Wohnprojekt

Mülheim: Im Wohnhof Fünte kann das Zusammenleben beginnen

Neu in den Mülheimer Wohnhof Fünte gezogen sind: (v.li.) Angelika Schlüter, Stephan Haufe, Regina Jordan, Edgar Simon, Carina Degen, Patrick Heide und Maike Strebel. Insgesamt umfasst die Nachbarschaft rund 60 Personen. Beatrix Reißland-Degen (ganz re.) ist froh, dass ihre im Rollstuhl sitzende Tochter jetzt eine eigene Wohnung hat. Sie selber lebt in Saarn.

Neu in den Mülheimer Wohnhof Fünte gezogen sind: (v.li.) Angelika Schlüter, Stephan Haufe, Regina Jordan, Edgar Simon, Carina Degen, Patrick Heide und Maike Strebel. Insgesamt umfasst die Nachbarschaft rund 60 Personen. Beatrix Reißland-Degen (ganz re.) ist froh, dass ihre im Rollstuhl sitzende Tochter jetzt eine eigene Wohnung hat. Sie selber lebt in Saarn.

Foto: Martin Möller / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Der Wohnhof Fünte ist belegt – rund 60 neue Nachbarn sind eingezogen, Menschen mit und ohne Behinderung. Es ist ein Pionierprojekt für Mülheim.

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Der Fünter Weg war in den vergangenen Wochen ein beliebtes Ziel für Möbelwagen. Dort, mitten in Heißen, ist der Wohnhof Fünte fertig geworden. Fast zeitgleich sind rund 60 Menschen eingezogen. Nun sind die Häuser voll belegt, das Zusammenleben kann beginnen.

Einige der neuen Nachbarn sind seit nahezu sechs Jahren auf dem Weg und jetzt endlich angekommen. Anfang 2014 hat sich der Verein gegründet, der den Wohnhof Fünte trägt. Darunter war von Beginn an auch eine Elterngruppe der Lebenshilfe, die eine möglichst selbstbestimmte Lebensform für ihre behinderten Kinder sucht. „Generationen inklusiv“ lautet das Motto des Projektes.

Umgesetzt wurde die Idee durch einen Kooperationsvertrag mit dem Mülheimer Wohnungsbau (MWB). Er hat das Grundstück rund um die ehemalige Grundschule am Fünter Weg erworben und insgesamt rund 7,3 Millionen Euro an diesem Standort investiert. Das denkmalgeschützte Schulgebäude wurde kernsaniert und mit elf Wohnungen ausgestattet. Daneben wurde ein Neubau mit 22 weiteren Appartements errichtet.

Vereinsmitglieder durften bei der Gestaltung mitreden

Die Vereinsmitglieder durften bei der Gestaltung mitbestimmen, dazu gab es etliche gemeinsame Runden. Vor zwei Jahren wurde der erste Spatenstich gesetzt. Seit Oktober ist es bezugsfertig – dieses Pionierprojekt für die Stadt Mülheim.

Auf dem Areal mischen sich drei Generationen, vom Baby bis zum fast Achtzigjährigen, Nachbarn mit und ohne Behinderung. In acht Appartements haben junge Menschen mit Handicap ihr erstes eigenes Zuhause gefunden. Im Hintergrund unterstützt sie ein Vor-Ort-Büro der Lebenshilfe, das Tag und Nacht besetzt ist. Es kann ja immer etwas sein, bei dem Hilfe gebraucht wird, manchmal genügen schon einfache Handgriffe.

Behinderte Bewohner haben rund um die Uhr Hilfe im Hintergrund

Auf diesen Rückhalt kann sich jetzt auch Carina Degen verlassen: Die 23-jährige Rollstuhlfahrerin, tagsüber in einer Werkstatt beschäftigt, ist frisch in ihr erstes eigenes Appartement gezogen. Auch für ihre Familie war das ein entscheidender Schritt. Beatrix Reißland-Degen, die Mutter, bleibt in Saarn. Sie berichtet: „Ich habe mir schon länger darüber Gedanken gemacht, was mit Carina passiert, wenn ich mich eines Tages nicht mehr kümmern kann.“ Jetzt hoffen sie, dass es im Wohnhof gut funktioniert.

Zu Carinas neuen Nachbarn gehören Edgar Simon (64) und seine Ehefrau. Ihre Kinder haben früher die Grundschule am Fünter Weg besucht. „Wir haben vom Projekt gehört und den Kreis hier kennengelernt“, berichtet Simon. Es hat sie sehr angesprochen. Das Paar hat jetzt ein neues Zuhause, kann aber im alten Stadtteil bleiben.

Eigentum mit Blick auf den Baldeneysee aufgegeben

Andere sind aus Essen zugezogen, etwa Stephan Haufe (35) mit seiner jungen Familie: „Uns hat die Idee eines Mehrgenerationenhauses gefallen“, sagt er. „Und das Objekt an sich.“ Oder Regina Jordan: Sie und ihr Mann haben ihre Eigentumswohnung in Heisingen aufgegeben. Der Blick auf den Baldeneysee war schön, aber: „Wir hatten kaum Kontakt zu den Nachbarn“, so die 64-Jährige. „Ich gehe bald in Rente, und mir war klar, dass ich so nicht alt werden möchte.“

Gut eine Generation jünger sind Patrick Heide (25) und Maike Strebel (22) - die junge Frau steckt noch im dualen Studium. „Wir wollten uns räumlich vergrößern“, erklären die beiden, „das Konzept hier hat uns völlig überzeugt.“

18 Wohnungen sind öffentlich gefördert

Zum Konzept gehört auch, dass MWB am Fünter Weg einen großen Anteil öffentlich geförderter Wohnungen anbietet, 18 sind es insgesamt. „Die frei finanzierten Wohnungen tragen die geförderten mit“, erläutert Andreas Winkler, Sprecher der Wohnungsbaugenossenschaft. Rund zehn Euro pro Quadratmeter beträgt die reguläre Kaltmiete im Wohnhof Fünte. Wer ein geringeres Einkommen nachweist, zahlt 6,20 Euro.

Noch muss im Wohnhof Fünte manches wachsen - das gilt für die Grünanlagen, die genau wie der Spielplatz öffentlich zugänglich sind, das gilt auch für die persönlich gefärbte Nachbarschaft. Zentraler Treffpunkt ist ein großer Gemeinschaftsraum mit komplett eingerichteter Küche und viel Platz für alle möglichen Aktivitäten. Angedacht sind Kochen, Gymnastik, offene Treffen. Die erste Party steigt Silvester – dann begrüßen die neuen Nachbarn gemeinsam das neue Jahr.

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