Kultur in der Krise

Corona in Siegen: Was Bruchwerk, Apollo und Kultur Pur tun

Das Team des Bruchwerk Theaters – Tim Lechthaler, David Penndorf und Milan Pesl (von links) – bietet mit „Quarantäne. Eine Endzeitdekadenz“ die erste Live-Stream-Lesung an. Ohne Saalpublikum.

Das Team des Bruchwerk Theaters – Tim Lechthaler, David Penndorf und Milan Pesl (von links) – bietet mit „Quarantäne. Eine Endzeitdekadenz“ die erste Live-Stream-Lesung an. Ohne Saalpublikum.

Foto: Viktor Dobek

Siegen.  In Siegen und dem Siegerland liegen die Spielpläne der Bühnen wegen Corona vorerst auf Eis. Das Bruchwerk Theater reagiert mit einem Live-Stream.

Auf Siegens Bühnen ist coronabedingt der Vorhang gefallen, alle Aufführungen und Auftritte sind für die kommenden Wochen abgesagt. Oder fast alle: Das Bruchwerk Theater in der Siegbergstraße plant für Dienstag, 24. März, seine erste reine Live-Stream-Darbietung – die erweiterte Lesung „Quarantäne. Eine Endzeitdekadenz“.

Bruchwerk Theater in Siegen mit erstem Live-Stream

Das Stück. 16 Texte, manche sehr kurz, andere länger, stehen im Mittelpunkt. Levia Murrenhoff, Werner Hahn und Milan Pešl werden diese teils als klassische Lesung, teils in Form von Klangcollagen präsentieren. „Wir haben versucht, Texte zusammenzutragen, die auf die aktuelle Situation reagieren“, erläutert David Penndorf vom Bruchwerk. Das sei quer durch die Literaturgeschichte geschehen. Auf dem Programm stehen etwa Goethe, Georg Trakl, Sybille Berg oder Roger Willemsen, auch eigene Beiträge der Akteure. Es geht um die Themenblöcke „Angst“ – und wie sich damit umgehen lässt, etwa mit Humor oder Lebenstrotz –, „Melancholie“ und „Erotik“. Letzteres scheine vielleicht „im ersten Moment weit hergeholt“, sagt David Penndorf. Aber Angst und Melancholie seien Zustände, in denen viele Menschen Nähe suchten. Außerdem gebe es in der Literatur häufig die Verbindung von Tod und Erotik. Düster werden soll der Abend allerdings nicht. Ebenso wenig, das betont der Bruchwerker, soll die Krise karikiert werden: „Wir erhoffen uns einen positiven, optimistischen, inspirierenden Hauch, ohne irgendetwas zu verharmlosen.“

Die Umsetzung. Die besondere Form der Inszenierung und Präsentation erfordert aufgrund der Lage nicht nur in künstlerischer, sondern auch in logistischer Hinsicht Kreativität. Vorab wird das technische Setting mit Kamera und Mikrofonen aufgebaut, die Akteurin und die zwei Akteure müssen „mit genügend Abstand“, wie David Penndorf unterstreicht, verteilt werden. Zu sehen ist der Live-Stream auf Youtube. Tim Lechthaler vom Bruchwerk moderiert vom heimischen PC aus Stream und Live-Chat. Die Zuschauer können so schon während der Darbietung mitreden und im Anschluss am Publikumsgespräch teilnehmen. Für die Nutzer ist der Live-Stream kostenlos.

Die Idee. Die Idee für die Lesung sei vor etwa zweieinhalb Wochen aufgekommen, als die Krise und ihre Auswirkungen offensichtlich wurden, sagt David Penndorf. Zu diesem Zeitpunkt sei noch geplant gewesen, den Live-Stream zusätzlich zum Saalpublikum zu schalten. Auch das Bruchwerk hat aber inzwischen seine Türen geschlossen, so dass nur noch die Online-Übertragung blieb. Außerdem sei angesichts der rasanten Entwicklungen die Textauswahl teilweise noch verändert worden.

Die Gesamtlage. „Wir haben unser komplettes Jahresprogramm über den Haufen geworfen“, sagt David Penndorf. Da momentan nicht abzusehen sei, wie sich die Situation entwickelt und wie lange die Schließungen von Kultureinrichtungen anhalten werden, sei verlässliche Planung nicht möglich. Fest stehe schon, dass der Premierentermin für die Produktion „Fische“ von Nele Stuhler am 9. Mai nicht zu halten sei – allein schon, weil die Proben nicht stattfinden können. Das Bruchwerk als privates Theater kommt in eine schwierige Lage. „Mit den Einnahmen aus den Eintrittsgeldern decken wir unsere laufenden Kosten“, sagt David Penndorf. Zwar gebe es darüber hinaus Spenden und Unterstützer, doch das Theater sei auf den Kartenverkauf angewiesen. „Ein, zwei Monate schaffen wir. Aber dann wird’s eng.“ Auf seiner Homepage bittet das Bruchwerk deshalb um weitere Spenden. Das Haus ist dem Team aber nicht nur aus finanziellen Gründen so wichtig, unterstreicht der Mitgründer: „Wir scharren alle mit den Füßen – auch, weil wir persönlich Theater machen wollen.“

Apollo-Theater verschiebt „Fußball.Frauen.Siegen“

Der Spielplan. Digitale Events seien momentan nicht geplant, wie Nadine Höchst, Pressesprecherin des Apollo-Theaters, sagt. „Wir müssen erst einmal abwarten, was die Behörden vorgeben, wie es nach dem 19. April weitergeht.“ Die Spielzeit 2019/20 läuft noch bis 21. Juni, welche Aufführungen zu halten sind, wird sich noch zeigen. Die Eigenproduktion „Fußball.Frauen.Siegen“, geschrieben von Intendant Magnus Reitschuster und Werner Hahn, Leiter Junges Apollo (und Mitwirkender der „Quarantäne“-Lesung im Bruchwerk) wird jedenfalls nicht wie geplant Premiere feiern – die war nämlich für den 18. April vorgesehen. Da Proben unmöglich und zudem Schulen an der Aufführung beteiligt sind, dort aber ebenfalls Zwangspause herrscht, wandert diese Produktion komplett in die Spielzeit 2020/21.

Das Team. Zu tun hat die Apollo-Belegschaft trotzdem einiges – nicht nur die Programmverantwortlichen, auch die Techniker. „Sie ziehen Wartungsarbeiten vor“, erläutert Nadine Höchst.

Das Publikum. „Wir haben nur sehr wenige negative Nachrichten von unserem Publikum bekommen“, sagt die Theater-Sprecherin. „Wir stoßen eher auf großes Verständnis.“ Dies gelte auch und gerade für die Abonnenten. Natürlich gäbe es die Möglichkeit, sich Tickets für verschobene Veranstaltungen erstatten zu lassen. „Aber die meisten sagen: ,wir warten ab’“, so Nadine Höchst. „Wir sind sehr dankbar, dass unser Publikum so gut reagiert.“

Lyz und Kultur Pur: Vorbereitungen für Festival auf dem Giller laufen weiter

Die Absagen. Daubs Melanie verschiebt „Nachgehackt“ vom 4. April auf den 10. Oktober, die anderen Termine im Lyz sind bis zum 18. April abgesagt. „Das tat und tut weh“, sagt Andreas Schmidt vom Kulturbüro des Kreises Siegen-Wittgenstein. Mirja Regenburgs Gastspiel am 15. Mai ist ebenfalls abgesagt, darüber hinaus steht für Mai und Juni ohnehin nur noch jeweils eine Veranstaltung auf dem regulären Lyz-Spielplan, bevor im September die neue Spielzeit beginnt.

Das Zeltfestival. „Wir gehen noch davon aus, dass Kultur Pur stattfinden kann“, sagt Andreas Schmidt. Das Festival auf dem Giller, für das unter anderem Tom Jones, Suzi Quatro und Mark Forster angekündigt sind, soll in seiner 30. Auflage vom 26. Mai bis 1. Juni laufen. Ob es dabei bleibt, lässt sich aktuell nicht sicher sagen, „weil die Ereignisse sich überschlagen“, räumt Andreas Schmidt ein. „Aber wir arbeiten weiter daran.“ Bisher gestalte sich der Vorverkauf aber schleppend, weil viele Menschen abwarten.

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