Hochschule

Warum Ex-Ministerpräsident Rüttgers stolz auf die HRW schaut

Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (M.) im August 2007 bei seinem Besuch im Siemens-Werk im Hafen. Begleitet wurde er unter anderem von der damaligen Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld (l.). Bei diesem Besuch erwähnte er erstmals, dass neue Fachhochschulen im Land gebaut werden sollen – das Interesse in der Stadt war von Beginn an riesengroß.

Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (M.) im August 2007 bei seinem Besuch im Siemens-Werk im Hafen. Begleitet wurde er unter anderem von der damaligen Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld (l.). Bei diesem Besuch erwähnte er erstmals, dass neue Fachhochschulen im Land gebaut werden sollen – das Interesse in der Stadt war von Beginn an riesengroß.

Foto: Monika KIRSCH

Mülheim.  Hätte Jürgen Rüttgers nicht die Idee zur HRW gehabt, wäre das Gelände in Mülheim vermutlich noch Brachland. So wird am Samstag groß gefeiert.

Zehn Jahre Hochschule Ruhr West: Mit einem vergnüglichen Wissenschaftsfest begehen Studenten, Professoren, Beschäftigte und Bürger am Samstag, 15. Juni, von 11 bis 17 Uhr auf dem Campus an der Duisburger Straße den Jubeltag. Ein Name ist eng verbunden mit dieser Feierstunde: Jürgen Rüttgers.

Der CDU-Politiker (67), der von 2005 bis 2010 Ministerpräsident von NRW war, hatte während seiner Amtszeit eine für Mülheim entscheidende Idee: möglichst viele Fachhochschulen bauen. Die Nullerjahre waren geprägt von der europaweiten Vereinheitlichung der Studiengänge und Abschlüsse, der Umstellung auf Bachelor und Master. Und vor allem davon, dass nicht mehr nur – wie einst zu Rüttgers Zeiten – 10 bis 15 Prozent eines Abi-Jahrganges zur Hochschule drängten, sondern die Hälfte aller Abiturienten.

Herr Prof. Dr. Rüttgers, bei einem Besuch des Mülheimer Siemens-Werkes im August 2007 erwähnten Sie, dass das Land zur Unterstützung des Strukturwandels neue Fachhochschulen plane. Die Nachricht elektrisierte Vertreter aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft. Unter Leitung der damaligen Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld wurde die Bewerbung um die Hochschule in bemerkenswertem Tempo vorangetrieben. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?

Jürgen Rüttgers: Ich erinnere mich gut. Für mich war es damals wichtig, dass wir im Ruhrgebiet wegkommen von der ewigen Beschäftigung mit Kohle und Stahl. Ich wollte etwas bewegen, ein Projekt auf die Beine stellen, für das sich die Menschen einsetzen können. Mülheim sollte nicht länger die kleine Stadt im Westen des Ruhrgebiets sein, sollte etwas Großes bekommen. Die Firmen der Stadt schrumpften; auch in Mülheim war der Strukturwandel zu spüren. Und da es dort noch keine FH gab, lag die Idee nahe. Um wettbewerbs- und zukunftsfähig zu werden, war klar, dass es eine MINT-Hochschule sein sollte. Das passte nach Mülheim, in diese Stadt mit Industrie-Tradition. Da gab es viel Potenzial, das sah man an Projekten wie dem Ringlokschuppen. Und aus den bildungspolitischen Debatten wusste ich, dass 40 Prozent aller Studienplätze an Fachhochschulen benötigt wurden. Die Quote lag damals noch deutlich darunter.

Der ehemalige Mülheimer CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Schmidt und der mittlerweile verstorbene Präsident der Unternehmerverbandsgruppe Ruhr-Niederrhein, Heinz Lison, hatten Sie spontan kontaktiert und die Ruhrstadt als idealen Standort ins Spiel gebracht. Wie sehr haben Sie den unbedingten Willen der Mülheimer gespürt?

Sie kamen zum Gespräch vorbei – und wenn der Lison kam, dann ist der einem schon mächtig auf die Bude gerückt. Das war aber nicht schlimm. Im Gegenteil: Wer sich anstrengt und neue Ideen verfolgt, sich wirklich für etwas einsetzt, muss auch Erfolg haben. Die Entscheidung für den Standort aber wurde damals nicht mehr politisch vergeben. Es reichte nicht, jemanden zu kennen. Man musste von Anfang an ein Spitzenkonzept vorlegen; das musste die Kommission unter Leitung von Fritz Schaumann, und letztlich auch die Landesregierung, überzeugen.

Was hat den Ausschlag gegeben, eine der Hochschulen tatsächlich in Mülheim anzusiedeln?

Dieses unbedingte Wollen in der Stadt, dieses Nach-Vorne-Treiben. Und natürlich das in sich schlüssige Konzept. In der Ausschreibung war vorgegeben, was wir wollten. Die Hochschule sollte regional verankert sein, Internationalisierung sollte eine Rolle spielen und das duale Studium. All das war in Mülheim gegeben. Wir haben damals viel Bewegung ausgelöst, so entstand auch bald die Idee mit dem zweiten Campus in Bottrop.

Es war ein Erfolg, die Hochschule in die Stadt zu holen. Mittlerweile gibt es solch gute Nachrichten im hoch verschuldeten Mülheim nur noch selten. Die Stimmung ist gekippt. Was sagen Sie dazu?

Man kann auch heute noch was schaffen, trotz schwieriger Situation. Ich war acht Jahre lang Kämmerer in Pulheim, da gab es auch kein Geld. Und trotzdem haben wir die Innenstadt saniert. Bis heute gibt es dafür Lob. Man muss sich genau überlegen, wie man seine Stadt voranbringen möchte, Ideen haben und Mut. Und man muss sich Verbündete suchen. Die Hochschule ist dafür ein gutes Beispiel. Dann ist auch eines Tages wieder Licht am Ende des Tunnels.

In Ihrer Zeit als Ministerpräsident war Bildung ein wichtiges Thema für Sie – und ist es offensichtlich bis heute, als Professor an der Uni Bonn. Wenn Sie zurückschauen: Sind Sie zufrieden mit dem Erreichten?

Leider war es 2010 wie bei der Echternacher Springprozession. Nach dem Regierungswechsel wurden viele Dinge rückgängig gemacht. Politik muss lernen, in so einer Situation nicht alles über den Haufen zu werfen, durchzuhalten, damit bei den Leuten vor Ort etwas ankommen kann. Neuorganisation an sich ist kein Wert.

Was wünschen Sie sich aktuell für die Bildungslandschaft? Bedarf es nach wie vor der Gründung von Hochschulen?

Wir könnten definitiv noch mehr Fachhochschulen im Land gebrauchen. Wir diskutieren viel über die Spaltung des Landes - erst recht jetzt nach der Europawahl – und darüber, dass ländliche Bereiche abgekoppelt werden. Eine Entwicklung, wie es sie in Mülheim gibt, kann da hilfreich sein. Mittelstand und Fachhochschule sollen zusammenwirken, damit sich Bürger und Unternehmer vor Ort identifizieren und stolz sagen können: Das ist meine Hochschule. Den und den Professor kenne ich persönlich, mit dem mache ich etwas zusammen.

Am 1. Mai 2009 wurde die Hochschule Ruhr West offiziell gegründet. Bis 2010 waren Sie im Amt; haben Sie das Geschehen in Mülheim weiter verfolgt?

Innovationsminister Pinkwart und ich haben dauernd darüber geredet. Auch im Kabinett war es Thema, wollte man wissen, wie es weitergeht. Es gab regelmäßig Berichte aus dem Bildungs- und dem Wissenschaftsministerium. Es ist schon so, dass man ein bisschen stolz auf das ist, was da entstanden ist. Dass man den Bedarf zur rechten Zeit erkannt hat. Ich bin damals durchs Ruhrgebiet getourt, habe jedes Rathaus besucht und unter vier Augen mit den Oberbürgermeistern gesprochen. Ich wollte wissen, was man für das Land noch tun kann, über Hintergründe informiert werden. Das Gespräch mit Frau Mühlenfeld begann immer mit der Frage: Na, was macht die Hochschule?

Und heute? Ist die HRW noch in Ihrem Blickfeld? Wollen Sie nicht mal schauen, wie toll der Campus geworden ist?

Ja, das würde ich mir gern ansehen. Die Entscheidung für die HRW war eine ganz wichtige in meiner Zeit als Ministerpräsident.

Was möchten Sie der Mülheimer Hochschule zum zehnten Geburtstag sagen, was Präsidium, Lehrenden, Beschäftigten und Studierenden mit auf den Weg geben?

Erstens: Weitermachen! Zweitens: Neue Ziele setzen! Drittens: Neue Ideen entwickeln! Der Bedarf ist nach wie vor riesig – und es gibt nichts Besseres, als in Bildung zu investieren.

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