Stolpersteine

Mülheimer Stolpersteine: Die Schicksale, die dahinter liegen

Das Mülheimer Ehepaar Louis und Julie Lucas gehören zu den Opfern des Nationalsozialismus. Louis starb in Theresienstadt, seine Frau Julie in Auschwitz.

Das Mülheimer Ehepaar Louis und Julie Lucas gehören zu den Opfern des Nationalsozialismus. Louis starb in Theresienstadt, seine Frau Julie in Auschwitz.

Foto: Martin Möller / FUNKE Foto Services

Mülheim.  SPD-Mitglieder und Mülheimer Bürger haben die Stolpersteine in der Innenstadt geputzt. Sie erinnerten an die Schicksale, die dahinter liegen.

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Im Schein einer Kerze mit weißen Rosen in der Hand stehen rund 20 Mülheimer vor einem Haus an der Friedrich-Ebert-Straße. Dort erinnern zwei Stolpersteine an Louis Lucas und seine Ehefrau Julie. Beide waren jüdischen Glaubens. Beide haben den Terror des Naziregimes nicht überlebt.

168 Stolpersteine erinnern in Mülheim an Opfer des Nationalsozialismus. Anlässlich des Jahrestages der Pogromnacht vor 81 Jahren, putzten Mitglieder der SPD gemeinsam mit Bürgern die Gedenksteine bei einem Rundgang durch die Innenstadt – darunter auch die von Louis und Julie Lucas.

Stolpersteine erinnern mit Namen und Geschichten an die Schicksale

Der Pferdemetzger kämpfte bereits im ersten Weltkrieg an der Front, kehrte 1917 nach Mülheim zurück und lebte zuletzt mit Ehefrau Julie und Sohn David Walter Lucas an der Hindenburgstraße, der heutigen Friedrich-Ebert-Straße. Kurz nach der Pogromnacht im November 1938 wurde Sohn David Walter nach Dachau deportiert. Er wurde 1939 entlassen und ihm gelang die Flucht nach England, die ihm wohl das Leben rettete. Seine Eltern hingegen wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo Vater Louis Lucas am 31. Juni 1943 verstarb.

Julie Lucas wurde weiter nach Auschwitz verbracht und ermordet. „Durch die Namen, die persönliche Geschichte der Opfer, wird das Schicksal dieser Menschen so greifbar und das finde ich sehr wichtig“, sagt Katharina Deege. Die junge Mutter setzt sich schon lange mit den Stolpersteinen auseinander. Egal in welcher Stadt, Katharina Deege bleibt stehen und freut sich bei jedem Stein, auf dem geschrieben steht „hat überlebt“. Dass es nur die Ausnahmen sind, weiß die Mülheimerin und deshalb sei es gerade in der heutigen Zeit so wichtig, „das Andenken zu bewahren, denn die Stolpersteine sind ja nur die Spitze des Eisbergs“.

„Sich die Zeit nehmen und mit Einzelschicksalen auseinandersetzen“

Nadia Khalaf, stellvertretende SPD-Parteivorsitzende, und Juso-Vorsitzende Laura Libera freuten sich, dass sich in diesem Jahr auch junge Mülheimer dem Stolpersteinrundgang angeschlossen und damit auch ein Zeichen gegen das Vergessen gesetzt haben. „Die mahnende Erinnerung ist heute wichtig und auch noch in 50 oder in 100 Jahren“, ist Christian Völlmecke überzeugt. Der junge Geschichtslehrer hat mit Schülern in diesem Jahr das Konzentrationslager Buchenwald besucht. „Man sollte sich die Zeit nehmen und sich auch mit Einzelschicksalen auseinandersetzen.

Etwa mit dem der Familie Loewenthal, die zuletzt in einem Haus an der Bahnstraße lebte. Der Vater, der Prokurist Moses Loewenthal, verstarb bereits 1930 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Mülheim beigesetzt. Noch heute kann man dort seinen Grabstein finden. Die drei Stolpersteine erinnern an seine Frau Juliane und die Töchter Johanna und Elfriede. Über Elfriede Loewenthal ist bekannt, dass sie als Lehrerin an der evangelischen Schule an der Mellinghofer Straße (heutige Realschule) unterrichtete. Im April 1933 wurde Elfriede aufgrund ihres jüdischen Glaubens beurlaubt.

Mülheimerinnen wurden in das Ghetto Theresienstadt deportiert

Ein Jahr später wurde sie an die jüdische Schule nach Essen versetzt, wo sie unter erschwerten Bedingungen teilweise als einzige Lehrkraft bis zur Schließung der Schule im Juni 1942 unterrichtete. Im gleichen Jahr musste sie mit Mutter Juliane und Schwester Johanna die Wohnung an der Bahnstraße verlassen. Sie wurden zwangsweise in das „Judenhaus“ an der Delle 29 umgesiedelt. Von dort aus wurden die drei Frauen in das Ghetto Theresienstadt deportiert.

Die 84-jährige Mutter starb an den Strapazen und Schikanen der Deportation. Johanna Loewenthal wurde 1942 im Vernichtungslager Sobibor umgebracht. Schwester Elfriede wurde zum 8. Mai 1945 für tot erklärt – verschleppt und ermordet vermutlich in Auschwitz.

Auch hier an der Bahnstraße stehen gegen Ende des Rundgangs im Schein einer Kerze rund 20 Mülheimer mit weißen Rosen in der Hand, verlesen die Namen der Opfer auf den Stolpersteinen. Es sind drei von 168. Und es ist nur die Spitze des Eisbergs.

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