Wohneinrichtung

Heim für Drogenkranke: Hier finden schwere Fälle ein Zuhause

Die Wohneinrichtung Worringer Reitweg liegt idyllisch im Wald, beherbergt aber Menschen mit schweren Schicksalen. Betreiber ist die Regenbogen Duisburg gGmbH.

Die Wohneinrichtung Worringer Reitweg liegt idyllisch im Wald, beherbergt aber Menschen mit schweren Schicksalen. Betreiber ist die Regenbogen Duisburg gGmbH.

Foto: Martin Möller / FUNKE Foto Services

Mülheim/Duisburg.  Am Worringer Reitweg in Mülheim wohnen psychisch behinderte und suchtkranke Menschen. Es funktioniert. Aber die Mitarbeiter sind hart im Nehmen.

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Seit 20 Jahren gibt es die Wohneinrichtung Worringer Reitweg, ein Haus für suchtkranke und psychisch behinderte Menschen. Ein ehemaliges Waldjugendheim im Uhlenhorst wurde dafür umgebaut, noch in Mülheim gelegen, fast in Duisburg. Als es eröffnet wurde, war es für einige, die dort einziehen wollten, aber leider schon zu spät.

„Die Leute, die hier anfangs wohnen wollten, haben gar nicht so lange überlebt“, berichtet Rolf Wöste, Geschäftsführer der gemeinnützigen GmbH Regenbogen Duisburg, die das Mülheimer Haus betreibt. „Und einige der jetzigen Bewohner sagen: ,Hätte es die Einrichtung nicht gegeben, wäre ich jetzt tot.’“ Das klingt dramatisch und ist es in einigen Fällen auch.

„Hätte es das Haus nicht gegeben, wäre ich jetzt tot“

Die Alternative heißt: Obdachlosigkeit, denn andere Einrichtungen fordern Abstinenz, andernfalls nehmen sie die Leute nicht auf. Am Worringer Reitweg ist das anders, hier leben 16 Männer und sechs Frauen, alle schwer psychisch krank und drogenabhängig - sofern man Genesung als Ziel setzt, überwiegend hoffnungslose Fälle. Ihnen stehen in verschiedenen Gebäudeteilen Einzelzimmer zur Verfügung, zwei Appartements gibt es auch. „Es funktioniert erstaunlich gut“, sagt Peter van Eyll, der Leiter des Hauses.

Wer hier lebt, kommt anderswo nicht zurecht. „Wir nehmen den Druck von Sanktionen raus und verlangen nicht, dass die Leute abstinent leben“, erklärt van Eyll. „Sie sollen soziale Kompetenzen neu erlernen.“ Es gibt eine 24-Stunden-Betreuung. Auch nachts ist immer jemand da. Wer möchte, kann an gemeinsamen, geregelten Mahlzeiten teilnehmen, in der Küche helfen oder mit zum Einkaufen gehen. Es bestehen Angebote, die den Alltag strukturieren: Bogenschießen, eine Fahrradwerkstatt, PC und Laptops, ab und zu Ausflüge.

Es wird nicht verlangt, dass die Leute abstinent leben

Es gibt auch Regeln, rote Linien. Die wichtigste heißt: Kein Drogen- und Alkoholkonsum im Haus und auf dem Grundstück. Auch kein Handel. „Wenn hier illegale Sachen verkauft werden“, so der Leiter, „rufen wir die Polizei. Dann werden die Zimmer durchsucht und sobald man nur kleinste Mengen findet, Anzeigen geschrieben.“ Wer tatsächlich ins Gefängnis muss, verliert den Platz in der Wohneinrichtung.

Das Haus liegt idyllisch im Wald, abgelegen, ein gutes Stück weg von der nächsten Wohnsiedlung. Günstig, findet der Leiter: „Wenn es in Bahnhofsnähe wäre, hätten wir hier einen Drogen-Hotspot. Auch wegen der Lautstärke ist es besser, dass wir nicht unter ständiger Beobachtung der Nachbarschaft stehen.“

Dass das Heim am Worringer Reitweg etwas ganz Besonders ist, bestätigt auch der Landschaftsverband Rheinland (LVR), der die Arbeit und das Leben dort finanziert. Er zahlt einen festen Tagessatz für jeden Bewohner. Zwar gebe es auch andere Wohneinrichtungen für Menschen mit psychischer Behinderung und chronischen Abhängigkeitserkrankungen, etwa in Essen. „Nicht alltäglich ist allerdings, dass am Worringer Reitweg Abstinenz nicht vorausgesetzt wird“, erklärt ein Sprecher des LVR. Und: Dort kommen auch Menschen unter, „die zu den schwierigsten dieses schwierigen Personenkreises zählen“.

Auch die schwierigsten Menschen kommen hier unter

Jeder aus dem Betreuerteam würde das sofort unterschreiben. Dass hier Menschen im permanenten Ausnahmezustand leben, verrät ein Blick in die Zimmer, die karg sind oder massiv vermüllt. Eine Tür im Erdgeschoss ist halb eingeschlagen - „von gestern Abend“, sagt der Leiter des Hauses ruhig.

Gewaltlosigkeit ist eine der wichtigsten Regeln, die hier gelten. Dass sie häufig gebrochen wird, kann man sich denken. „Alle Mitarbeiter haben ein Deeskalationstraining absolviert“, berichtet von Eyll. „Die körperlichen Angriffe kann man an einer Hand abzählen. Aber man muss hier ein ziemlich dickes Fell haben, was verbale Attacken angeht.“ Das A und O sei die Beziehung der Betreuer zu den Klienten, sagt von Eyll, „aber die Leute, die hier leben, haben immer wieder die Tendenz, diese Beziehung abzubrechen.“

Betreuer brauchen ein dickes Fell - die Fluktuation ist hoch

Fortschritte der sozialen Arbeit erkennt man oft nur mit geschultem Blick: „Wir sehen Erfolge, die andere vielleicht nicht so nennen würden“, sagt der Leiter. „Wenn zum Beispiel jemand, der immer sehr extrovertiert und aggressiv war, dieses Verhalten nicht mehr zeigt.“

Insgesamt 22 Fachkräfte arbeiten hier, vor allem Sozialarbeiter und -pädagogen. Die Regenbogen Duisburg gGmbH hat auch einen ambulanten Pflegedienst, dessen Mitarbeiter eingesetzt werden. Im Haus selber ist die Fluktuation allerdings hoch. „Alle Einrichtungen haben Schwierigkeiten, Personal zu finden“, sagt der Leiter des Hauses. „Das hier zehrt schon an den Nerven. Trotzdem finden wir genügend Leute, nur eben selten auf Dauer. Viele sagen nach einiger Zeit: ,Ich habe hier sehr gerne gearbeitet, aber ich brauche das nicht ewig.’“

Die Bewohner dagegen halten es in der Regel lange aus, der Altersschnitt liegt bei Mitte 40, ein Mann lebt schon fast seit Gründung der Einrichtung hier. Und die Warteliste ist lang.

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