht, dass ich als Mensch die Taten billige“, sagt Carsten Ernst. „Wir leben in einem Rechtsstaat, in welchem jeder das Recht auf einen neutralen Prozess hat. Ich bin froh, dass es so ist.“ Diese moralische Trennung sei für viele nicht nachvollziehbar.

Kinder bekommen Reaktionen zu spüren

Heftige Reaktionen bekommen auch die Kinder zu spüren. Ein Sohn kam mit diesem Satz aus dem Kindergarten nach Hause: „Dein Papa macht etwas ganz Schlimmes.“ Für ihre Kinder hat die Mutter eine simple und menschliche Erklärung: „Dein Papa hilft Menschen, denen keiner mehr helfen möchte, weil sie etwas sehr, sehr Schlimmes getan haben.“

Carsten Ernsts Beruf ist zeitintensiv. Er fährt los, wenn jemand seine Hilfe braucht. So zum Beispiel neulich zu einem Mandanten in Nuttlar, der in den hiesigen Drogenprozess verwickelt war. Der Rechtsanwalt nennt es „positiven Stress“. Seine Familie sieht er als Kraftreserve. „Ich bin immer mit einem guten Gefühl unterwegs, weil ich mich auf meine Frau zu 100 Prozent verlassen kann.“

Trotz Stress: „Carsten ist wirklich nie genervt, das liebe ich an ihm. Ich kenne ihn nur so ausgeglichen“, sagt Anne Ernst über ihren Mann. Auch im Gerichtssaal gehört Ernst nicht zu den Polemikern. Er äußert sich stets sachlich. Gefährliche Situationen habe es deshalb noch nie gegeben. Außer nach einem Ehrenmord in Aurich. „Nach dem Prozess bot die Polizei mir eine Eskorte an.“ Fotos seiner Familie stellt er nicht im Büro auf. Die beiden Welten hält er getrennt.

Glück gehabt

Zurück in der Ferienwohnung: Das Dorf liegt nun im Dunkeln. Sterne schmücken alle Scheiben. „Wenn ich die Lebensgeschichten meiner Mandanten höre, wird mir immer bewusst, welches Glück wir mit unserer Kindheit hatten“, sagt Carsten Ernst. „Das zeigt auch, welche Verantwortung man als Eltern übernimmt“, ergänzt seine Frau. Leo (4), der mittlere Sohn, poltert die Treppe hoch und wirft sich seinem Vater in die Arme.

Wie ihre Kinder heute, wuchsen auch Carsten und Anne Ernst in einer behüteten Welt auf. Er in Ostwestfalen, sie in Eversberg. Mit Akkordeon-Unterricht, Lüttke-Fastnacht-Singen und Haustüren, die nie abgeschlossen wurden. Anne Ernst schaut auf das tobende Vater-Sohn-Gespann und sagt lachend: „So ist es. Mama und Papa haben uns stark gemacht für diesen ganz Wahnsinn…“

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