Klassik

Pianistische Grandezza an abgerocktem Oberhausener Flügel

Klaviersolistin Ragna Schirmer zeigte in der Luise-Albertz-Halle die erwartete Brillanz und Souveränität – allerdings auf einem unwürdigen Instrument.

Klaviersolistin Ragna Schirmer zeigte in der Luise-Albertz-Halle die erwartete Brillanz und Souveränität – allerdings auf einem unwürdigen Instrument.

Foto: Tamara Ramos / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  Das Sinfoniekonzert mit Ragna Schirmer und dem Mendelssohn Kammerorchester war grandios. Misstönendes Instrument trübte die Stimmung.

Clara Schumann war die berühmteste Pianistin des 19. Jahrhunderts. Ein Pop-Star sondergleichen, deren Eintrittskarten für ihre Konzerte unfassbar teuer waren. Jedenfalls reichten die Tournee-Einnahmen eines einzigen Monats der nach dem Tod von Robert Schumann 1854 alleinerziehenden Mutter, satte drei Monate lang ihre acht Kinder samt gutbürgerlichem Haushalt auskömmlich zu versorgen.

Insofern war man bei dem laut Programmzettel „3. Internationalen Sinfoniekonzert“ in der Luise-Albertz-Halle doch ob des bestenfalls halbgefüllten Saals etwas irritiert. Schließlich kosteten selbst die teuersten Karten mit 20 Euro gerade mal einen Bruchteil jenes blauen Clara Schumann-Porträts, das man im Ruhrgebiet als „Hunni“ liebte. Und von schwerer Kost – zumindest für die Zuhörer – konnte angesichts des dezidiert romantischen Programms auch keine Rede sein.

Unerfreulich stumpfer, ja verwaschener Klang

So schwelgte das vom Cellisten Peter Bruns so souverän wie unmerklich geleitete Mendelssohn Kammerorchester Leipzig zunächst durch „Zwei Lieder ohne Worte“ der nicht allzu häufig gespielten süddeutschen Komponistin Josephine Lang (1815 bis 1880). Eine wundersam leichtgängige Tändelei in charmanter Streicherseligkeit, der mit Felix Mendelssohn Bartholdys „Lied ohne Worte“ eine weitere Bearbeitung für Streichorchester und den hier bravourös mit feiner Farbgebung aufwartenden Peter Bruns am Solo-Cello folgte. Ob wohl jemandem auffiel, dass Mendelssohn wehmütiges Thema die kaum verhohlene Vorlage für den Welt-Hit „O mein Papa“ lieferte?

Die heitere Wohlgestimmheit wich jedoch rasch. Denn als die gefeierte Pianistin Ragna Schirmer vor der nun um Bläser erweiterten Kulisse der Leipziger bei Clara Schumanns „Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 7“ die ersten perlenden Läufe kredenzte, registrierte man erst verwundert, dann verstimmt deutliche Intonationsschwächen ihres Instruments. Der unerfreulich stumpfe, ja verwaschene Klang trübte die fabelhafte Interaktion des Orchesters mit ihrer virtuos-ausdrucksstark agierenden Solistin, die sich von der mangelnden Brillanz des abgerockten Flügels aber nicht irritieren ließ.

„Für Elise“ klang wie eine delikate Jazz-Ballade

Dass es folglich auch Ludwig van Beethovens „4. Klavierkonzert G-Dur op. 58“, dessen zwei Kadenz-Alternativen die selbstbewusste Clara Schumann durch ihre eigene pianistische Tour de Force ersetzt hatte, an Strahlkraft bei den aberwitzigen Trillern mangelte, schmälerte doch gewaltig das Vergnügen am grandiosen Auftritt der zurecht bejubelten Ragna Schirmer. Da war es auch kein Trost für sensible Hörer, dass ihre Zugabe – Beethovens „Für Elise“ – wegen der „dirty notes“ des Flügels immerhin fast wie eine delikate Jazz-Ballade klang. Dass sie ihn überhaupt bespielte, muss man der renommierten Pianistin hoch anrechnen. Andere Tastenkünstler hätten dieses unwürdige Instrument erst gar nicht angepackt.

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