Lebensmittelversorgung

Corona Siegen: Wenn Kunden im Supermarkt mit Prügel drohen

Wegen Toilettenpapier ist es in vielen Siegerländer Supermärkten zu haarsträubenden Szenen und Auseinandersetzungen mit aufgebrachten Hamsterkäufern gekommen.

Wegen Toilettenpapier ist es in vielen Siegerländer Supermärkten zu haarsträubenden Szenen und Auseinandersetzungen mit aufgebrachten Hamsterkäufern gekommen.

Foto: Rene Traut

Siegerland.  Inzwischen entspannt sich in den Supermärkten im Siegerland die Lage – nur Klopapier gibt es noch nicht genug. Eine Zeit lang war es turbulent.

Die Situation im Lebensmittelhandel entspannt sich. Merklich. Dafür war sie zeitweise aber auch sehr angespannt: Ansturm auf die Supermärkte, Hamsterkäufe, leere Regale, aggressive Kunden, Überstunden. Dabei die Umsetzung der Sicherheitsmaßnahmen mit Spuckschutzen und Begrenzung der Kundenzahlen, Desinfektionen,... Seit dieser Woche aber, wie gesagt: langsam Entspannung.

Die Corona-Vorsichtsmaßnahmen in Siegerländer Supermärkten

Als es losging mit dem Hamstern und Horten, „da war es schon extrem, auch bei uns“, sagt Klaus Wolf, Leiter von Denn’s Biomarkt an der Weidenauer Straße in Siegen. „Wir kamen mit der Arbeit kaum noch hinterher und die Lieferanten mit der Ware nicht.“ Seine Leute mussten dem Ansturm der Kunden begegnen, die Schutz- und Hygienemaßnahmen einhalten, dazu kam die eigene Unsicherheit, wie man sich richtig verhält.

Denn Abstand halten sollen auch die Beschäftigten, etwa beim Einräumen der Waren – untereinander und zu den Kunden. Einbahnstraßenregelung zur Kontaktvermeidung mussten aufgebaut, Klebestreifen zur Markierung aufgebracht, Plexiglasscheiben an den Kassen montiert werden. Dazu die Reinigungs- und Desinfektionsarbeiten: „Wir machen das sowieso immer – aber jetzt nicht mehr zwei Mal am Tag, sondern stündlich oder noch öfter“, sagt Klaus Wolf.

Nur eine bestimmte Anzahl Kunden darf gleichzeitig in die Läden. Bei Edeka Haupt in Weidenau sagt Philip Senner derzeit unzählige Male „Guten Tag, bitte benutzen Sie einen Einkaufswagen“. Der Lebensmittelmarkt lässt maximal 50 Personen gleichzeitig ins Geschäft, so Marktleiter Stephan Haupt – also kommt nur hinein, wer einen der derzeit auf 50 Stück limitierten Einkaufswagen hat.

Siegen: Warum Kunden jetzt oft nur mit Einkaufswagen in den Supermarkt dürfen

Viele Supermärkte verfahren nach diesem Prinzip, um die Zahl der Kunden besser kontrollieren zu können – andernfalls müsste am Eingang jemand zählen. Edeka Haupt leistet sich zusätzlich Student Philip Senner, der sogar nach jeder Benutzung die Einkaufswagen desinfiziert.

Kundin Ulrike Fuchs ist an diesem Morgen mit ihrem Partner einkaufen, beide brauchen einen Einkaufswagen, auch wenn sie im gleichen Haushalt leben. Dank der Einkaufwagen halten die Kunden auch einen gewissen Abstand zueinander, sagt Senner. „Ich finde diesen Schritt sehr gut. Irgendwo muss ja mal angefangen werden“, meint Ulrike Fuchs. Findet auch Gabriele Hörnig: „Ich komme aus der Pflege und weiß, wie wichtig Hygiene ist. Es geht darum, sich selbst und andere zu schützen.“ Marktleiter Haupt hat auch Desinfektionsmittelspender bestellt – aber bis die kommen, dauert es wohl noch.

Klaus Wolf hat beobachtet, dass die Menschen zügiger einkaufen, lange Warteschlangen gebe es kaum noch. Seine Kassen sind möglichst alle besetzt, um den Durchfluss zu erhöhen. Personal dafür ist da – das Bistro ist geschlossen, an der Käsetheke wird vorerst nicht bedient.

Die Beschäftigten in den Siegerländer Supermärkten haben schwer geschuftet

Viele Lebensmittelmärkte berichten von turbulenten Szenen, dass die Polizei gerufen werden musste und Sicherheitsdienste engagiert wurden. Die stellvertretende Marktleiterin eines Wilnsdorfer Supermarkts erzählt von einem Kunden, der ihr „auf die Fresse hauen“ wollte, weil es kein Toilettenpapier mehr gab. Der Mann habe auch in einem anderen Markt Hausverbot bekommen. Alle Händler berichten aber auch, dass die meisten Kunden sehr freundlich, rücksichts- und verständnisvoll seien. „Ganz viele haben uns Mundschutze genäht und Kuchen oder Pralinen geschenkt“, berichtet die Wilnsdorferin. Seine Mitarbeiter hätten alle vorbildlich reagiert und klaglos die Mehrbelastung hingenommen, betont Klaus Wolf.

Vor Probleme stellte viele Beschäftigte der ÖPNV – viele sind auf den Bus angewiesen, der nur bis 20 Uhr fuhr. „Wir haben bis 20 Uhr offen, vor 20.30 Uhr ist man nicht raus – da kommt kein Bus mehr“, sagt Klaus Wolf. In Wilnsdorf halfen sich die Beschäftigten gegenseitig, bieten Mitfahrgelegenheiten, die mit Auto bleiben länger, damit die ohne zum Bus laufen können. Das wird sich ab Montag, 23. März, ändern.

Die Versorgung in der Corona-Krise: Klopapier fehlt im Siegerland immer noch

Einzelne Produkte fehlten noch – Hefe zum Beispiel, was länger für die Nachproduktion benötigt, Mehl, Flüssigseifen und natürlich Toilettenpapier, berichtet Klaus Wolf. Beschränkungen habe man aber nicht erlassen: Viele Kunden kämen zum Wocheneinkauf und nähmen dann zum Beispiel einen Karton Milch mit – diesen Stammkunden möchte Wolf das nicht verbieten. Und inzwischen sei es zum Glück auch nicht mehr nötig.https://interaktiv.wp.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/#regio

Auch in Wilnsdorf ist Toilettenpapier nach wie vor Mangelware – es wird zwar täglich nachgeliefert, „aber manche Leute rennen direkt durch“, erzählt die stellvertretende Marktleiterin. Man räume neue Lieferungen oft zeitversetzt ein, damit alle Kunden die Möglichkeit haben, sich zu versorgen; insbesondere die, die wirklich Klopapier benötigen. Bei manchen wisse man ja, dass sie erst vor zwei Tagen Pakete gekauft haben, sagt die Frau. „Dann sagen wir auch mal: Das bleibt jetzt hier, lassen Sie anderen auch etwas.“

In Netphen bekommen Familien mit Kindern Probleme bei der Lebensmittelversorgung

Bei der städtischen Info-Hotline „Netphen hilft Netphen“ (02738/603-146) gingen viele Anrufe ein, weil Familien mit mehreren Kindern durch die Beschränkung auf haushaltsübliche Mengen nicht mehr ausreichend Lebensmittel einkaufen können. Problematisch sei auch der Einkauf für Ältere oder Hilfsbedürftige durch Helfer.

Bürgermeister Paul Wagener hat sich in einem Schreiben an die Lebensmitteleinzelhändler gewandt. Sein Vorschlag: Familien weisen ihren besonderen Bedarf nach, etwa mit dem Kindergeldbescheid; Helfer der Aktion „Netphen hilft Netphen“ erhalten eine vom Bürgermeister unterschriebene Bescheinigung; andere Helfer legen auch den Personalausweis desjenigen vor, für den eingekauft wird.

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