Coronakrise

Corona in Siegen: Telefonseelsorge hat deutlich mehr zu tun

Die Telefonseelsorge Siegen wird in der Coronakrise mehr in Anspruch genommen als sonst. Das gilt nicht nur quantitativ: Die Hilfesuchenden schildern oft auch ausgeprägtere Probleme.

Die Telefonseelsorge Siegen wird in der Coronakrise mehr in Anspruch genommen als sonst. Das gilt nicht nur quantitativ: Die Hilfesuchenden schildern oft auch ausgeprägtere Probleme.

Foto: Fabian Strauch / WAZ FotoPool

Siegen.  In der Coronakrise suchen mehr Menschen als sonst Hilfe bei der Telefonseelsorge. Die Kontaktsperre verschärft viele bereits bestehende Probleme.

Die Telefonseelsorge Siegen ist in der Coronakrise deutlich stärker gefordert als sonst. Die Zahl der Anrufe stieg von Februar auf März um rund 20 Prozent auf 871 im Monat, die Zahl der Chats hat sich von 40 auf 89 mehr als verdoppelt. Noch auffälliger als die Quantität sei aber eine inhaltliche Intensivierung, wie der stellvertretende Leiter Bernd Wagener sagt: „Die Themen werden schärfer.“ Der Anstieg sei mit dem Wochenende, an dem die Kontaktsperre verkündet wurde, signifikant geworden. https://www.wp.de/staedte/siegerland/coronavirus-unser-newsblog-fuer-siegen-und-das-umland-id228702479.html

Telefonseelsorge Siegen: Corona ist ein großes Thema

Das Coronavirus sei in den Telefonaten mit etwa 30 Prozent „ein gravierendes Thema“. Dabei gehe es oft um „sehr existentielle“ Aspekte, wie Diplom-Theologe Bernd Wagener sagt: „Angst vor Corona-Infektionen, davor, wie es weitergeht – und vermehrt Ängste, wie sich die persönliche wirtschaftliche Situation entwickelt.“ Die aktuelle Lage mit der Kontaktsperre verschärfe aber vor allem andere Probleme:

Einsamkeit, ohnehin immer wichtiges Thema, würde von fast der Hälfte der Anruferinnen und Anrufer als Hauptproblem benannt. Betroffen sind viele ältere Menschen, die alleine leben – aber eben nicht nur, wie Bernd Wagener betont. „Es gibt auch Einsamkeit in Gesellschaft“. Darunter leiden oft jüngere Leute, die im Beruf stehen, eine Familie haben, sich aber dennoch isoliert und nicht mit ihrer Umgebung verbunden fühlen. Diese Menschen hätten häufig das zusätzliche Problem, dass sie zwar faktisch Gesellschaft haben, dass das allein aber an ihrem Leidensdruck nichts ändert – und dass sie nicht in der Lage seien, mit diesen Menschen über das zu sprechen, was in ihnen vorgeht. Ebendieser – scheinbare – Widerspruch ist Teil der Problematik.

Soziale Netze brechen in der momentanen Lage vielfach weg, sagt Bernd Schneider. „Wer früher, wenn es ihm schlecht ging, zu Familie und Freunden gehen konnte, kann das jetzt nicht mehr so.“ Außerdem haben Selbsthilfe- und Tagesgruppen den Betrieb meist eingestellt, maximal gebe es noch ein Basisangebot. Aber für viele Menschen mit Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen seien diese Treffpunkte und Einrichtungen ein ganz wesentlicher Fixpunkt, ein Netz. Der Gedanke, die Betroffenen könnten doch einfach zum Telefon greifen und ihre Verwandten und Freunde anrufen, greift deutlich zu kurz, wie der Experte erläutert: „Menschen, die ohnehin gut in Kontakt stehen, werden das tun. Andere befürchten aber häufig, sie seien eine Last für andere, und werden das nicht machen.“ Solche Muster finden sich – als Teil der Symptomatik – zum Beispiel oft bei Depressiven.

Häusliche Gewalt nimmt zu, wie Bernd Wagener anhand der Telefonseelsorgethemen feststellt. Natürlich seien solche Übergriffe generell inakzeptabel und Ausdruck einer tieferliegenden Problematik; zur Zeit komme aber erschwerend hinzu, dass viele Paare und Familien auf engem Raum zusammensitzen würden, „und es gibt keine Ausweichmöglichkeit“. Hätten in Konfliktfällen die Betroffenen in Vor-Corona-Zeiten einfach das Haus verlassen können, um etwa einen Spaziergang zu machen oder Freunde zu besuchen, entfalle diese Rückzugsoption nun. Aufgrund der Kontaktsperre gebe es deshalb auch weniger Feedback von Unbeteiligten, die einen Rat geben oder neutral auf die Konflikte blicken, „es fehlt das Außen, der Anker“.

Zugangswege

Anrufe machen zwar die überwiegende Mehrheit der Kontakte zur Telefonseelsorge aus. Die digitalen Kanäle gewinnen aber an Bedeutung. Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben im März die Zahl der Chats gegenüber dem Vormonat um 49 auf auf 89 erhöht, die Zahl der Mails blieb mit 313 annähernd konstant (Februar: 301). Unabhängig von der Coronakrise sei die stärkere Nachfrage nach diesen textbasierten Angeboten „eine generelle Tendenz“, sagt Bernd Wagener. Das sei aber durchaus positiv zu sehen, weil jeder Weg der Kontaktaufnahme spezifische Vorteile habe und damit Menschen in sehr unterschiedlichen Ausgangssituationen Anknüpfungspunkte finden.

Das Telefon wird eher von Menschen in der zweiten Lebenshälfte genutzt, 70 Prozent sind laut Statistik 50 Jahre und älter, sieben von zehn sind alleinlebend. Gerade bei Einsamkeit ist dieser Kanal wesentlich. „Wenn es um Trost und Zuwendung geht, da ist die menschliche Stimme wichtig“, so der stellvertretende Leiter der Telefonseelsorge.

Die Chats nehmen in der Hälfte der Fälle unter 30-Jährige in Anspruch, die Hälfte der Chat-Nutzer lebt allein. Auffallend hier: Während in zehn Prozent der Telefonate Suizidalität ein Thema ist, sind es in den Chats etwa 30 Prozent. Es sind keine offenen Chatrunden, sondern Zweier-Gespräche zwischen dem Nutzer und dem Mitarbeiter. Dieses Medium „bietet eine noch größere Anonymität“, so Bernd Wagener – denn es entfalle nicht nur der individuelle Klang der Stimme, sondern auch alles, was die Stimme auf nonverbaler Ebene über das gesprochene Wort hinaus ausdrückt. Außerdem „muss niemand Angst haben, die Fassung zu verlieren – niemand muss etwas vorspielen“. Menschen mit psychischen Problemen haben mitunter die Tendenz, unbedingt die Countenance wahren und eine Fassade aufrechterhalten zu wollen; ein zusätzlich kräftezehrendes Verhalten. Im Chat entfällt das: Tränen, Wut, Zittern – der Gesprächspartner bekommt das nicht mit, wenn man es nicht möchte.

E-Mails würden oft „für ganz schwierige Probleme“ verwendet, erläutert Bernd Wagener. 60 Prozent der Nutzer sind jünger als 30, nur 15 Prozent alleinlebend, noch häufiger als in den Chats geht es um Suizidalität (Februar: 35 Prozent der Fälle; März: 41 Prozent). Über die Anonymität des Chats hinaus mache dieser Kanal „sogar mehrere Anläufe möglich“, um die persönlichen Schwierigkeiten und Ängste zu formulieren, für alles „was man nicht über die Lippen bringen, aber tippen kann“. Auffällig ist gerade hier die geringe Quote von Alleinlebenden. „Ich lese häufig Mail, die etwa so beginnen: ,Ich habe etwas auf dem Herzen, worüber ich aber mit meiner Familie und meinen Freunden nicht sprechen kann, weil ich mich schäme oder Angst habe, ihnen zur Last zu fallen'“, sagt Bernd Wagener. Dieser schriftliche Weg ersetze zwar in den ernsten Fällen nicht andere Hilfsangebote. „Aber es ist ein erster Schritt.“

Das Team

Rund 90 Ehrenamtliche arbeiten derzeit bei der Telefonseelsorge Siegen. Die Leitung ist 24 Stunden am Tag sieben Tage in der Woche besetzt, gelegentlich wird derzeit eine zweite Leitung in Siegen geöffnet. Das Team hält sich intern natürlich an die Abstandsregelungen, die Übergabegespräche zwischen zwei Schichten erfolgen auf Distanz. „Leider können unsere 14-tägigen Supervisionsgruppen derzeit nicht stattfinden“, sagt Bernd Wagener – also jene Runden, in denen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über ihre Erfahrungen und Erlebnisse während der Schichten sprechen und selbst Unterstützung erfahren. Statt dessen gebe es momentan Telefonmeetings und Chatgruppen. „Wir entwickeln neue Formate, wie wir Supervision anbieten können.“

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