„Doppel-Frühchen“ im EKO

Oberhausenerin bekommt „Zwillings-Frühchen“ in fünf Tagen

Mit Abstand Zwillinge: Aurelio (links) und Cassian liegen weich gebettet in ihren Tragen. Krankenschwester Sandra Bauersachs, die Ärzte Raphael Canitz und Christiane von Noorden, Mutter Sabrina Wakula und Krankenschwester Susanne Pecl (von links) freuen sich über den Nachwuchs.

Mit Abstand Zwillinge: Aurelio (links) und Cassian liegen weich gebettet in ihren Tragen. Krankenschwester Sandra Bauersachs, die Ärzte Raphael Canitz und Christiane von Noorden, Mutter Sabrina Wakula und Krankenschwester Susanne Pecl (von links) freuen sich über den Nachwuchs.

Foto: Gerd Wallhorn / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  Cassian und Aurelio wiegen bei ihrer Geburt genauso viel wie eine Ananas. Warum die Zwillinge mit fünf Tagen Unterschied im EKO geboren wurden.

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Cassian und Aurelio sind auf den ersten Blick normale zweieiige Zwillinge. Ihre Haare? Gleich dunkel. Die Augen, der Mund, die Nase – alles sieht identisch aus. Doch der erste Eindruck täuscht: Cassian und Aurelio sind besondere Oberhausener Babys.

Erstens: Beide kommen viel zu früh zur Welt und wiegen bei ihrer Geburt zusammen gerade mal so viel wie eine handelsübliche Ananas. Zweitens: Aurelio lässt sich fünf Tage mehr Zeit als sein Bruder, was sogar die Ärzte freut. Und drittens: Cassian wird auf natürlichem Weg geboren, während Aurelio per Kaiserschnitt kommt. Doch das größte Wunder: Heute sind die sieben Monate alten Babys beide kerngesund. Wie das Evangelische Klinikum Oberhausen (EKO) kräftig mithalf.

Oberhausenerin bekommt „Zwillings-Frühchen“ – mit fünf Tagen Unterschied

Als Oberarzt Dr. Raphael Canitz in die Körbe schaut, will Mutter Sabrina Wakula ein Quiz spielen. „Na, wer ist wer?“, fragt sie den Chef der Geburtshilfe im EKO. Der Doktor zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung.“ Die Frage ist fies. Schließlich nimmt sich selbst die Mutter der beiden Zwillingsbrüder ein weißes und schwarzes Deckchen zur Hilfe, um sie besser auseinanderzuhalten.

Als Sabrina Wakula im April die Diagnose Frühchen erhält, „habe ich den Doktor ein wenig dafür gehasst“, gesteht die heute grinsende Mutter ein und entschuldigt sich sofort beim Arzt. Dem Experten in Sachen Babys macht das nichts aus. Er zuckt kurz mit den Schultern. „Kein Problem.“ Wenn alles so läuft wie bei den Doppel-Frühchen, kann niemand sauer sein.

Ausgelöst durch den Norovirus in der 22. Schwangerschaftswoche vergehen für Sabrina Wakula drei Wochen im Krankenhausbett, ehe Cassian am 20. April auf natürlichem Weg geboren wird. Die Freude bei der Familie ist groß, denn Cassian ist zwar nur 645 Gramm leicht und muss beatmet werden, aber er lebt. Sein Bruder Aurelio soll dagegen nach Willen der Ärzte solange wie möglich im Mutterleib bleiben.

Schwache Lunge, verkehrte Welt, trotzdem gesund: Glückskind Aurelio

Eine Cortisonbehandlung soll seine Lunge weiter stärken, bevor er selber atmen muss. Fünf Tage nach seinem Bruder folgt er mit den Füßen voran – die Ärzte handeln und holen ihn per Kaiserschnitt. Auch der Jüngere wiegt bei seiner Geburt fast nichts und kommt in den Brutkasten – und wie sein Bruder wird er anfangs beatmet. Aber: auch Aurelio lebt. Vor 30 Jahren wäre das womöglich anders gelaufen.

Denn erst seit 1990 wird ein Medikament eingesetzt, das Frühgeburten dabei hilft außerhalb des Mutterleibs ihre unterentwickelte Lunge zu entfalten, erklärt Oberärztin Dr. Christiane von Noorden. Aurelio und Cassian sei dieses Mittel verabreicht worden, sagt die Medizinerin. „Den Einsatz klären wir aber vorher immer mit den Eltern ab und erläutern ihnen die Chancen und Risiken der Behandlung.“

Außer den Ärzten haben Kinderkrankenschwester wie Sandra Bauersachs und Susanne Pecl großen Einfluss auf die Frühchen. „Wir sind täglich bei ihnen und reden viel mit den Eltern – oft noch lange nach der Geburt“, erzählt Susanne Pecl gern von ihrer Arbeit. Das EKO bietet zudem zweimal im Monat eine Frühgeborenen-Eltern-Gruppe an, die von einer erfahrenen Kinderkrankenpflegerin begleitet wird. Doch das war mal anders.

Frühchen gucken wie Fische im Aquarium

Wenn Eltern bis in die 1990er Jahre ihre Frühchen sehen wollen, beschränkt sich der Besuch auf eine halbe Stunde hinter Glas – heute ist das Gegenteil gewünscht. Sabrina Wakula ist daher täglich im Krankenhaus, um mit ihren Söhnen zu kuscheln. Eine Langzeitstudie kanadischer Forscher zur sogenannten „Känguru-Methode“ ergibt: Frühgeborene profitieren noch Jahre später von der Zeit, in der sie viel Hautkontakt mit ihren Eltern hatten. Bleibt die Frage, warum die Ärzte die Zwillinge nicht zusammen auf die Welt holen?

Logisch: Die fünf Tage „Extra-Aufenthalt“ im Bauch der Mutter sind für Frühchen wie Aurelio enorm wichtig – denn die 22. Schwangerschaftswoche, in der Sabrina Wakula ins EKO kommt, nennen die Experten „Grenze zur Lebensfähigkeit.“ Heißt: Jeder Tag kann zwischen Leben und Tod entscheiden. Sabrina Wakula ist dem EKO eng verbunden. „Sie waren meine ersten Ansprechpartner und ich bin ihnen sehr dankbar!“

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