Junge Kunst

Astrid Kajsa Nylander beweist im Haus Seel Widerstandskraft

„Mega Widerstandskraft“ heißt die erste Einzelausstellung der in Göteborg geborenen Astrid Kajsa Nylander. Sie zeigt als Preisträgerin „Junge Kunst 2019“ ihre Arbeiten im Haus Seel.

„Mega Widerstandskraft“ heißt die erste Einzelausstellung der in Göteborg geborenen Astrid Kajsa Nylander. Sie zeigt als Preisträgerin „Junge Kunst 2019“ ihre Arbeiten im Haus Seel.

Foto: Florian Adam

Siegen.  Astrid Kajsa Nylander zeigt im Haus Seel in Siegen ihre erste Einzelausstellung. Sie ist Trägerin des Preises „Junge Kunst 2019“. Zu Recht.

Wäre Astrid Kajsa Nylander nicht so gut in dem, was sie tut, würden ihre Bilder wahrscheinlich gnadenlos überfrachtet wirken. Wenn die 29-jährige Künstlerin über ihre Arbeit spricht, breitet sie ein Potpourri von Ideen, Symbolen und Verweisen aus, das locker für zehn Ausstellungen reichen würde. Tatsächlich geht es aber nur um eine einzige. Nun: Die Schwedin hat den Preis „Junge Kunst“, vergeben vom Kunstverein Siegen und der „Stiftung für Kunst und Kultur“ der Sparkasse Siegen, in diesem Jahr auch nicht umsonst gewonnen.

Die Aufteilung

„Mega Widerstandskraft“ heißt die Ausstellung im Haus Seel, die Teil der Auszeichnung ist und am Sonntag um 11 Uhr eröffnet wird. In der oberen Etage zeigt Nylander Arbeiten, die sie speziell für das Titelthema angefertigt hat, in der unteren sind ältere Werke zu sehen. Was alle Bilder auszeichnet, ist die stilistische und inhaltliche Konsequenz.

Die Bildsprache

Die 29-Jährige malt in kraftvollen Farben mit Öl auf Leinwand – „ganz klassisch“, wie sie selbst sagt – und hat eine eigene Bildsprache mit eigenem Vokabular entwickelt. Fäden, Knöpfe, an Stoffe erinnernde Muster, aber auch Wassertropfen und Insekten sind prägende Elemente, die sich auch dort schlüssig ins Bild integrieren, wo sie nach allgemeiner Erwartungshaltung eigentlich nichts verloren haben. Es funktioniert, weil die Elemente kompositorisch und rein ästhetisch perfekt eingesetzt sind; und, weil sie symbolisch aufgeladen sind, ohne symbolisch aufdringlich zu werden. Ganz im Gegenteil.

Die Ebenen

Astrid Kajsa Nylander interessiert sich nicht nur – einerseits offensichtlich, andererseits nach ihren eigenen Aussagen – für das Verbindende, das sich etwa in Knöpfen und Fäden ausdrückt. Sie wendet die Verbindung von Ebenen auch an. Ihre oft großformatigen Bilder sind farbenfroh, poppig, wirken auf den ersten Blick unbedarft fröhlich. Aber dahinter liegt ein Reservoir von Verweisen und Anknüpfungspunkten. Bunte Wasser sind tief. In diesem Fall zumindest.

Das Hauptbild

Das Hauptbild der Ausstellung ist prototypisch für die Arbeitsweise der in Göteborg geborenen Wahlberlinerin. „Mega Widerstandskraft SE01“ ist ein riesiges 16:9-Format. Die Grundlage bildet ein Wabengittermuster, durch das sich Fäden ziehen, an denen bunte Objekte hängen; vielleicht Stofffetzen, vielleicht Blütenblätter oder Schmetterlingsflügel, in jedem Fall Anziehungspunkte für Insekten. Außerdem gibt es eine Uhr und Textfelder, ebenfalls an den Fäden hängend, mit Sätzen wie „A woman’s place is in the revolution“. Der Ausstellungstitel, der auch im Namen dieses Hauptbildes enthalten ist, gründe auf der Frage, „wie man ein System bekämpfen kann, mit dem man verwachsen ist“, sagt Nylander. Verwachsen, verwoben, verflochten sind eben auch die Komponenten ihrer Bilder, wobei trotz des erfreulichen optischen Gesamteindrucks nie klar ist, ob die Dinge überhaupt zusammengehören sollen (oder wollen), oder ob nicht zwangsvereint ist, was lieber voneinander getrennt wäre.

Die Porträts

Solche Zwiespältigkeit prägt auch Nylanders Porträts. Für gewöhnlich würden die Figuren auf Porträtbildern stehen oder sitzen, sagt die Preisträgerin. Mit der aufrechten Haltung sei die körpersprachliche Botschaft „Ich habe etwas zu sagen“ verbunden. Nylander aber malt ihre Protagonisten im Liegen und mit entrücktem Blick. „Ich finde den Moment interessant, wo man alleine verweilt und nichts tut“, erklärt sie. „Die Leute gehen zwar auf die Straße“, ergänzt sie mit Verweis auf die Proteste, die zur Zeit den öffentlichen Diskurs begleiten und forcieren. „Aber zuhause liegen wir mit unserem Smartphone im Bett und haben eigentlich keine Ahnung, was man beispielsweise gegen den Klimawandel tun kann.“

Die Protestposter

Öffentliche Protestkultur greift die Künstlerin auch explizit in Bildern auf, die an Demonstrationsplakate angelehnt sind. Den Parolen haftet etwas Resignatives bis Sinnentleertes an: „Can’t believe we’re still demonstrating for this“ oder „No poster is big enough to list all the reasons I’m here“. Für Nylander zeigt sich darin auch eine menschliche Grundtendenz. „Mich interessiert, wie das digitale Bild und das Analoge in Beziehung stehen. Wir leben in einer digitalen Welt. Aber wenn die Leute auf die Straße gehen, malen sie etwas mit den Händen, um sich eine Stimme zu geben.“

Die Knöpfe

Zwischendrin auf beiden Etagen hängen die „Knopfbilder“; kleine Leinwände in unterschiedlichen Formen, die wie Knöpfe aussehen und zu 100 Prozent auf Nylanders Bildvokabular zurückgreifen. Diese Bilder – oder Bildobjekte – eröffnen etwas Verbindendes, auch etwas Ironisches, weil sie eigentlich textilen Untergrund postulieren, faktisch aber an Wänden hängen. Sie fügen sich ein in das Nylander’sche Gesamtmoment: Jedes Bild wirkt und spricht für sich allein, jedes Bild wirkt und spricht aber auch im Verbund mit allen anderen. Für in sich stimmige Ausstellungen ist das nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist allerdings die organische Selbstverständlichkeit und Konsequenz, mit der die junge Künstlerin das schafft, ohne auch nur entfernt in repetitive Langeweile zu verfallen.

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