Kultur

Ruhrpott-Versteher Goosen nimmt altes Berlin aufs Korn

„Bei manchen Stadtteilen denke ich: Jagt doch einfach hoch“: Frank Goosen pflegt ein lakonisches Verhältnis zum Ruhrgebiet.

„Bei manchen Stadtteilen denke ich: Jagt doch einfach hoch“: Frank Goosen pflegt ein lakonisches Verhältnis zum Ruhrgebiet.

Foto: Michael Dahlke / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Im Ringlokschuppen liest Frank Goosen aus „Kein Wunder“ und kommentiert Blindgänger. Wo der Bochumer Jung gerne manche Bombe platzen ließe...

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Was ist wohl besser: das Bochumer Hinterhoftheater an der Hiltroper Straße oder das Off-Theater an der Wrangelstraße? Ruhrpott-Versteher und Schriftsteller Frank Goosen trägt den Kulturk(r)ampf um die veritablere Metropole natürlich literarisch aus: hier Fränge, der Ex-Ruhri im West-Berlin der späten 80er, dort Brocki, der eingeschworene Bochumer. In der Mitte: ein grinsendes Publikum im Ringlokschuppen.

„Die A40 ist gesperrt. Diesmal keine Biertische sondern ein Blindgänger“

„Kein Wunder“ heißt das nicht mehr ganz neue Buch des Bochumer Jung, der es wie kaum ein anderer versteht, die künstlich gestreckte Metropole-Ruhr-Egomanie auf eine schickliche Dosis einzukochen. Und dabei dennoch dem strukturgewandelten Ruhri kumpelhaft auf die Schulter zu klopfen: Du brauchst nicht mehr zu sein, als du bist.

Goosens geschätzte lakonische Art fängt schon vor der eigentlichen Lesung im nicht ganz ausverkauften Schuppen an: „Die A40 ist gesperrt. Diesmal keine Biertische sondern ein Blindgänger“, spielt er im Vorbeischlendern auf die Kulturhauptstadt 2010 an. Eine Stunde brauchte der Bochumer über die A2 nach Mülheim – „aber ging auch“. Den zweiten Blindgänger fand man am Donnerstag in Altenessen. „Bei manchen Stadtteilen denke ich: ,Jagt doch einfach hoch’“, flachst Goosen.

Das Ruhrgebiet als Pop-up-Bilderbuch

Doch eigentlich geht’s Goosen um ‘was anderes: den Kontrast zwischen dem brodelnden Berlin kurz vor dem Mauerfall und dem parallel strauchelnden Stahl- und Kohle-Revier seiner Adoleszenz. Seine Figuren Brocki, Fränge und Förster sind seine Stellvertreter. Wie ein Pop-up-Bilderbuch lässt er das Ruhrgebiet dieser Zeit und die Pop-Kultur der 80er an jeder Ecke aufspringen, collagiert Grace-Jones-Songs gekonnt mit Bochumer Landmarken wie das Oblomow und Ahorn Eck.

Und der einstige „Ost-Block“? Kommt nicht unsympathisch weg – zumindest, was seine Menschen anbelangt. Rosa – die Ost-Berlinerin, die Fränge heimlich trifft – ist emanzipiert, selbstbewusst. So wie viele Frauen in Goosens Roman. Die Typen der 80er Jahre? Eher wankelmütig, zwischen Loser und Egomane, Sympathieträger. Eben ein bisschen so, wie das Ruhrgebiet.

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