Jugendhilfe-Desaster

Eltern empört: Jugendhilfe verharmlost Alkohol und Schwänzen

Wenn Jugendliche zu Alkohol und Drogen greifen, fühlen sich Eltern oftmals hilflos.

Wenn Jugendliche zu Alkohol und Drogen greifen, fühlen sich Eltern oftmals hilflos.

Foto: Foto: Dietmar Wäsche

Oberhausen.  Eine 13-Jährige trinkt und schwänzt die Schule. Der Vater bringt sie im Heim unter. Sie macht weiter – und die Mitarbeiter entschuldigen das.

Eltern am Ende: Wie soll man reagieren, wenn die 13-jährige Tochter raucht, trinkt, kifft und sich mit älteren Männern einlässt? Stiefmutter und Vater von, nennen wir sie Beate, entschieden sich, auf den Rat des Oberhausener Jugendamtes und der Kindertherapeutin zu hören. Beate kam ins Heim. Was dann folgte, macht die Eltern fassungslos. Denn ausgerechnet unter der Obhut der Jugendhilfe-Einrichtung muss das Mädchen mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Zum Hintergrund: Manuela B. (Name ist der Redaktion bekannt) lernte ihren späteren Mann als alleinerziehenden Vater kennen. Beate war damals drei Jahre alt, ihr kleiner Bruder zwölf Monate. „Der Vater hatte die Kinder zugesprochen bekommen. Schon damals war das Jugendamt im Boot“, sagt die Stiefmutter. Beate sei bereits als Kind schwierig gewesen. Ein späterer dreimonatiger Aufenthalt in der Kinderpsychiatrie brachte nur eine vorübergehende Besserung. Mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule häuften sich die Probleme, erzählt Manuela B. Beate habe oft die Schule geschwänzt, blieb bis spät abends weg. „Dann kam sie bekifft oder betrunken nach Hause.“ Zu den Terminen beim Jugendamt sei sie gar nicht mehr erschienen. „Stattdessen begann sie, sich mit älteren Männern zu verabreden.“

Die Eltern riefen die Polizei zur Hilfe

Die Eltern schalteten regelmäßig die Polizei ein. „Wir waren am Ende und beschlossen gemeinsam mit dem Jugendamt und der Therapeutin, dass Beate außerhalb von Oberhausen untergebracht werden muss, damit sie zeitgleich auch die Schule und den Freundeskreis wechseln kann.“ Beate sei vom Jugendamt zunächst nach Bottrop in die Jugendhilfeeinrichtung „Flow“ vermittelt worden, die Notfälle wie diesen vorübergehend betreut.

Die Eltern atmeten auf. „Doch bereits nach einer Woche wurden wir von einer Mitschülerin darüber informiert, dass Beate wieder nicht zur Schule gegangen war.“ Auf Nachfrage bei Flow hätten sie erfahren, „dass Beate sich nachts mit den anderen betrunken hat und dann morgens zu krank war, um die Schule zu besuchen“. Mitarbeiter von Flow hätten sie in der Schule entschuldigt. In der folgenden Nacht wurden die Eltern darüber benachrichtigt, dass die Einrichtung Beate als vermisst gemeldet hat. „Erst nach mehrmaligem Nachfragen bei Flow erfuhren wir, dass Beate mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert worden war.“ Manuela B. hält fest: „Sie war also zu krank, die Schule zu besuchen, durfte aber noch am gleichen Tag raus, um sich erneut zu betrinken?“ Die Eltern schickten eine Benachrichtigung ans Jugendamt in Oberhausen. Antwort: „Wir könnten nicht erwarten, dass Beate sich in solch kurzer Zeit ändert – aber darum ging es doch gar nicht.“ Stattdessen hatten sich die ratlosen Eltern doch genau deshalb für eine Unterbringung in einer Jugendhilfe-Einrichtung entschieden, weil sie wollten, dass genau dieses Verhalten mit Hilfe von Experten endlich unterbunden wird.

Drei Wochen nicht zur Schule gegangen

Drei Wochen später habe es ein Hilfeplangespräch in der Schule mit dem Jugendamt und Vertretern von Flow gegeben. „Dabei kam dann auch noch ans Tageslicht, dass Beate in den drei Wochen nur dreimal in der Schule war, die anderen Tage von Flow oder auch gar nicht entschuldigt worden waren.“ Immer wieder hätten sich die Eltern an die Jugendhilfeeinrichtung gewandt. „Ohne Erfolg.“ Die Familie drängte, damit Beate endlich einen Intensivbetreuungsplatz in einer anderen Einrichtung erhält. Mit Erfolg.

Die 13-Jährige hat inzwischen einen Platz in einer Wohngruppe erhalten und wird dort auch intensiv pädagogisch betreut. „Wir haben den Eindruck, dass sie dort gut aufgehoben ist.“ Auf die letzten drei Monate zurückblickend aber meint Manuela B.: „Ein Betreuungsplatz bei Flow kostet monatlich 5000 Euro, 500 Euro davon haben wir selbst dazu gezahlt – wir fragen uns wirklich, für was dieses Geld überhaupt ausgegeben wird!“

So reagieren Jugendamt und Flow

Konkrete Angaben zu diesem Fall möchte das Jugendamt in Oberhausen aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht machen. Nur so viel: „Alle stationären Jugendhilfeeinrichtungen werden regelmäßig durch die Heimaufsicht des Landschaftsverbandes geprüft“, betont Stadtsprecher Uwe Spee. Er ergänzt: „Hinsichtlich der konzeptionellen Ausrichtung der Einrichtung Flow ist festzuhalten, dass es sich hier um eine Unterbringungsmöglichkeit zur Krisenintervention handelt, in der nicht intensiv pädagogisch mit den Jugendlichen gearbeitet wird.“ Im Rahmen langfristiger Hilfeplanung hingegen belege das Jugendamt Wohngruppen, die mit der eigentlichen pädagogischen Arbeit beauftragt seien.

Auch die Jugendhilfeeinrichtung Flow ist zu keiner detaillierten Stellungnahme bereit und verweist auf Beates Anrecht auf Diskretion. Susanne Waschkowitz, die Pädagogische Einrichtungsleiterin, betont allerdings: „Alle Beschwerden werden im Rahmen der wöchentlichen Teamsitzungen überprüft und gegebenenfalls aufgearbeitet.“

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