Bertelsmann-Studie

Die Krankenhäuser in Moers und Kamp-Lintfort sind notwendig

Thema: Bertelsmann-Studie.

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Foto: DIANA ROOS / FUNKE Foto Services

Moers/Kamp-Lintfort.  Die drei Geschäftsführer der Krankenhäuser in Moers und Kamp-Lintfort sehen die Ergebnisse der Studie kritisch. Diese seien zum Teil einseitig.

Laut einer Bertelsmann-Studie ist jedes zweite Krankenhaus überflüssig. Dem widerspricht – wie berichtet – nicht nur die Krankenhausgesellschaft NRW. Auch die hiesigen Hospitäler sind nicht mit allem einverstanden, was in der Studie vorgetragen wird. Die NRZ hat in Moers beim St. Josef und im Krankenhaus Bethanien sowie beim St.-Bernhard-Hospital in Kamp-Lintfort nachgefragt.

Das halten die Chefs zusammengefasst von den Ergebnissen der Studie:

„Die Studie thematisiert wichtige Fragen, schaut dabei aber aufs ‘große Ganze’ und berücksichtigt nicht so sehr die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort“, kritisiert Dr. Ralf Engels, Vorstand der Stiftung Krankenhaus Bethanien. In der Studie werde anhand der Region Leverkusen beispielhaft dargestellt, wie trotz der Schließung von einzelnen Kliniken die Versorgung ortsnah weiterbestehen kann, im Kreis Wesel stellten sich die Gegebenheiten aber ganz anders dar, weil die Kliniken eine große Fläche zu versorgen hätten. Die Größe der Klinik allein sagt laut Engels nichts über die Zahl der Behandlung in einer der Fachabteilungen aus. „Manche Fachabteilung in Bethanien behandelt durchweg mehr Patienten mit einem bestimmten Krankheitsbild als die nächste erreichbare Uniklinik.“

Ralf Nennhaus, Geschäftsführer am St. Josef, betont: „Die Häuser in unserer vielfach auch ländlich geprägten Region – gerade auch St. Josef – sind eher offen für Strukturanpassungen, wenn sie der Weiterentwicklung und Optimierung der stationären Versorgung dienen.“ Diese Entwicklungen müssten Bürgern aus Moers sowie der Städte und Gemeinden im Einzugsbereich der drei Krankenhäuser dienlich sein. Insofern seien die Ergebnisse der Studie nachvollziehbar, „aber nur von dieser einen Seite betrachtet worden“. Nennhaus: „Zahlreiche Aspekte sind nicht erwähnt worden. Hervorzuheben ist hier die bereits heute unzureichende Finanzierung der Investitionen von Seiten des Landes Nordrhein-Westfalen und eben auch die unzureichende Verzahnung von ambulanten und stationären Behandlungsangeboten.“

Für St.-Bernhard-Geschäftsführer Josef Lübbers ist die Auseinandersetzung mit strukturellen Fragen der Versorgung für die Zukunft des Gesundheitswesens von großer Bedeutung. Die Ergebnisse der Studie seien für die Bevölkerung sicher gut nachvollziehbar, „allerdings ist die Problematik aus unserer Sicht sehr einseitig dargestellt“. Für ihn ist klar: „Die medizinische Grundversorgung der Menschen in der Region wäre aus unserer Sicht bei der in der Studie vorgestellten Zentralisierung der Kliniken nicht gewährleistet und von solchen Zentren auch nicht leistbar.“

Ob zwei Krankenhäuser zu viel für eine Stadt wie Moers beziehungsweise drei zu viel für die Region sind:

Hier sind sich die drei Herren sehr einig. Die Antwort lautet kurz gefasst: Nein. „Gemeinsam decken St. Josef und Bethanien die medizinische Versorgung ab. Da, wo die eine Klinik fachliche Stärken hat, wird sie durch die fachlichen Stärken des anderen Hauses sehr gut ergänzt“, betont Engels. Die Kliniken böten Spitzenmedizin, wo Patienten aus einem größeren Einzugsgebiet zu versorgen seien. In Fall Bethaniens etwa in der Lungenheilkunde und Geburtshilfe. Der Einzugsbereich in der Lungenheilkunde reiche ins Ruhrgebiet und über Düsseldorf hinaus. Engels: „Als größte Klinik im Kreis Wesel ist das Krankenhaus Bethanien nicht irgendeine Klinik.“ In Schnitt komme etwa ein Drittel der Patienten nicht aus Moers.

Ralf Nennhaus sieht Moers mit „seinen beiden Krankenhäusern geradezu ideal aufgestellt“, weil nur Fachrichtungen der Grund- und Regelversorgung doppelt vorgehalten werden. Spezialangebote, wie Lungen- und Kinderheilkunde, Neurologie, Psychiatrie sowie Urologie werden jeweils nur in dem einen oder anderen Haus vorgehalten. Hier gebe es eine ausgesprochen gute Zusammenarbeit der beiden Häuser.

Und Josef Lübbers unterstreicht, dass die Kliniken in der Region weit über 200.000 Menschen versorgen und damit auch Gesundheitsversorger für das ländliche Einzugsgebiet sind. „Die Auslastung des St. Bernhard-Hospitals ist sehr hoch, so dass insbesondere in den Wintermonaten die Kapazitäten erschöpft sind.“

Ausstattung mit Technik und Personal (zusammengefasst):

„Trotz der Defizite bei der Ausschüttung der Fördermittel durch das Land NRW verfügen wir über eine sehr gute medizinisch-technische und personelle Ausstattung“, sagt Josef Lübbers vom St.-Bernhard-Hospital. Dafür bringe man erhebliche Eigenmittel auf und investiere besonders in die Ausbildung und Qualifizierung des Personals.

Man halte „selbstverständlich die jeweils modernste technische Ausstattung vor“, unterstreicht Ralf Engels. Beim Personal habe man im ersten Halbjahr 25 neue Stellen in der Pflege aufgebaut und im Kreißsaal vier neue Hebammen eingestellt. In der hauseigenen Krankenpflegeschule wird das Pflegepersonal ausgebildet. Trotz der zu geringen Fördermittel von der Landesregierung verfüge das St. Josef über „eine gute technische Ausstattung, die auch mit Eigenmitteln regelmäßig erneuert und damit auf einen aktuellen Stand der technischen Entwicklung gebracht wird“, sagt Nennhaus.

Aussagen zur These „Nur Kliniken mit größeren Fachabteilungen und mehr Patienten haben genügend Erfahrung für eine sichere Behandlung“ (Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung):

„Ein großer Teil der stationären Behandlung braucht keine Spezialisierung“, sagt Nennhaus mit Blick auf eine Grund- und Regelversorgung. Wo Spezialisierungen sinnvoll seien, fänden sie statt. Den Zusammenhang zwischen Erfahrung in der Behandlung einer Erkrankung und der Häufigkeit in einer Fachabteilung stellten Fachgesellschaften her und verändern ihre Vorgaben regelmäßig. Aber „sinnvolle Vorgaben“ nehmen „auch die Erfahrung des jeweiligen Arztes in den Fokus“.

Laut Lübbers ist für die Bevölkerung die Grund- und Regelversorgung in der Region entscheidend. Er spricht von zusätzlicher Spezialisierung mit hohen Fallzahlen und damit großen Erfahrungen der Behandlungsteams sowie von Kooperationen. Engels: „Niemand bestreitet ernsthaft, dass die Fachabteilungen, die viele Menschen behandeln, über viel Erfahrung verfügen.“ Fachabteilungen, die mit exzellent ausgebildetem Personal auf höchsten medizinischen Niveau arbeiteten, bedeuteten größtmögliche Sicherheit.

Bettenzahl und Einzugsgebiet der Krankenhäuser:

Betten am St. Josef: Standorte in Moers und Rheinberg zusammen 515 Betten und Plätze.

Betten am St. Bernhard: 356.

Bethanien: Die Stiftung Bethanien verfügt über 519 Betten im Krankenhaus, weitere 204 Betten im Seniorenstift auf dem Gelände.

Einzugsgebiet Bethanien: Moers und umliegende Städten und Gemeinden. In einzelnen Fachbereichen aus dem Ruhrgebiet, aus Düsseldorf und vom gesamten Niederrhein.

St. Bernhard: weit über die Stadtgrenze hinaus, Niederrhein.

St. Josef: Grund- und Regelversorgung Moers, Neukirchen-Vluyn, Rheinberg sowie umliegende Gemeinden. Für Spezialisierungen nördlich über Alpen hinaus, südlich bis in die Stadtteile von Duisburg.

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