Corona-Impfung

Demenzzentrum Netphen: Alle Bewohner in einer Stunde geimpft

Hund Shadow passt auf - die Bewohnerin ist ein wenig beruhigt, die Impfung schnell überstanden.

Hund Shadow passt auf - die Bewohnerin ist ein wenig beruhigt, die Impfung schnell überstanden.

Foto: Hendrik Schulz

Netphen.  Demenzkranke zu impfen, kann schwierig werden. Aber nicht in Haus St. Anna in Netphen, da klappt das wie am Schnürchen. Auch mit tierischer Hilfe

"Rechts oder links?", fragt Frau A. und schiebt die Pulloverärmel hoch. "Schreiben Sie mit rechts? Dann links", antwortet Dr. Wilhelm Litz. "Stehen oder sitzen?" Frau A. findet, dass sie sich ruhig auch mal setzen kann. Ein bisschen Desinfektionsspray, ein kleiner Piks, "das wars? Ach du meine Güte", sagt sie fröhlich. "Das war ja spitze! Jetzt kann der Besuch kommen."

Frau A. ist eine von 57 demenziell veränderten Menschen, die im Haus St. Anna in Netphen leben. Demenzkranke zu impfen kann eine Herausforderung sein. Die meisten wissen nichts von der Corona-Situation, die die Welt seit Monaten im Griff hat. Sie verstehen nicht mehr, warum alle eine Maske tragen. Sie machen sich keine Sorgen um die Zukunft. Aber eine Impfsituation wie im Dachgeschoss des Demenzzentrums der Mariengesellschaft an der Brauersdorfer Straße ist für sie ungewohnt.

 

Der Impfstoff kommt mit Polizeibegleitung in Haus St. Anna an

In Netphen ist das Team auf alles vorbereitet und es klappt wie am Schnürchen. Impfstoff für 90 Dosen hat Heimleiter Stephan Berres für diesen Tag bestellt, mit Polizeibegleitung wurde die Vakzine geliefert. Mit langem Vorlauf haben Berres und sein Team alle Unterlagen besorgt, Aufklärungsgespräche mit Angehörigen geführt und Einverständniserklärungen eingeholt. Die Bewohner von St. Anna verstehen ja nur noch begrenzt, worum es eigentlich geht.

Dr. Harald Menker und Dr. Wilhelm Litz sind die "Hausärzte" in St. Anna und führen die Impfungen durch. Das Team ist eingespielt: Medizinische Fachangestellte Katrin Jagdhofer hat viel Erfahrung, den Impfstoff auf die Spritzen zu ziehen und assistiert Dr. Litz, Ruth Hermann hilft Dr. Menker. "Sie ist die Impfkönigin", sagt ihr Chef. Beide Praxen haben zusammen gut 80 Prozent der Grippeschutzimpfungen in Netphen durchgeführt, schätzt Menker.

Hunde tragen dazu bei, die Bewohner zu beruhigen

Die Pflegekräfte bringen nach und nach die Bewohner ins "Impfzimmer". Demenziell veränderte Menschen sind oft rastlos, nicht orientiert, immer unterwegs auf den Fluren, gehen auch mal ins nächstbeste Zimmer. Vorsichtig werden die alten Menschen hereinbegleitet, zum Stuhl bugsiert. "Alles gut? Hallo!", sagt Dr. Menker freundlich. "Herr G., es pikst gleich", sagt die Pflegerin und streicht dem alten Mann sanft über die Schulter. Bevor Herr G. richtig sitzt, hat Ruth Hermann schon gesprüht, hat Dr. Menker schon geimpft. Pflaster drauf, der nächste.

Ein Mann in einem tiefen Ohrensessel auf Rollen wird hereingeschoben, an der Leine Hund "Shadow". "Wauwau", sagt der Mann. Tiere sind Teil des Alltags in Haus St. Anna, sie beruhigen die alten Menschen. Und sie beruhigen auch beim Impfen. "Der Hund passt auf", sagt Frauchen Heike Berres und auch dieser Piks ist schon vorbei.

Manche Bewohner scheinen fast gar nichts zu merken, wenige sind ängstlich, weigern sich. Das Team tut alles, um sie zu beruhigen und so geht es schnell voran. "Das war aber kalt", sagt eine Frau und lacht irritiert. "Du liebe Zeit, was ist denn hier los", sagt eine andere an der Zimmertür.

Mit Schutzkleidung und Spritze in den Kampf gegen das Coronavirus

Ein ständiges Kommen und Gehen. Katrin Jagdhofer zieht Spritzen auf, Pflegekräfte führen Bewohner herein, die Ärzte sprühen, piksen, kleben Pflaster. Wenn man die Leute kennt, sagt Stephan Berres, kann man auf sie eingehen, eine entspannte Atmosphäre schaffen. Er kennt die Leute und sein Team auch. Sie schäkern und witzeln, streicheln und beruhigen. Demenz ist nicht rational, erklärt Dr. Menker, man muss immer auf die Situation, auf den Menschen, auf seine Gemütslage eingehen. Es reiche nicht, zu sagen "Setz Dich da hin". "Tach Meister", ruft Berres einem Mann entgegen und reicht ihm die Hand. "Joa, woa", sagt der zwinkernd.

"Früher kämpften die Ritter mit Rüstung und Schild", sagt Harald Menker in einer kurzen Pause, halb amüsiert, halb nachdenklich. "Heute ziehen wir mit Schutzkleidung und Spritze in diesen großen Kampf der Menschheitsgeschichte." Unten, am Eingang, so dass jeder es lesen kann, hängt ein Zettel. Darauf das Bild eines fiesen Coronavirus' und in großen Buchstaben: "Heute 1. Impfung - Attacke dem Virus!"

Eine Bewohnerin findet die Situation sichtlich unbehaglich, sie jammert leise schon als sie den Raum betritt. Schulter freilegen, das kalte Desinfektionsspray, ihr Jammern steigert sich, ein kurzes Jaulen als es pikst und die Pflegerin nimmt sie in den Arm. "Alles gut Frau L.", sagt sie. Ein alter Herr mit versteinerter Miene betritt hocherhobenen Hauptes das Zimmer, "sehen Sie, lauter Doktoren - wie Sie", sagt die Pflegerin. Der Mann wehrt sich, möchte seinen Arm nicht freilegen. "Wenns nicht geht, lassen wirs", sagt Dr. Menker. Es geht aber doch.

Auf dem Flur hat die Impfung eine Art Erlebnis-Charakter angenommen. "Du warst schon?", sagt die eine wartende Bewohnerin zur anderen. "Ich bin gleich dran." Eine Dame hat sich nach der Impfung auf einen Stuhl gesetzt, als ihre Freundin das Zimmer betritt, setzt sie sich daneben. Dann wird halt da geimpft, Stuhl ist Stuhl. Kragen runter, Spray, Pieks, "so macht Ihr das also", sagt die Frau freundlich und nimmt ihre Freundin an die Hand.

Der Stuhl bei Dr. Menker ist frei, Frau K. spaziert aber schnurstracks auf Dr. Litz zu. "Der gefällt mir auch ganz gut", ruft sie gut gelaunt und der Mediziner grinst hinter seiner Maske. Stephan Berres winkt ihr. "Ich bin froh, dass Du schonmal da bist", ruft sie. "Ich hab sie alle lieb", ergänzt Frau K. "Oh, was seid Ihr schön", sagt sie beim Hinausgehen zu Dr. Litz. Der muss wieder grinsen.

Ein Bewohner will sich nicht impfen lassen. "Damit Sie nicht krank werden", versucht es die Pflegerin, "was glaubst Du, was ich für 'nen Körper habe", kontert der frühere Sportler. Die Grippeimpfung hat er zwar auch bekommen, "nee, lassen se mal", wehrt sich der Mann. "Aber der T. hat Sie doch angemeldet!", neuer Versuch der Pflegerin. "Achsooo", sagt er. "Tut da was weh?" Da ist es schon vorbei. Grinsen, "gut gemacht, gut, prima, fein." Schokolade gibt's auch noch, will er aber nicht. "Ich bin doch kein Schnucker!"

Nach den Bewohnern sind die Beschäftigten von Haus St. Anna mit Impfen dran

Nach knapp einer Stunde sind alle 57 Bewohner geimpft, dann sind die Beschäftigten an der Reihe, erstmal knapp die Hälfte der 65. Wenn es zu Reaktionen des Körpers auf die Impfung kommt, dann nach der zweiten Injektion. Anfang Februar ist die in Haus St. Anna und nur für den Fall, dass seinen Leuten übel wird, hat Stephan Berres die Belegschaft "geteilt".

Und dann noch sieben Tage - dann herrscht endlich wieder Sicherheit, sagt der Heimleiter. Einigermaßen. Immer, wenn in den vergangenen Monaten jemand hustete, dachten sie in Haus St. Anna sofort ans Schlimmste. Ist das Virus einmal drin, haben es alle. Demenzkranke halten keinen Abstand, tragen keine Maske. Hygienemaßnahmen und täglich Fiebermessen wird es weiter geben. Auch die Schnelltests für alle Besucher am Eingang, "das macht gottseidank das DRK, das hilft uns wirklich sehr", sagt Berres. "Wir haben vor zwölf Monaten gesagt: Corona kriegen wir nicht. Und da bleiben wir auch bei."

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